Ein protestantischer Erinnerungsort

Das Theologische Konvikt plant eine Ausstellung zur Geschichte des eigenen Hauses

Von Tilman Asmus Fischer

Als sich der Förderverein „Konvikt Borsigstraße 5“ im Jahre 2018 auflöste, weil sein Vereinszweck – der Erhalt des früheren Sprachenkonvikts und heutigen Theologischen Konvikts – mit der Übernahme der Nutzung durch die Hilfswerksiedlung erfüllt war, übertrug er sein Vermögen auf die neugegründete „Gemeinschaft des Theologischen Konvikt Berlin e.V.“. Dies war mit dem Auftrag der Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Ausstellung zur Geschichte des historischen Gebäudekomplexes verbunden. Dieses Vorhaben steht nun bald vor der Vollendung. Ab 2023 soll eine 13teilige Schautafelausstellung im Hof des Konvikts die Geschichte dieses protestantischen Erinnerungsorts dokumentieren.

Die Bedeutung wie die Bedeutungsvielfalt dieses Ortes treten bereits aus der Konzeption hervor: So liegt der Schwerpunkt, dem der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, auf der kirchen- und zeitgeschichtlich gewichtigsten Epoche – derjenigen des Sprachenkovikts, der staatsunabhängigen kirchlichen Hochschule in den Jahren der SED-Herrschaft. Hier geht es nicht nur um die Aufrechterhaltung eines Raumes freien theologischen Denkens, sondern zugleich um dessen Bedeutung für politisches Engagement aus christlicher Verantwortung. Dies gilt insbesondere für die im Konvikt – unter Beteiligung evangelischer Theologen wie Markus Meckel – vorbereitete Gründung der Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) im Oktober 1989 und das Bündnis „Demokratie Jetzt“, zu dessen Gründern der am Konvikt tätige Kirchenhistoriker Wolfgang Ullmann zählte.

Jedoch geht die Geschichte des Theologischen Konvikts nicht in derjenigen der Opposition gegen die kommunistische Gewaltherrschaft auf. Vielmehr reicht sie zurück in das diakonische Wirken im Berlin der Kaiserzeit. Sie beginnt 1878 mit der Gründung des Waisenhauses „Zoar“, an das sich bald ein Heim für junge alleinstehende Frauen anschloss, die in die Hauptstadt zogen. Dieses Werk war eine der Institutionen, aus denen die Bahnhofsmission in Deutschland hervorging. Zwischen den 1920er und 1950er Jahren waren zwischen der Borsig- und Tieckstraße verschiedene evangelische Institutionen angesiedelt, darunter bereits ein Studentenwohnheim. Studentisches Leben prägt seitdem die gesamte Anlage um die 1898 bis 1900 errichtete Golgathakirche.

Als Kuratorin konnte die Gemeinschaft des Theologischen Konvikt mit der freischaffenden Historikerin Martina Voigt, eine Spezialistin für die Geschichte des Nationalsozialismus mit einem Schwerpunkt auf der Kirche im Dritten Reich, gewinnen. Diese hatte zuletzt im Auftrag der der Landeskirche und der Kirchengemeinde in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand den 2020 eröffneten Erinnerungsort für Heinrich Vogel im Pfarrhaus von Dobbrikow gestaltet. Der prominente Vertreter der Bekennenden Kirche war nach Ende des Zweiten Weltkriegs Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin, die ihren Sitz in West-Berlin hatte und als deren Ost-Berliner Außenstelle das Sprachenkonvikt firmierte.

Woran es den Initiatoren gegenwärtig noch mangelt, sind historische Aufnahmen der Innenräume bzw. des Studentenalltags früherer Generationen. „Es wäre schon schön, wenn wir zum Beispiel zeigen könnten, wie ein Studentenzimmer in den 1930er oder 1970er Jahren ausgesehen hat“, so Voigt. Frühere Konviktsbewohner und -bewohnerinnen – oder ihre Nachfahren –, die über Fotografien, Zeichnungen oder andere spannende Dokumente der Hausgeschichte verfügen, sind gebeten, diese dem Konvikt zur Digitalisierung und möglichen Verwendung in der Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Weitere Informationen und Kontakt zum Konvikt: www.theologischeskonvikt.de; Ephorus Pfarrer Dr. Volker Jastrzembski: 030 / 53 64 96 81Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 23/2022.

Gotteshaus als Ort der Lokalgeschichte

In der früheren Kleinmachnower Auferstehungskirche entsteht ein Lokalmuseum. Ein Wochenende mit Interviewfilmen eröffnet zeitgeschichtliche Einblicke

Von Tilman Asmus Fischer

Am Karfreitag des Jahres 2018 war die Kleinmachnower Auferstehungskirche entwidmet worden, nachdem durch zuzugsbedingtes Gemeindewachstum der Umzug in ein neugebautes Gemeindezentrum mit Kirchsaal notwendig geworden war. Fast ein halbes Jahrzehnt später kehrt nun wieder Leben in das zwischenzeitlich durch die Kommune erworbene Baudenkmal ein: Auf einen letztjährigen Beschluss der Gemeindevertretung hin entsteht ein Kleinmachnow-Museum. Hiermit entspricht die Politik einem jahrzehntelangen Wunsch aus der Zivilgesellschaft, den bereits seit den 1990er Jahren der Heimat- und Kulturverein Kleinmachnow artikuliert hatte und dessen sich in den vergangenen Jahren zudem die Museumsinitiative Kleinmachnow angenommen hatte. Dritte im Boot ist die Aktionsgruppe Stolpersteine Kleinmachnow. Alle drei Vereine haben ihren Sitz im früheren Gotteshaus im Jägerstieg, wo sie zudem die fortgesetzte Beteiligung der Zivilgesellschaft an dem von der Gemeinde getragenen Museum sicherstellen sollen. Gegenwärtig richten sich die Planungen auf den anstehenden denkmalschutzgerechten Umbau – künftig sollen festangestellte Mitarbeiter den Archiv- und Ausstellungsbetrieb sicherstellen. Hans Schimkönig, zweiter Vorsitzender der Museumsinitiative freut sich, dass damit in absehbarer Zeit ein Museum für diesen „spannenden Ort am Rande Berlins“ entsteht: „Kleinmachnow war nicht nur ein bekannter Wohnort der DDR-Elite, sondern auch zahlreicher Intellektueller und Künstler, wie Schriftstellerin Christa Wolff. Die Ereignisse der Zeitgeschichte hatten immer auch Einfluss auf die Gemeinde – nicht zuletzt nach der Wende, als es viele Konflikte zwischen Hausbewohnern und Alteigentümern gab.“

Noch vor dem Umbau können sich Interessierte einen Eindruck von den bisherigen Sammlungsaktivitäten der Initiatoren (und vom historischen Gebäude) machen: So präsentiert vom 11. bis 26. Juni die Ausstellung „Kleinmachnower Orte im Wandel der Zeit“ die ersten Ergebnisse eines Foto-Sammlungsaufrufs. Einen eigenen Beitrag zur Dokumentation der Lokalgeschichte seit den Jahren des Nationalsozialismus leistet Schimkönig selbst durch den Aufbau eines Zeitzeugenfilmarchivs. Der studierte Regisseur und Drehbuchautor hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Kameramann Marco Casiglieri 24 Interviewfilme von 50 bis 120 Minuten Länge gedreht, in denen je eine Bürgerin bzw. ein Bürger Kleinmachnows zu Wort kommt. „Ziel ist es“, so Schimkönig, „die Menschen ihre Erlebnisse und Perspektiven berichten zu lassen.“ Diese können durchaus in Spannung zueinander stehen, wie sich an den Jahren der DDR zeigt: „Einige haben gelitten, andere haben das System mitgetragen. Alle haben jedoch Ende der 1980er Jahre gemerkt, dass es knirscht – auch die SED-Leute.“ Zur Premiere acht neuer Interviewfilme ist die Öffentlichkeit vom 17. bis 19. Juni im Rahmen eines langen Filmwochenendes in den Jägerstieg eingeladen. Die älteren Filme stehen im Foyer des künftigen Museums auf Tablets zur Verfügung. Es ist dies bereits die zweite Veranstaltung dieses Formats – neben Präsentationen in den Kleinmachnower Kammerspielen.

