Kinder zwischen den Fronten

Eine Ausstellung der Evangelischen Militärseelsorge zeigt Fotos von Anja Niedringhaus

Von Tilman Asmus Fischer

„Menschenskinder – Die Kleinsten zwischen allen Fronten“: Unter diesem Titel zeigt das Evangelische Militärpfarramt Berlin I gegenwärtig im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) eine Ausstellung mit Werken von Anja Niedringhaus. Am 11. April, eine Woche nach dem fünften Todestag der Fotojournalistin, wurde die Schau im Beisein von Militär bischof Sigurd Rink und dem Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Silberhorn (CSU) eröffnet. Die Retrospektive wird bis zum 9. August im Bendlerblock – und anschließend an unterschiedlichen Standorten der Evangelischen Militärseelsorge – zu sehen sein.

Evangelischen Militärseelsorge

Am 4. April 2014 wurde Niedringhaus kurz vor der afghanischen Präsidentschaftswahl in Banda Khel (Provinz Chost) von einem 25-jährigen Attentäter erschossen, als sie Sicherheitskräfte und Wahlhelfer bei der Auslieferung von Wahlzetteln begleitete. Im Frühjahr des vergangenen Jahres hat das Militärpfarramt Berlin I bereits eine erste Ausstellung mit Fotos von Niedringhaus gezeigt, die unter dem Titel „Geliebtes Afghanistan“ Einblicke in den Alltag des Landes eröffneten, das seit 2001 aufgrund des dortigen Kriegszustands in den Schlagzeilen steht. Niedringhaus habe, so Militärbischof Rink bei der damaligen Vernissage, mittels Fotografie Momente festgehalten, die von Lebensfreude und Perspektiven jenseits der Gewalt zeugten.

Gilt dies auch für einige der nun im BMVg gezeigten Fotos, so orientiert sich der Zugang zum Œuvre der Künstlerin diesmal nicht geographisch. Vielmehr wird eine bestimmte Personengruppe innerhalb unterschiedlicher kriegerischer Kontexte – neben Afghanistan in Pakistan, Gaza oder Irak – in den Blick genommen, und zwar jene, die, neben Frauen, von diesen am meisten schuldlos betroffen ist: Kinder. Darauf, dass diese Anja Niedringhaus besonders am Herzen gelegen hätten, habe ihn deren Schwester Elke Niedringhaus-Haasper aufmerksam gemacht, berichtete Militärdekan Peter Schmidt in seiner Ansprache. Der Titel der Ausstellung, so Schmidt, bringe zweierlei zum Ausdruck: das „Erschrecken, Kinder so sehr von Kampfhandlungen betroffen zu sehen“, und die politische wie militärische Verantwortung aufgrund der Würde eines jeden Kindes.

Anja Niedringhaus’ Mutter Heide Ute und ihre Schwester Elke Niedringhaus-Haasper nahmen an der Ausstellungseröffnung teil und kamen ins Gespräch mit den anwesenden Soldaten, die zum Teil in den Kriegsgebieten stationiert waren, in denen Anja Niedringhaus gewirkt hatte. Alltag und Einsatzbedingungen im Ausland seien der Bevölkerung hierzulande kaum bewusst, hob Thomas Silberhorn in seinem Grußwort hervor. Dies bringe die Herausforderung mit sich, dass sie nur mit wenigen Menschen über ihre Erfahrungen sprechen könnten.

Über mehr als 20 Jahre hat Niedringhaus Einblicke in den Erfahrungsraum Kriegsgebiet gegeben – und war hierfür unter anderem 2005 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden. Dabei, so Militärbischof Rink in seinem Grußwort, sind „die Fotografien von Anja Niedringhaus weit mehr als Dokumente aus Afghanistan oder dem Irak“: „Sie fordern uns heraus, ehrlich zu werden über Gott und Menschen“, indem uns in jedem der Kinder ein Ebenbild Gottes gegenüberstehe. Auch Silberhorn hielt fest: „Die Fotos der Kinder erinnern uns daran, was unser Auftrag ist.“

Die Schau der Evangelischen Militärseelsorge reiht sich ein in mehrere Ausstellungen, die gegenwärtig an Niedringhaus erinnern. So zeigt das Käthe Kollwitz-Museum Köln aus Anlass ihres fünften Todestages bis zum 30. Juni Fotos der Verstorbenen unter dem Titel „Anja Niedringhaus – Bilderkriegerin“ und im Kunstpalast Düsseldorf ist bis zum 10. Juni die Ausstellung „Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus“ zu sehen.

Menschenskinder. Bis zum 9. August zu sehen im BMVg, Stauffenbergstraße 18, Berlin-Tiergarten. Aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen des BMVg ist die Ausstellung im Bendlerblock nicht frei zugänglich. Bei Interesse an einer Besichtigung durch Einzelpersonen kann mit dem Evangelischen Militärpfarramt Berlin I Kontakt aufgenommen werden: Telefon (030) 49 81 35 71, E-Mail: EvMilPfarramtBerlinI@bundeswehr.org

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 17/2019.

