Aufklärung über geschichtliche Prozesse

Buchempfehlung zu: Mark Jones, 1923. Ein deutsches Trauma

Ein ideales Timing kann man dem irischen Historiker Mark Jones nicht absprechen. 2017 war er mit seinem Buch „Am Anfang war Gewalt“ an die Öffentlichkeit getreten, das sich mit der Entstehung der Weimarer Republik im Kontext der deutschen Revolution der Jahre 1918 und 1919 befasste. Fünf Jahre später hat er nun, 2022, ein Werk unter dem Titel „1923. Ein deutsches Trauma“ auf den Markt gebracht. Dabei hat der Autor sich jedoch wohl nicht nur von der simplen Einsicht treiben lassen, dass die Deutschen gerne Bücher kaufen, die sich an der 100. Wiederkehr von Epochenjahren orientieren.

Abspüren lässt sich dem Buch vielmehr die – begründete – Überzeugung, durch historische Analyse und Reflexion zu einer Aufklärung über geschichtliche Prozesse beizutragen, die auch von gegenwärtiger Relevanz ist. Für die deutsche Leserschaft handelt es sich dabei gewissermaßen um eine „Selbstaufklärung“; denn Jones‘ Bücher eröffnen ein tieferes Verständnis für historische Entwicklungen, die nicht nur die deutsche Geschichte, sondern zugleich das kollektive Gedächtnis und politische Mentalitäten in der longue durée, der in langen Zeiträumen betrachteten Geschichte, geprägt haben.

Indem Jones eine Studie über das Jahr 1923 vorlegt, fokussiert er ein Jahr, dessen Ereignisse nachhaltigen Einfluss auf das spannungsreiche Verhältnis der Deutschen zu ihrer ersten Republik hatte, und betrachtet damit zentrale Aspekte der Demokratie-Geschichte Deutschlands gleichsam unter dem Brennglas. Dabei liegt es Jones fern, die letztlich arbiträren Grenzen des Kalenderjahres zu einem inhaltlichen Kriterium zu erheben – und so beginnt das Buch nicht erst mit der französischen Ruhrbesetzung im Januar 1923, sondern bereits mit dem Rathenau-Mord 1922 und reicht mit dem seit Dezember 1923 erarbeiteten Dawes-Plan zur Regelung der deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges weit in das Jahr 1924 hinein.

Zwischen diesen Wegmarken bieten die – dann wieder kalendarisch strukturierten – zwölf Kapitel aber spannende Einzelstudien zu zentralen Ereignissen eines von drohendem Bürgerkrieg, Inflation und politischem Extremismus von rechts und links geprägten Jahres. Dabei gelingt es Jones, wie bereits in seiner Monographie „Am Anfang war Gewalt“, makrogeschichtliche Fragestellungen derart zu – durch intensive Quellenarbeit erschlossenen – mikrogeschichtlichen Fallstudien in Beziehung zu setzen, dass neue Perspektiven und Einsichten erschlossen werden. Dies gilt für die massenweise Vergewaltigung deutscher Frauen durch französische Besatzungssoldaten ebenso wie für antisemitische Gewalttaten im Kontext des erstarkenden Rechtsextremismus – aber auch für Beispiele gelingenden Krisenmanagements einer demokratischen Regierung.

Mark Jones, 1923. Ein deutsches Trauma. Basierend auf neu erschlossenem Quellenmaterial aus europäischen Archiven, aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Berlin: Propyläen, 2022;. 384 S., Hardcover, € 26,00 – ISBN 9783549100301

Tilman Asmus Fischer

O. T. erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2022.

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