Einer der Zeitzeugen, die bereits bei einer der früheren Uraufführungen präsentiert worden waren, ist der Naturwissenschaftler Gerhard Casperson, der sich zur Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung und bereits zuvor in der evangelischen Kirchengemeinde engagierte. Mit ihm kommt auch die Kirche als zivilgesellschaftliche Kraft in den Blick – und somit die Heimstatt des künftigen Museums selbst als lokalgeschichtliches Denkmal. Dies nicht nur als Ort der Erinnerung an Treffen der Umweltbewegung, Gemeindeveranstaltungen mit Systemkritikern wie Stefan Heym oder Bürgerversammlungen des Jahres 1989, von denen Casperson zu berichten weiß. Noch heute zeugt in dem Gebäude ein Kunstwerk von der jüngeren Kirchengeschichte: Es handelt sich um ein Kirchenfenster aus Kunstglas. Geschaffen wurde es in den 1980er Jahren von niemand anderem als dem Grafiker Herbert Sander, dem Schöpfer des bekannten Emblems der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. Dass im Museum Kleinmachnow das Kunstwerk zu sehen sein und über den Künstler informiert werden wird, versteht sich für die Initiatoren von selbst.

2. Langes Filmwochenende im zukünftigen Museum Kleinmachnow: 17. Juni, 17-22 Uhr u. 18./19. Juni, 11-22 Uhr; Jägerstieg 2, Kleinmachnow; Eintritt frei. Weitere Informationen: https://museumsinitiative-kleinmachnow.de/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2022.

Im kulturkritischen Plauderton

Meinhard Miegels Kritik am Kapitalismus und an den Lebensverhältnissen

Von Tilman Asmus Fischer

„Noch’n Kommentar“, dieses Gefühl mag sich – in freier Anlehnung an den Titel der beliebten Lyrik-Anthologie von Heinz Erhardt – bei der Lektüre des neuen Buches von Meinhard Miegel aufdrängen. Zwischen einem Vor- und einem Nachwort hat der Vorstandsvorsitzende des „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“ für die Monate Januar 2017 bis Juni 2020 je eine Reflexion zu Fragen der Zeit versammelt. Auch wenn diese eine große thematische Beliebigkeit aufweisen, kreisen sie doch immer wieder um das zentrale Anliegen des Autors: der Überwindung des gegenwärtigen konsum- oder wachstumsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. „Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter“ heißt sodann auch der floskelhaft anmutende Titel des Büchleins.

Leider gewinnt dieses selbst keinen deutlicheren Tiefgang, sondern verbleibt in der großen Linie bei einem kulturkritischen Plauderton. Dies hat seine Gründe sowohl in der Struktur des Buches als auch in der Gegenwartshermeneutik des Autors. Zunächst einmal sind die Beiträge aus immerhin vier politisch ereignisreichen Jahren chronologisch sortiert, sodass sich, liest man das Buch am Stück, nicht unerhebliche Themensprünge ergeben. Dadurch verspielt Miegel die Gelegenheit, bei der Betrachtung der von ihm fokussierten Problemstellungen in die Tiefe zu gehen, und begnügt sich vielmehr damit, sie immer wieder anzureißen. Leider erlauben es zudem nur einige der Kapitelüberschriften, auf den jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt zu schließen, sodass es noch nicht einmal umfassend möglich ist, interessengeleitet einzelne Kapitel zu einem Fragezusammenhang zu lesen.

Orientierung über die Grundlinie des Buchs vermögen nur Vor- und Nachwort zu geben. Dies ist umso bedauerlicher, als Miegel ja Probleme anspricht, die tatsächlich ernsthafter und dringender Lösungen bedürfen: allem voran das globale Wirtschaften weit jenseits der ökologischen Belastungsgrenzen der Erde. Die hierauf reagierende Einsicht in die Notwendigkeit von umfassend verstandener Nachhaltigkeit – einschließlich unumgänglicher Wohlstandseinbußen in reichen Volkswirtschaften – ist natürlich nicht minder berechtigt.

Leider konzentriert sich Miegel nicht auf diese berechtigte Kritik an unserer Lebens- und Wirtschaftsweise. Vielmehr vermischt er sie mit thematisch disparaten Betrachtungen, die teils über Allgemeinplätze nicht hinauskommen, etwa wenn Miegel zwischendrin mal eben auf zwei Seiten über den Verfall der deutschen Alltagssprache nachsinnt, um rasch zur Einsicht zu gelangen, diese sei „ungemein simpel, um nicht zu sagen grobschlächtig“. Zwar nicht grobschlächtig, aber bei genauerer Betrachtung zumindest simpel ist freilich auch der kulturpessimistische Duktus, in den Miegel selbst immer wieder verfällt. So ist die Kritik am durch die Digitalisierung bedingten Wandel der Technik von ihrer instrumentellen (dem Menschen dienenden) Funktion hin zur Fähigkeit, selbst „das Handeln des Menschen zu steuern“, berechtigt. Diese Beobachtung jedoch – wie Miegel es tut – zum „Ausdruck einer fehlgeleiteten Kultur“ zu stilisieren, ist holzschnittartig.

Mithin scheint sich Miegel in der Rolle des – gerne auch einmal pauschal – Urteilenden äußerst gut zu gefallen. So gut, dass man sich bisweilen fragt, wo hierbei für ihn die Grenzen liegen. Etwa im letzten Kapitel, in dem Miegel problematisiert, dass unsere Gesellschaft „herausragende Leistungen fast nur noch mittels Geld zu würdigen vermag“. Dabei geht es ihm um Top-Gehälter in Wirtschaft – eigentlich… Zum guten Schluss bekommt aber auch noch ein „Gewerkschaftsfunktionär“ sein Fett weg, der, „als Mitglieder seiner Organisation ob ihres großen Einsatzes öffentlich gelobt wurden“, sagte: „Davon können sie sich nichts kaufen. Sie wollen Geld sehen.“ Für Miegel ist klar: „Wie zeitgemäß und doch wie ärmlich!“ Angesichts des Einsatzes von Pflegekräften in der Corona-Pandemie und ihrer teils prekären finanziellen Situation kann man sich nur fragen, mit welchem Maß Miegel hier misst.

Meinhard Miegel: Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter. Oekom Verlag, 160 Seiten, ISBN-13: 978-396238-208-7, EUR 18,–

In ähnlicher Form erschienen am 19. Mai 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auferstehung Christi und Transzendenz der Natur

Im Sinne einer „experimentellen Denkmalpflege“ lädt das Museum Nikolaikirche Künstler ein, das dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallene Wandgemälde „Auferstehung Christi“ in der Grabkapelle der Familie Kraut an seinem historischen Ort durch eigene Werke zu kommentieren. Gegenwärtig wird im Rahmen der Reihe „Kunstraum Kraut“ das Gemälde „Auferstehung, Wiedergeburt, Vergänglichkeit“ von Johanna Staniczek gezeigt. Tilman A. Fischer sprach mit der Künstlerin und Kurator Albrecht Henkys.

