Militärgeschichte als Militärkritik

Rezension zu: Sönke Neitzel, Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin 2020.

Tilman Asmus Fischer

Unter dem programmatischen Titel „Kirchengeschichte als Kirchenkritik“ erschien unlängst ein Sammelband mit Beiträgen des profilierten konservativen Kardinals Walter Brandmüller. Man könnte fast verleitet sein, das neue Buch „Deutsche Krieger“ des Profanhistorikers Sönke Neitzel unter den inoffiziellen Titel „Militärgeschichte als Militärkritik“ zu subsummieren. Nicht, dass Neitzels Standardwerk, welches vom Kaiserreich bis in die Gegenwart reicht, eine verteidigungspolitische Programmschrift im Kleide einer wissenschaftlichen Studie wäre. Dem schieben bereits das umfangreiche zugrundeliegende Quellenstudium sowie die analytische Schärfe des Verfassers einen Riegel vor. Jedoch leitet ebendiese analytische Schärfer den aufmerksamen Leser zu einem kritischen Nachdenken über das deutsche Militär an – und zwar sowohl in seiner facettenreichen Geschichte als auch in seiner gegenwärtigen Gestalt.

Die methodischen Prämissen seiner Analyse entfaltet Neitzel in der Einleitung, welche bereits die entscheidende sozialgeschichtliche Dimension begründet, die der Verfasser in seiner Untersuchung starkmacht, indem er – anhand der Landstreitkräfte – nach „tribal cultures“ [S. 19] der Truppengattungen fragt. Chronologisch durchschreitet das Buch sodann die Geschichte der Reichswehr in Kaiserreich und Weimarer Republik sowie der Wehrmacht im Dritten Reich, um sodann in zwei zeitlich parallel verlaufenden Kapiteln die Bundeswehr der Bonner Republik sowie (in knapperer Form) die Nationale Volksarmee zu beleuchten. Mit dem letzten Kapitel – zur Bundeswehr der Berliner Republik – schlägt Neitzel die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, um abschließend nochmals die Grundlinien seiner Untersuchung in einem Resümee nachzuzeichnen.

Bundesminister der Verteidigung Theodor Blank am Rednerpult (darüber „Eisernes Kreuz“) bei Ansprache zur Überreichung der Ernennungsurkunden für die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr am 12 November 1955 in der Ermekeilkaserne, Bonn. (Bundesarchiv, Bild 146-1995-057-16 / CC-BY-SA 3.0)

Hierzu gehört insbesondere die Einsicht, dass sich – unabhängig von oder auch im Kontrast zur BMVg-eigenen Erinnerungspolitik und zumal angesichts des Versäumnisses, eine eigene jüngere Tradition auszubilden – durchaus „tribal cultures“ [S. 596] über die unterschiedlichen Phasen deutscher Militärgeschichte hinweg bis in die Gegenwart hinein erhalten haben, für die das Bild des ‚Kriegers‘ weiterhin von nicht zu vernachlässigender Bedeutung ist. Neben diesem Befund steht derjenige einer Verteidigungspolitik, die sich – sowohl aufgrund des Traumas deutschen Militarismus als auch geprägt von der lange währenden Hoffnung, sich im Zeitalter der ‚Friedensdividende‘ einrichten zu können – durch ein Phänomen auszeichnet, das Neitzel mit dem Begriff des „strukturellen Pazifismus“ [S. 597] fasst.

Wenn sich Neitzel auch anachronistischen Vergleichen enthält, bietet seine detailreiche Studie doch eine Vielzahl von historischen Konstellationen und Situationen, von denen ausgehend sich heutige Verteidigungspolitik befragen lässt. Dies gilt etwa für das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Reichswehr in der Weimarer Republik. Entscheidend war hierfür der Rücktritt von Gustav Noske als Reichswehrminister infolge des Kapp-Putsches und der anschließende Verzicht der SPD auf das Wehrresort: „So verständlich dieser Schritt politisch war, so unglücklich war er rückblickend, da die Sozialdemokratie damit wichtigen Gestaltungsspielraum aufgab.“ [S. 85] Bedenkt man die hierdurch mitbeförderte „Entfremdung von Reichswehr und Republik“, lässt sich angesichts jüngster Sach- und Personalentscheidungen nur hoffen, dass die „ambivalente Haltung“ der SPD „zur Armee“ (S.86), die ihr Neitzel für die erste deutsche Demokratie attestiert, in der Gegenwart nicht neuerlich wirkmächtig(er) wird. 

Unter anderem Titel erschienen in: Zeitschrift Wehrtechnik, Ausgabe I/2021, Seite 85.

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