Mit dem „Kunstraum Kraut“ haben Sie, Herr Henkys, Künstlerinnen und Künstler zur Auseinandersetzung mit dem Thema Auferstehung eingeladen, auf die Sie, Frau Staniczek, und Ihre Kollegen sich eingelassen haben. Welche Deutungen sind dabei zustande gekommen?

Staniczek: Es sind ganz unterschiedliche Positionen entstanden. Einige Künstler haben sich – wenn auch mit höchst unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen – explizit auf die ehemalige figurative Darstellung bezogen. Andere, wie ich, haben das nicht gemacht. Wichtig war uns aber allen, dass in der Mitte etwas Besonderes ist, wo in der ehemaligen barocken Wanddarstellung der auferstandene Jesus zu sehen war. Heute überlegt man sich: Was ist das für mich, Auferstehung? Jeder denkt mal darüber nach, wie es weitergeht nach dem Tod – spätestens, wenn die Eltern oder ein teurer Freund verstorben sind. Mein Bild entspringt eher aus einem pantheistischen Glauben. Als erstes sieht man die Auferstehung in der Natur – im Zentrum das Kommen des Lichts, der Sonne. Und so, wie die Natur immer wieder aufersteht, ersteht auch der Mensch auf – auch gefühlsmäßig.

Henkys: Mich hat bewegt, wie die Künstlerinnen und Künstler mit dem Paradoxon der anwesenden Abwesenheit oder der abwesenden Anwesenheit umgegangen sind, was ja hier ganz besonders weit getrieben ist, insofern die Anwesenheit des Auferstandenen gar kein Bildthema ist, sondern als Licht symbolisiert wird. Es ist in den zeitlichen Dimensionen der Kunstgeschichte noch gar nicht so lange her, dass man – im späteren Mittelalter – begonnen hat, Auferstehungsszenen zu malen. Diese Unfasslichkeit ist als Bildthema zuvor eigentlich nicht üblich gewesen. Sicher sind bereits auch vor der Reformation Auferstehungsszenen gemalt worden, aber das Auferstehungsthema so dezidiert bildlich zu fassen, ist eigentlich reformatorisch: Die Überwindung des Todes und der Sünden, das mit Vergebung verbundene Heilsversprechen und die Aussicht auf ein neues, ewiges Leben werden durch die Auferstehung symbolisiert. Von da an wird diese Darstellung dann auch in der Grabmalskunst dominant – und so auch in der Kapelle Kraut. Zuvor – als diese reformationstheologischen Ideen noch nicht im Mittelpunkt standen – hat man sich mit expliziten Darstellungen der Auferstehung eher zurückgehalten und diese vor allem durch Pflanzen symbolisiert.

„Auferstehung, Wiedergeburt, Vergänglichkeit“ von Johanna Staniczek

Pflanzen- und Naturelemente sind auch für Ihr Gemälde bedeutend, Frau Staniczek. Woher rührt die Motivik des Bildes?

Staniczek: Hinter den Waldmotiven stehen ganz intensive Erfahrungen aus meiner Kindheit auf der schwäbischen Alb. Das eine ist die Schneeschmelze. Das andere die Bäume, die von jeher für Schutz stehen, bei deren Betrachtung ich auch an Verstorbene, etwa meinen Vater, denke. Für den Entwurf habe ich auch neben den Bäumen Blumen gewählt, die auf mittelalterliche Mariendarstellungen verweisen. Ebenso steht das Blau  des Himmels, das in der Akelei, der Blume der Gotik vorkommt, für das Blau des Schutzmantels der Maria. Die Akelei wurde als Sieg des Lebens über den Tod gedeutet. Bei der Farbgebung habe ich mich an den Farben in der Kapelle und an Farben im Barock orientiert und so im unteren Bereich ganz bewusst auf Erdfarben reduziert – Ocker, einen rötlichen Braunton, Terra di Siena und Caput mortuum. Im oberen Bereich habe ich auch ausschließlich Naturfarben gewählt und nicht etwa für mittelalterliche Mariendarstellungen typische Ultramarinblau.

Henkys: Ich finde, dass Dein bildnerisches Herangehen ganz stark davon mitgeprägt ist, dass Du Deine Materialien selbst herstellst. Du bist vom ersten Moment des Prozesses wirklich engstens verbunden – und auch erdverbunden, indem Du Erdfarben selber anteigst, Dir die Pastellbrocken backst und so weiter. Die Materialien sind in der Natur entstanden und Du holst sie – bildlich gesprochen – aus der Erde und bringst sie auf das Bild. Das ist bemerkenswert sichtbar.

Wie verhält sich der enge Naturbezug in Ihrer Arbeit zur religiösen Dimension Ihres Gemäldes?

Staniczek: Ich habe immer tiefe Empfindungen, wenn ich in einem sakralen Raum stehe, aber auch, wenn ich im Wald stehe. Der Wald ist für mich nicht zum Joggen da. Das kann man machen, aber da steckt noch viel mehr darin. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage: die Pflanzen, die Wälder, die Flüsse, die Erde. Die Umwelt hat immer auch eine transzendente Dimension. Und eine Kunst, in der ich dies erkennen kann, ist für mich das größte.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 15/2022.

Renaissance-Spektakel unter reformierter Hülle

Da Vinci, Michelangelo, Botticelli und Raffael: Die Ausstellung „Die großen Meister der Renaissance“ wird derzeit in der Parochialkirche in Berlin-Mitte gezeigt und beweist, dass Kunsterleben auch ohne die Originalwerke funktioniert. Über ein Ausstellungskonzept mit Eventcharakter und theologischem Bezugspunkt

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist nicht frei von Ironie, dass sich die Veranstalter der Ausstellung „Die großen Meister der Renaissance“ mit der Parochialkirche ausgerechnet für den ältesten reformierten Kirchbau Berlins als ersten Ausstellungsort in Deutschland erschienen haben. Die opulente Präsentation von Reproduktionen bedeutender Werke der Renaissance dürfte zum ursprünglichen Erscheinungsbild des – nach Kriegszerstörung wiederhergestellten – Gotteshaus gestanden haben, das sich dem konfessionellen Profil seiner Gemeinde entsprechend durch Klarheit und Schlichtheit auszeichnete. Sollte hier einst nur das Wort wirken, schreitet der Besucher nun durch von Kurator Manfred Waba entworfene Säle, die in Bordeauxrot gehalten, mit Kronleuchtern behangen sind und – neben einer aufwendigen Nachbildung von Michelangelos David – in Golfrahmen gefasste Gemälde und in Originalgröße reproduzierte Ausschnitte aus Wand- und Deckenmalereien zeigen.

Die vor der Pandemie bereits in Österreich gezeigten „großen Meister“ setzen – thematisch wie konzeptionell – die 2017 in der Votivkirche in Wien gezeigte von Waba kuratierte Ausstellung „Michelangelos Sixtinische Kapelle“ fort. Im Gespräch erläutert er die Grundidee: „Es geht darum, eine Betrachtungsweise der Kunstwerke zu bieten, die es so noch nie gab.“ Besichtige man da Vincis Mona Lisa in Paris oder Santis „Die Schule von Athen“ im Vatikan werde man in Touristenmassen durchgeschoben und habe kaum Gelegenheit, sich auf die Details und Feinheiten der Kunstwerke einzulassen: „Muße und Verweildauer sind nicht gegeben und oft sind die Gemälde so weit weg vom Betrachter, dass man kaum etwas erkennen kann.“ Genau hier möchte Waba mit seinen beiden Ausstellungen ansetzen und – indem er die Kunstwerke hautnah präsentiert – ein ästhetisches Erlebnis ermöglichen.

Dies gelingt ihm auch, da er auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Bühnen- und Kostümbildner bzw. Regisseur zurückgreifen kann: Gekonnt arrangiert er die Bilder zu einer beeindruckenden Szenerie, in der die Motive verdichtet präsentiert werden und sich teilweise gegenseitig kommentieren. „Der Alltag“, so Waba, „muss vom Ausstellungsbesucher abfallen und er muss in eine andere Welt eintauchen – wie bei einem Theater- und Opernbesuch.“ So wird Kunst zum Event – natürlich zu dem Preis, dass viele der Kunstwerke aus ihrem architektonischen und historischen Kontext herausgelöst präsentiert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Nachdrucke der Gemälde freilich nicht die Intensität der Originale erreichen; aber insbesondere die Präsentation der Wand- und Deckenmalereien bietet ein überzeugendes Erlebnis sui generis.

Waba geht es jedoch um mehr als ästhetische Überwältigung. Der praktizierende Katholik – der gegenwärtig auch für die Passionsspiele im niederösterreichischen Kirchschlag tätig ist – verbindet mit der Ausstellung auch eine Botschaft: „Die Renaissance stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Sie bejaht seine Schönheit und damit seine Geschöpflichkeit.“ Das zentrale Bild hierfür sei Michelangelos „Erschaffung des Adam“, die den Menschen als ihrem Schöpfer gleichgestaltetes Gegenüber zeige. Das Menschenbild der Renaissance bewege bis heute die Menschen: „Jeder sagt: das ist schön! Und letztlich findet der Betrachter in den Bildern Aussagen über sich selbst und sein Mensch-sein.“

Die in der Renaissancekunst ausgedrückten Gedanken der Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde möchte der Kurator mit seiner Ausstellung in Erinnerung rufen – und empfindet sich darin gerade auch der Kirche verbunden: „Letztlich haben wir eine gemeinsame Botschaft.“ Angesichts des Kriegs in der Ukraine – aber auch mit Blick etwa auf die Entwicklung des Finanzmarktkapitalismus – sei eine solche Rückbesinnung so aktuell wie kaum sonst: „Der einzelne Mensch zählt nichts mehr, er verliert seine Eigenständigkeit und Würde. Deshalb müssen wir zurückfinden zur Menschlichkeit und zum Blick auf das Individuum.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 12/2022.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Das Berliner Hugenotten-Museum wartet mit überarbeiteter Dauerausstellung und neuen inhaltlichen Akzenten auf

Über viele Jahre führte das Hugenottenmuseum trotz seiner prominenten Lage im Französischen Dom am Gendarmenmarkt ein Schattendasein innerhalb der Berliner Museumslandschaft; eine Tatsache, deren Gründe einem mit Fragen von Museumskonzeptionen und -gestaltungen vertrauten Besucher rasch offensichtlich wurden. Umso mehr kann man sich mit den Trägern dieser aus zivilgesellschaftlichem Engagement heraus entstandenen Erinnerungs- und Informationsstätte nun freuen, dass nach einer Gebäudesanierung sowie einer – durch die französisch-reformierte Gemeinde, private Spender und vor allem die Lottostiftung ermöglichten – Neugestaltung der Dauerausstellung das Museum merklich aus seinem bisherigen Dornröschenschlaf erwacht ist.

Die neue Dauerausstellung eröffnet umfassend Einblick in die Geschichte der Hugenotten von ihrem Eintreffen als Glaubensflüchtlinge im Hohenzollernstaat bis zur Gegenwart der französisch-reformierten Christen in Deutschland – neues Gewicht legt das Museum aber auch auf die Darstellung der Entstehung und des Erbes der Hugenotten in ihrem französischen Heimatland. Im Fokus der Ausstellung stehen spürbar die Kerngebiete der hugenottischen Ansiedlung in Brandenburg; gleichwohl finden auch die Ansiedlungen in den historischen preußischen West- und Ostgebieten Erwähnung. Zudem hat das Museumsteam bereits mit seiner letzten Sonderausstellung deutlich gemacht, dass es ihm auch um die Hugenotten aus dem weiteren Ostseeraum getan ist: gewidmet war die unter dem Titel „Der große Künstler des kleinen Formats“ stehende Schau im Obergeschoss des Museums dem 1726 in Danzig geborenen Grafiker Daniel Chodowiecki.

Interessenten, die womöglich ob der pandemischen Lage gegenwärtig noch vor einer Reise in die Bundeshauptstadt absehen, sei die attraktive Website, die einen virtuellen Rundgang anbietet, ebenso ans Herz gelegt wie das zur Neueröffnung erschienene und gleichfalls ansprechend gestaltete Buch „Refuge Berlin Brandenburg. Migration und Leben der Hugenotten 1672 bis heute“. Dessen inhaltliche Ausrichtung entspricht den programmatischen Orientierungen, die auch die neue Dauerausstellung prägen; daher erscheint es sachgemäß, an dieser Stelle Buch und Ausstellung gemeinsam zu betrachten. Einem Katalog-Teil vorgeschaltet findet sich eine Aufsatzsammlung, die einen Überblick gibt über „Verfolgung und Flucht der Hugenotten und ihre Aufnahme in Brandenburg-Preußen“ (Susanne Lachenicht) und das Edikt von Potsdam (Matthias Asche) sowie die Geschichte der Französischen Friedrichstadtkirche (Klaus Merten) beleuchtet.

Sodann wird der Band eröffnet von einem Beitrag des Historikers Etienne François, der dazu gewonnen werden konnte, die „Hugenottengeschichte als deutsch-französische und europäische Geschichte“ zu interpretieren. Dies entspricht dem Paradigmenwechsel von einer nationalen zu einer europäischen Geschichtsdeutung, der sich in den zurückliegenden Jahren auch in der Kulturarbeit nach § 96 BVFG durchgesetzt und in der Arbeit der ostdeutschen Landesmuseen bewährt hat. Dem mit der Migration der Hugenotten einhergehenden Kulturtransfer wie der heutigen Bedeutung der in hugenottischer Tradition stehenden reformierten Gemeinden und ihrer Glieder als Mittler zwischen Deutschland und Frankreich spürt auch die Ausstellung nach.

Eine weitere Parallele zur ostdeutschen Kulturarbeit tut sich im Bewusstsein für Fragen der Geschichtsrezeption und Identitätsbildung auf. So nimmt ein Aufsatz von Alexander Schunka „Hugenottische Erinnerungskulturen“ in den Blick. Darum bemüht sich – in einer durchaus selbstkritischen Haltung – auch das Museum, indem es dem Besucher ermöglicht, parallel zur Darstellung des historischen Schicksals der Hugenotten die Herausbildung hugenottischer Selbstdeutungen nachzuvollziehen. Dies gelingt in besonders spannender Weise für das 19. Jahrhundert, in dem hugenottische Identität und deutscher Nationalismus eine aufschlussreiche Amalgamierung erfuhren.

Eine dritte Gemeinsamkeit prägt – erkennbar museumsdidaktisch motiviert – vornehmlich die Dauerausstellung und weniger den Katalog: die Aktualisierung des Themas historischer Vertriebenengruppen durch das Aufzeigen von Bezügen zu aktueller Zwangsmigration. So wird etwa die auf die Flucht mitgenommene Reisetruhe der Familie Bousset mit der Abbildung einer Flüchtlingsgruppe unserer Zeit kombiniert. Abzuwarten bleibt aber noch, wie die zugehörige Medienstation – die wie andere digitale Angebote der Ausstellung leider nicht bis zur Eröffnung fertiggestellt werden konnte – späterhin Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen heutigen und historischen Zwangsmigranten konkretisieren wird.

Somit erscheint auch ein wiederholter Besuch dieses aus dem Dornröschenschlaf erwachten Museum als durchaus reizvoll.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2022.

Große Akzeptanz für Vertriebene

Perspektiven der Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in der neuen Legislaturperiode

Hartmut Koschyk, 2014 bis 2017 Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, spricht im Interview mit Tilman A. Fischer über die vertriebenen- und minderheitenpolitischen Signale des Ampel-Koalitionsvertrags und die drängenden Fragen der neuen Legislaturperiode des Deutschen Bundestages. Koschyk ist Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland und war von 1987 bis 1991 Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen

Herr Koschyk, lassen Sie uns einen Blick in den Ende 2021 unterzeichneten Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grünen und FDP werfen! Dort heißt es, „das kulturelle Erbe der Vertriebenen, Aussiedlerinnen und Aussiedler sowie der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler“ sei ein „selbstverständlicher Teil unserer vielfältigen Gesellschaft“. Deutet die Fokussierung auf das „Erbe“ eine Reduzierung auf Erinnerungskultur und Musealisierung an – und somit ein Ausblenden von Vertriebenen, Aussiedlern und Heimatverbliebenen als soziale Gruppen und zivilgesellschaftliche Akteure der Gegenwart?

Ich bin überzeugt, dass es insgesamt – wenn ich etwa die führende Regierungspartei SPD in den Blick nehme – eine große Akzeptanz nicht nur für eine retrospektive Bewahrung des Geschichts- und Kulturerbes der Vertriebenen gibt, sondern auch für ihre Rolle heute und morgen. Ich will das am Beispiel der sozialdemokratisch geführten Landesregierung in Niedersachsen verdeutlichen: Der jetzige Ministerpräsident Weil, vor allem aber der Innenminister Pistorius haben sich sehr für eine Neugestaltung der Patenschaft des Landes Niedersachen für die Schlesier eingesetzt, im Rahmen derer die Landsmannschaft Schlesien in die Kooperation des Bundeslandes Niedersachsen mit der Wojwodschaft Niederschlesien und in die Vergabe des „Kulturpreises Schlesien“ des Landes Niedersachsen eng einbezogen wird. In Hessen und Baden-Württemberg haben wir Regierungen aus CDU und Grünen, die ebenfalls sehr wichtige Akzente für die Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten setzen. In den drei genannten Bundesländern gibt es auch sehr engagierte Länderbeauftragte für diesen Themenbereich.

Im Hinblick auf die Verpflichtung von Bund und Ländern für das kulturelle und geschichtliche Erbe der Vertriebenen sowie dessen Weiterentwicklung haben wir weiterhin eine gesetzliche Grundlage in § 96 BVFG. Die letzte Konzeption zu dessen Umsetzung stammt vom Februar 2016 in Form eines Kabinettsbeschlusses der Bundesregierung, an dem damals auch die SPD mitgewirkt hat. Und diese – auch für die neue Legislaturperiode gültige – Konzeption trägt die Überschrift „Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa: Erinnerung bewahren – Brücken bauen – Zukunft gestalten“. Dort wird erstmals, was § 96 anbelangt, ein sehr partizipativer Ansatz vertreten, der die aktive Mitwirkung der Vertriebenen und ihrer Verbände bei der Bewahrung und Weiterentwicklung ihres Geschichts- und Kulturerbes vorsieht. Erstmals ist hierbei auch eine Rollte für die deutschen Minderheiten verankert. Insofern haben wir eine gute Grundlage, mit der auch die neue Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Claudia Roth, arbeiten wird.

Claudia Roth kennen Sie aus fast 20 Jahren gemeinsamer Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag sehr gut. Aufgrund Ihrer Erfahrungen: Welche Akzentsetzungen sind von der neuen BKM zu erwarten?

Natürlich geht es erstmal darum, dass die bewährten Einrichtungen weiterhin vom Bund auskömmlich gefördert werden. Und dann erwarte ich, dass Frau Roth aus ihrem kulturpolitischen Selbstverständnis heraus sehr stark auf die Begegnung und das Brückenbauen in der Kulturarbeit der Vertriebenen Wert legen wird, sowohl in Deutschland als auch mit unseren östlichen Nachbarn. Dabei rennt sie bei den Vertriebenen ja offene Türen ein. Es ist schon immer so gewesen, dass die Vertriebenen in Deutschland ihr Kultur- und Geschichtserbe nicht nur isoliert für sich, sondern immer in die deutsche Zivilgesellschaft hinein gepflegt und weiterentwickelt haben – auch und gerade was die junge Generation anbelangt.

Dies gilt ebenso im Hinblick auf das Verständnis dieses Kulturerbes, das nicht eng national abgegrenzt , sondern ein wahrhaft europäisches Kulturerbe ist. Längst arbeiten alle Kultureinrichtungen der Vertriebenen sehr eng und vertrauensvoll mit entsprechenden Partnern in Mittel- und Osteuropa zusammen. Wenn Frau Roth sich mit der praktischen Kulturarbeit nach § 96 auf Grundlage der Konzeption 2016 hinreichend vertraut gemacht haben wird, dann wird sie erkennen, dass das alles eigentlich auch im Sinne dessen ist, was sie an Vernetzung, Verständigung und Versöhnung durch Kulturarbeit anstrebt. Sie hat ja in diesen Tagen deutlich gemacht, wie wichtig ihr die Erinnerungskultur ist. Und zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur gehören immer auch die Heimatvertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten.

Gleich in den ersten Monaten der neuen Legislaturperiode machte das Vorhaben Warschaus, die finanzielle Unterstützung der deutschen Volksgruppe in gravierendem Umfang zu kürzen, auch hierzulande auf die nach wie vor nicht einfache Lage der heimatverbliebenen Deutschen in Polen aufmerksam. Wie haben Sie die Reaktionen des politischen Berlins wahrgenommen und welche Hinweise geben sie für den volksgruppenpolitischen Kurs im 20. Deutschen Bundestag bzw. der Regierung Scholz?

Der Bundesbeauftragte, Herr Fabritius, hat hierauf klar reagiert wie die Deutsche Botschaft in Warschau. Aus dem Deutschen Bundestag gab es nicht nur entsprechende Reaktionen aus der CDU/CSU wie des früheren deutschen Gesandten in Warschau Knut Abraham, der jetzt Mitglied des Bundestages sowie dessen Auswärtigen Ausschusses und ein absoluter Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen ist. Auch der Polenexperte der SPD-Fraktion, der SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan, der ja auch eine wichtige Säule in den  deutsch-polnischen Beziehungen darstellt, hat sich klar zu dieser inzwischen endgültigen Kürzung des polnischen Sejm und der polnischen Regierung geäußert.

Regierung und Parlament in Deutschland messen über Parteigrenzen hinweg diesem Vorgang große Aufmerksamkeit bei und werden sich diesbezüglich auch mit der polnischen Regierung und den entsprechenden Parteien im polnischen Parlament auseinandersetzen werden. Nachdem diese Entscheidung von polnischer Seite endgültig getroffen worden ist, darf sie von deutscher Regierungsseite nicht unwidersprochen zur Kenntnis genommen werden. Zu berücksichtigen ist aber gleichfalls, dass diese Entscheidung auch in Polen sehr umstritten ist. Es ist eine die deutsche Minderheit in Polen diskriminierende Entscheidungen der polnischen Regierungsmehrheit. Die Opposition im polnischen Sejm hat sich ebenso wie namhafte polnische Menschenrechts- und Minderheitenexperten vehement gegen diese Strafaktion der polnischen Regierung gewandt, die sicher auch noch zu einer Befassung im Europarat und im Europäischen Parlament führen wird.

Auch wenn nicht explizit genannt – können die Heimatverbliebenen als mitgemeint verstanden werden, wenn die Koalition verspricht, „Rechte von Minderheiten auf internationaler Ebene und insbesondere innerhalb der EU stärken“ zu wollen. Explizit wird eine proaktive Unterstützung der „Minority SafePack Initiative“ (MSPI) zugesagt. Welche Handlungsmöglichkeiten haben Regierung und Parlament gegenwärtig, das MSPI konkret zu unterstützen?

Ich begrüße es sehr, dass die Ampelregierung sich im Koalitionsvertrag dezidiert für verstärkten Minderheitenschutz in Europa und die Bürgerrechtsinitiative MSPI der Föderation Europäischer Nationalitäten (FUEN) einsetzt. Das ist ganz wichtig. Ich habe es sehr bedauert, dass die Vorgängerregierung sich dazu nicht klar verhalten und niemals klar bekannt hat. Jetzt bekennt sich die Regierungskoalition ganz entschieden zur Weiterverfolgung dieses Themas, und das heißt: Der Minderheitenschutz wird von Deutschland auf die Tagesordnung europäischer Politik gehoben – und wird ein Schwerpunktthema deutscher Europapolitik werden.

Überdies gibt es ein sehr gutes Schreiben vom SPD-Schatzmeister und MdB Dietmar Nietan – namens des SPD-Parteivorstandes – vom 17. Dezember 2021 an die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM), in dem dieser sich sehr klar für die SPD zur Unterstützung deutscher Minderheiten in den MOE- und GUS-Staaten bekennt. In diesem Brief findet sich die Zusage, dass man die Situation deutscher Minderheiten auch bilateral im Auge haben wird – das heißt auch und besonders gegenüber Polen. Dietmar Nietan, den ich sehr schätze, hält in diesem Brief auch dezidiert fest, dass der Erwerb der deutschen Sprache essenziell für die Kultur und Identität deutscher Minderheiten ist. Das zeigt, dass wir in allen Fraktionen des Deutschen Bundestages – bei Regierung und Opposition – engagierte Abgeordnete haben, die sich auch in der neuen Legislaturperiode den berechtigten Anliegen deutscher Minderheiten annehmen werden.

Lassen Sie uns zum Schluss noch – exemplarisch – die Sozialpolitik in den Blick nehmen: Was dürfen sich rentenrechtlich benachteiligte Spätaussiedler von der neuen Regierung erhoffen?

Im Koalitionsvertrag findet sich eine Aussage zugunsten eines Härtefallfonds für rentenrechtlich benachteiligte Aussiedler. Das war ein Thema, das in der letzten Regierung nur andiskutiert, aber leider nicht mehr beschlussmäßig auf den Weg gebracht wurde. Jetzt ist es ein Vorhaben der neuen Koalitionsregierung, was sehr zu begrüßen ist. Ich gehe deshalb davon aus, dass dieser Härtefallfonds in dieser Legislaturperiode kommen wird.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2022; DOD – Deutscher Ostdienst 1/2022.

Marx als Herausforderung

Das Deutsche Historische Museum führt mit der Frage nach Karl Marx und dem Kapitalismus in eine museale Sackgasse

Von Nathan Giwerzew und Tilman A. Fischer

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat in den vergangenen Jahren ein erstaunliches Interesse an Themen der Ideen- und Geistesgeschichte entwickelt, denen es – ohne merkliche Rückkoppelung an Jahrestage und Jubiläen – Ausstellungen widmet. Galt dies bereits für die im vorvergangenen Jahr gezeigte Schau „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“, so wird dieser Trend mit der aktuellen Sonderausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ – wohlgemerkt dem wegen Umbaumaßnahmen gegenwärtig einzigen Ausstellungsangebot des DHM – unübersehbar. Damit erledigt sich für den Betrachter natürlich keinesfalls die Frage: Warum dieses Thema? Und zu welchem Zweck?

Die Ausstellungsbroschüre gibt dafür wenig her: Man würde neben der Marx-Ausstellung demnächst auch eine Ausstellung zu Richard Wagner eröffnen und auch dessen Verhältnis zum Kapitalismus beleuchten; wenig erforscht sei zudem bisher dieser Themenkomplex. Dies freilich macht stutzig, denkt man beispielsweise an Gerhard Scheits Publikationen zur Trias Marx – Wagner – Kapitalismus. Auch dass sich Marx‘ Denken und die daraus erwachsene Bewegung des Marxismus eben den Bedingungen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems verdankten, ist nun keine neue Einsicht und nicht wirklich avantgardistisch. Für das Verständnis der Wirtschaft ertragreicher wäre es gewesen, andere relevante Bezugspunkte des Denkens und Wirkens von Marx ins Zentrum zu stellen, wie sie nun in der Ausstellung lediglich angerissen werden. Eines dieser Themen wäre etwa „Marx und die Religion“ gewesen.

Nicht zufällig beginnt die DHM-Ausstellung mit Exponaten, die den Blick auf die Religionskritik lenken, wie sie im Umkreis der Junghegelianer in verschiedenen Entwürfen formuliert und vom jungen Marx aufgegriffen wurde. Selbstverständlich darf das Klischee von der Religion als „Opium des Volkes“ nicht fehlen. Etwas differenzierender wird freilich darauf verwiesen, dass der junge Marx die Religion, und hier sind die Anklänge an Paulus unüberhörbar, als „Seufzer der bedrängten Kreatur“ verstand – nur dass dieses Bedürfnis nach Erlösung für Marx nicht im Schoß der Kirche gut aufgehoben war, sondern vielmehr in revolutionäre Aktion umgesetzt werden sollte.

So treibt Marx Religionsersatz in einem politisierten atheistisch-humanistischen Gewand. Als museumsdidaktischer Eyecatcher findet sich in diesem Kontext ein auf dem Kopf stehend aufgehängtes Hegel-Porträt, das erst im Blick durch ein Prisma wieder „auf die Füße“ gestellt wird. Dass Marx in seinen Entwürfen zum „Kapital“ schreibt, Hegels Denken wolle vom Geist zu den Dingen, er aber gehe umgekehrt den Weg von den gesellschaftlich-materiellen Verhältnissen zum „Überbau“ der seiner Auffassung nach zwangsläufig ideologisch verzerrten Erzeugnisse des Geistes, kann jeder Interessierte an der entsprechenden Stelle der „Grundrisse“ nachlesen.

Was das aber konkret in der Entwicklung vom Hegelschen Idealismus zum Marxismus bedeutet, bleibt unklar. Nämlich, dass durch das „Vom-Kopf-auf-die-Füße-stellen“ der Hegelschen Dialektik zwar die Vorzeichen von Geist und Materie umgekehrt werden, dennoch aber auch bei Marx Formen der Dialektik am Werk sind, scheinen die Kuratoren dieser Ausstellung als Allgemeinwissen vor-auszusetzen.

Die Ausstellung leidet am Manko, dass der Fachkundige durch sie nichts dazulernt – und der Laie trotz Erklärungsschildern in einfacher Sprache auch nicht viel dazulernt, wenn etwa Begriffe wie die des „Junghegelianismus“ nur notdürftig expliziert werden. Dass Marx in seinem Aufsatz „Zur Judenfrage“ antisemitische Stereotype aufgriff, entzaubert den Denker, ohne dass der polemische Kontext dieses Aufsatzes erhellend erklärt würde. Es wird sich vielmehr mit einem Einerseits-Andererseits begnügt: Einerseits sei Marx für die politische Emanzipation der Juden eingetreten, andererseits habe er für die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft vom als „jüdisch“ konnotierten Privatinteresse agitiert.

Ohne dass das Thema der Religionskritik damit auch nur ansatzweise erschöpft wäre: Bruno Bauer und Moses Hess kommen nur am Rande vor, Max Stirner gar nicht. Stattdessen geht es sofort weiter zur industriellen Revolution, die in eine breitere historische Entwicklung bis hin in die Gegenwart eingezeichnet wird. Von besonderem Wert sind die originalen Manuskripte und Zeitungsartikel, die vor allem eines zeigen: dass Marx von seinen publizistischen Anfängen in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ bis hin zu seinen Artikeln in der „New York Tribune“ zuallererst Journalist war. Einerseits war dies motiviert durch die Lust daran, mithilfe der Feder „die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen“, andererseits durch handfeste materielle Not. Die Ausstellung hätte wohl daran getan, einen separaten Raum zum Thema „Marx und das Pressewesen“ einzurichten, denn es tanzen dem Leser buchstäblich die kleinstgedruckten Buchstaben und ellenlangen Artikel der damaligen Tageszeitungen vor den Augen herum.

Stattdessen wird Marx insbesondere als ökologischer Denker starkgemacht, wenngleich seine wenigen Ideen zu den beschränkten Ressourcen der Erde und der Erhöhung des Ernteertrags durch Guano-Dünger im Gesamtwerk weitgehend irrelevant sind. Das scheint die Ausstellungskuratoren nicht gestört zu haben: Wo es einen aktuellen Tagesbezug gibt, etwa zu Ökologie, Kolonialgeschichte oder Feminismus, da muss er maximal ausgeschlachtet werden. Dass Marx weniger die Ersetzung des bürgerlichen Menschenbildes eines homo universalis durch Jetset-Professoren und hedonistische Konsumbürger anstrebte, sondern vielmehr seine Vollendung in der eschatologisch ausgemalten Endzeitgesellschaft des „Kommunismus“, gerät so aus dem Blick.

Die Ausstellung endet daher so rätselhaft wie sie begann: Das letzte Exponat ist eine Pumpe, die Wasser in einen Bottich leitet. Die Pumpe soll die Arbeitskraft symbolisieren, der mit Wasser aufgepumpte Behälter den durch diese Arbeit in Kapital umgesetzten Mehrwert; und das nebenbei durch einen Wasserhahn abtropfende Wasser den mickrigen Lohn des Arbeiters. Zuletzt findet sich der Besucher in einem runden Treppenhaus wieder, in dem sich eine (qua medizinischen Masken sensorisch kaum wahrnehmbare) Installation zu den „Gerüchen des Kapitalismus“ befindet. Und geht man die runde Wendeltreppe in der Erwartung einer Fortsetzung der Ausstellung hoch, erwartet einen bloß eine weiße Wand.

Wenn die Wand eine Metapher auf diese Ausstellung und ihr Thema sein soll, so könnte sie so interpretiert werden, dass sich nicht nur die Ausstellung in einer museumspädagogischen Sackgasse befindet. Auch die enttäuschte religiöse – diesseitige – Erlösungshoffnung des Marxismus könnte sich zum Ausdruck gebracht finden: das zwecklose Treppenhaus als Symbol dafür, dass der von Marx erhoffte Aufstieg der Menschheit ins höhere Entwicklungsstadium des Kommunismus ausgeblieben ist.

Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“, bis 21. August 2022 im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Februar 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auswege aus der Individualisierung

Frank Vogelsang fragt nach Perspektiven des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Von Tilman Asmus Fischer

Die gegenwärtige Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist bereits seit Jahren eines der prägenden Themen in der öffentlichen Debatte. Auf sie reagierte 2017 das Sachbuch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ des Kultursoziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz und ihre politischen Auswirkungen bildeten 2019 den Hintergrund für das Gemeinsame Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Vertrauen in die Demokratie stärken“.

Einen der neuesten und zugleich klarsichtigsten Beiträge zu dieser Debatte aus philosophisch-theologischer Perspektive hat Dr. Frank Vogelsang – Diplomingenieur, evangelischer Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland – mit seiner im vorvergangenen Jahr erschienenen Studie „Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne“ geleistet. Besonders zweierlei zeichnet dieses Buch aus: Zum einen die unvoreingenommene kritisch-analytische Haltung des Autors gegenüber dem „hegemonialen Diskurs der Spätmoderne“, dem der erste Teil des Buchs gewidmet ist. Zum anderen gelingt es dem Verfasser, in inspirierender Weise leibphilosophische Überlegungen im Anschluss an Maurice Merleau-Ponty für seinen eigenen Gegenentwurf fruchtbar zu machen und im Anschluss hieran nach möglichen Formen der Verbundenheit zu fragen.

Bereits einleitend begnügt sich Vogelsang nicht mit dem Hinweis auf die Schwächung überkommener gesellschaftlicher Strukturen in der Spätmoderne, sondern zeichnet die Grundlinien seiner Analyse und Kritik des – diesen langfristigen Entwicklungen zugrundeliegenden – Diskurses vor, dem er den Begriff der Verbundenheit gegenüberstellt: „Wenn die grundlegende Verbundenheit der Menschen untereinander und zu ihrer Umwelt keinen angemessenen gesellschaftlichen Ausdruck findet, wenn die Formen der Verbundenheit durch den hegemonialen Diskurs nachhaltig geschwächt werden, sind auf längere Sicht auch die Errungenschaften [ebendieses Diskurses; TAF] wie Autonomie und Universalismus gefährdet. Denn der hegemoniale Diskurs schwächt in erheblichem Maße die Strukturen moderner Gesellschaften und beschädigt so die Grundlage, auf der die Werte sich entfalten können.“

Was hat es aber nun mit diesem „hegemonialen Diskurs der Spätmoderne“ auf sich? – Dies klären die drei ersten Kapitel zu seiner Beschaffenheit, seiner historischen Genese sowie einer seiner vielleicht problematischsten Folgeerscheinungen: der Entwicklung von der Freiheit zur Vereinzelung. Die Entstehung des hegemonialen Diskurses vollzieht Vogelsang ausgehend von geistesgeschichtlichen Motiven der Neuzeit über die wesentlichen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts nach – die „neoliberale“ wie „linksliberale Wende“ und den durch die Digitalisierung ausgelösten Entwicklungsschub. Den sich in diesem Zuge herausgebildeten und heute beherrschenden Diskurs sieht der Verfasser „vor allem durch zwei Grundüberzeugungen charakterisiert: durch den Individualismus, also die Vorstellung, ein Mensch sei vor allem und zuerst als Individuum zu beschreiben, und durch die Annahme, es komme in politischen Analysen und Handlungen vor allem darauf an, gesellschaftliche Herausforderungen als Probleme gegenwärtiger Zustände darzustellen und sie einerseits mit rationalen, systemadäquaten Methoden und andererseits mit einer Orientierung an moralischen Werten zu lösen“.

Gegen die als scheinbar alternativlos propagierte Individualisierung bzw. Vereinzelung der Spätmoderne bringt Vogelsang im Folgenden die Leibphilosophie von Maurice Merleau-Ponty (bzw. Bernhard Waldenfels) in Anschlag, für den entgegen des Geist-Körper-Dualismus Descartes der Leib „gerade dafür [steht], dass die beiden von Descartes unterschiedenen Substanzen nie unverbunden existieren, dass beide Seiten Abstraktionen aus einem ursprünglichen Geschehen sind“. Damit erscheint es dann jedoch fraglich, den Menschen als primär geistig-rationales, im Körper gefangenes, isoliertes Individuum zu fassen. Vielmehr erscheint er gerade durch seiner Leiblichkeit in einer „existenzielle Verbundenheit“ (zu diesem Begriff gelangt Vogelsang im Anschluss an Merleau-Ponty, der diesen Begriff noch nicht verwendet) mit anderen Menschen als leiblichen Wesen, die er passiv – quasi geburtlich –erfährt.

„Formen der Verbundenheit“ assoziieren sich mit und unterscheiden sich zugleich von „existenzieller Verbundenheit“ dadurch, dass sie als aktives Element eine Antwort des Menschen auf diese passive existenzielle Erfahrung darstellen. Bei diesen Formen handelt es sich, wie Vogelsang bereits zuvor definierte, um „soziale Konfigurationen, die durch eine zeitliche Dauer bestimmt sind und immer wieder Erfahrungen der Verbundenheit ermöglichen. Gesellschaften weisen sehr unterschiedliche Formen der Verbundenheit auf, hierzu gehören familiale Strukturen, Verbände, Institutionen, Organisationen und Assoziationen unterschiedlichster Art, die eine dauerhafte Verbundenheit zwischen Menschen zum Ausdruck bringen.“

Nachdem er ebendiese Formen in zwei Kapitel im Laufe ihrer sozialgeschichtlichen Entwicklung aufgezeigt und ihren Veränderungen durch Phasen gesellschaftlicher Transformationen nachgegangen ist, wendet er sich der Fraga nach dem Potenzial konservativer, progressiver und christlicher Gegenentwürfe zu. Hierzu stellt er ein jeweils prototypisches Textzeugnis in das Zentrum seiner Untersuchung: Ferdinand Tönnies „Gemeinschaft und Gesellschaft“, „Das Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels, sowie Dietrich Bonhoeffers Dissertationsschrift „Sanctorum Communio“. Dabei gelingt es ihm, die „christliche Form der Verbundenheit“ als theologisch begründete Alternative neben die rechten und linken Identitätsangebote zu stellen: Schließlich leitet sie „sich nicht von einem gemeinsamen Herkommen ab, wie im konservativen Diskurs, sie leitet sich auch nicht von einer gemeinsamen Zukunftsvorstellung ab, für die Konflikte gemeinsam bewältigt werden müssen, wie im progressiven Diskurs. Sie leitet sich vielmehr von Gott ab, der die Gemeinschaft gestiftet hat und der in und durch die Geschichte begleitet, der an die Verheißungen erinnert und mit den Verheißungen die Zukunft eröffnet. Die Gemeinschaft mit Gott ermöglicht die christliche Gemeinschaft. Die gründende Beziehung zu Gott wirkt sich dann unmittelbar auf die sozialen Beziehungen aus.“ Kirche wird darin für Bonhoeffer – und Vogelsang – als „Christus als Gemeinde existierend“ sichtbar. Die beiden abschließenden Kapitel laden mit Blick auf Netzwerke als „zukünftige Formen der Verbundenheit“ im Zeitalter der Digitalisierung und mit einer Perspektivweitung auf Möglichkeiten universalistischer Politik angesichts des spätmodernen Diskurses zum Weiterdenken an. Eben ein solches „Weiterdenken“ beim Leser anzuregen – und damit den Diskurs der Gegenwart nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verändern –, ist mithin dem gesamten Buch zu wünschen.

Frank Vogelsang: Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne. Alber Verlag, Freiburg i.Br. / München 2020, 240 Seiten, EUR 32,–

In ähnlicher Form erschienen am 24. Februar 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Leben und Sterben im Zeichen des Auferstandenen

Klaus Killisch und Markus Rheinfurth interpretieren mit einer Installation die „Auferstehung Christi“

Von Tilman Asmus Fischer

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“ Mit diesen Worten endete ursprünglich das Markusevangelium im 8. Vers des 16. Kapitels. Dass die Frauen, welche das leere Grab entdeckten, die Botschaft nicht weitersagten, war für die Tradenten des Textes derart unbefriedigend, dass sie den uns vertrauten sekundären Markusschluss an den ursprünglichen anfügten. Damit freilich nahmen sie dem Evangelium seine ursprüngliche Pointe, adressierte das abrupte Ende in Vers acht doch den Hörer bzw. Leser des Evangeliums. Wie stellt er sich selbst zur Botschaft der Jünglings – „Er ist auferstanden…“ – und seinem Auftrag – „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat“?

Welche Konsequenzen ziehen wir aus der Botschaft der Auferstehung Jesu für unser eigenes Leben? Begeben wir uns in die Nachfolge? – Die hiermit angesprochene existenziale Dimension des Evangeliums ist, wie gezeigt, im Zuge der Textüberlieferung abgeschwächt worden, aber sie ist nicht verloren gegangen. Artikuliert wird sie immer wieder – und nicht nur in Theologie und Wortverkündigung. Eine spannende künstlerische Annäherung stellt die Installation „fragments“ von Klaus Killisch und Markus Rheinfurth dar, die noch bis zum 21. März in der rekonstruierten Grabkapelle für Johann Andreas von Kraut und seine Ehefrau Anna Ursula in der Berliner Nikolaikirche zu sehen ist. Nicht wiederhergestellt werden konnte nach Kriegszerstörung von dem 1725 vollendeten Gesamtkunstwerk Johann Georg Glumes die barocke Decken- und Wandmalereien. Letzte zeigte die „Auferstehung Christi“. Diese Leerstelle bietet gegenwärtig neun Künstlerinnen und Künstlern den Raum, nacheinander ihre Auseinandersetzungen mit dem verlorenen Gemälde und seiner Thematik zu präsentieren.

Die Interpretation durch Killisch und Rheinfurth ist dominiert durch das grelle Licht einer blauen Neonröhre, welche die Bildfläche durchzieht. Man mag sich durch sie an den sich öffnenden Himmel bei der Taufe Jesu erinnert fühlen – womöglich aber auch an den Riss, der beim Tod Jesu durch den Vorhang des Jerusalemer Tempels geht. In Jesu Wirken, Leiden, Sterben – aber ebenso in seiner Auferstehung offenbart Gott seinen Willen zum Heil der Welt und bricht mit dieser Offenbarung in das Leben desjenigen herein, der sich von dieser Offenbarung ansprechen lässt. Und wer von dieser Offenbarung her die Wirklichkeit wahrnimmt, kann in ihr Zeichen und Hinweise des göttlichen Wirkens entdecken, ebenso wie im Kunstwerk zwischen dynamisch changierenden Farbflächen die Grabtücher Jesu sichtbar werden.

Selbst sind diese im Farbton des Marmors gehalten, der die restliche Kapelle und vor allem das Krautsche Grabmal dominiert. Womöglich ein Hinweis darauf, dass der Raum des Kunstwerkes als christliche Grabkapelle bestimmt war von einem Leben, dass sich eben auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bezogen wusste. Oder wie es der Heidelberger Katechismus formuliert: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 5/2022.

Museum Nikolaikirche, Berlin-Mitte; Öffnungszeiten: Di bis So, 10 bis 18 Uhr; Eintrittspreis: 5/3 Euro (bis 18 Jahre Eintritt frei); http://www.stadtmuseum.de/nikolaikirche