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„Beobachter und Begleiter der Historie seiner Gegenwart“

Zum Tode von Arnulf Baring

67 Jahre waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch der Roten Armee in Deutschland vergangen. Doch als Arnulf Baring sich am 31. Mai 2012 im Berliner Kronprinzenpalais aus dem Publikum zu Wort meldete, klangen noch immer Ergriffenheit und Erschütterung aus seiner Stimme, als er von den Erlebnissen der Berliner Zivilbevölkerung – namentlich seiner eigenen Mutter – in den letzten Kriegstagen 1945 berichtete, deren Zeuge er als fast 13-Jähriger geworden war.

Prof. Dr. Arnulf Baring
(Foto: Tohma)

Wer – wie der Verfasser dieser Zeilen – im Frühling 2012 Arnulf Baring als diskussionsfreudigen Gast einer Begleitveranstaltung zur Ausstellungstrilogie „HeimatWeh“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV) erlebte, der hörte folglich nicht nur den renommierten Zeithistoriker, sondern zugleich den persönlich betroffenen Zeitzeugen. Die Podiumsdiskussion befasste sich mit dem lange tabuisierten Thema der Massenvergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg war es für Angehörige der Flakhelfergeneration nicht üblich, Emotionen, Betroffenheit zu zeigen – gerade wenn es um das selbst Erlebte ging.

Arnulf Baring tat dies in bewegender Weise – und gab dabei zugleich Einblick in das Innere eines der prononciertesten Intellektuellen der Bonner und Berliner Republik; denn die persönliche Involviertheit zeichnete Arnulf Baring aus: Zum einen die Involviertheit dessen, der den Untergang des Dritten Reichs sowie den demokratischen Neuanfang der Bundesrepublik erlebte, während sich seine Heimatstadt Dresden unter kommunistischer Gewaltherrschaft befand; zum anderen die Involviertheit dessen, der als politischer Kopf – zunächst Sozialdemokrat, dann parteilos – in der öffentlichen Debatte nie den Streit scheute, mit Deutschland rang, an Deutschland litt.

Dabei war Barings Perspektive nie eine national verengte: Bereits sein Studium der Rechts- und Politikwissenschaften führte ihn nicht nur an deutsche Hochschulen, sondern ebenso nach New York und Paris. Und in Berlin, wo er von 1969 bis 1998 als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität wirkte, befand er sich an einem Brennpunkt internationaler Politik. Unter diesen Bedingungen dachte er Deutschland stets im Kontext westlicher – aber ebenso östlicher – Politik. „Arnulf Baring, der Zeit seines Berufslebens auch Journalist war und sich vor allem als Staatsbürger verstand, hat von Deutschland stets geredet, als sei es seine Familie“, erinnert sein Schüler Peter Carstensen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Mal besorgt, mal erfreut über gewisse Fortschritte im Umgang mit den Verwandten, stets aber ermunternd und fordernd, wenn es um Rolle und Verantwortung der Bundesrepublik in der Welt ging.“

Die Verbindung von klarsichtiger politisch-zeithistorischer Analyse und dem persönlichen Eintreten für hieraus als richtig erkannte Überzeugungen zeigt sich im Besonderen an Arnulf Barings Verhältnis zum Osten Europas – den der Hochschullehrer regelmäßig mit seinen Studenten bereiste. In der Regierungszeit Willy Brandts unterstützte Baring diesen ebenso wie dessen neue Ostpolitik. Später setzte er dieser Zeit mit seinem Buch „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“ ein Denkmal. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer Verständigung und Versöhnung mit dem Osten verstellte Baring jedoch nicht den Blick auf die Notwendigkeit eines angemessenen Gedenkens auch der deutschen Weltkriegsopfer – zumal derjenigen von Flucht und Vertreibung.

Entsprechende Defizite in Geschichtspolitik und Erinnerungskultur aufzuzeigen, wurde Baring, zumal in den letzten Jahren seines Schaffens, nicht müde. Nur folgerichtig würdigte ihn der Vorsitzende des ZgV, Dr. Christean Wagner, als „eine wichtige Stimme an der Seite der Heimatvertriebenen“. Baring war nicht nur ein gern gesehener Gast und Redner bei Veranstaltungen des Bundes der Vertriebenen und seiner Mitgliedsverbände. Zudem gehörte er zu den prominenten Unterstützern des ZgV und trat auch in der breiteren Medienöffentlichkeit, wie etwa im Fernsehen, als Mahner in Erscheinung. „Ihm war es wichtig“, so Wagner, „die Vertreibung nicht als partielles Schicksal der deutschen Vertriebenen zu sehen, sondern als kollektiven Verlust von Räumen und Seelenlandschaften, in denen Deutsche Jahrhunderte zu Hause waren: Vertreibung und Heimatverlust als eine Verlusterfahrung nicht nur der Vertriebenen, sondern des ganzen Volkes.“

Zu dem Elan, mit dem sich Baring in öffentliche Debatten einbrachte, gehörte die Neigung, bisweilen „übers Ziel hinaus“ zu schießen, wie Carstensen konstatiert, – auch in der Diskussion um Flucht und Vertreibung. Doch gilt auch hier, woran Carstensen festhält : Bei „aller Kritik, die er übte, war sie stets doch getrieben von großer Zuneigung zu den Institutionen und Personen, die in Nachkriegsdeutschland Geschichte ausmachten. Der detaillierte Blick zurück ins Dritte Reich hat ihn auch als Hochschullehrer weniger interessiert. Er wusste um die Bürde der Vergangenheit, trug sie mit. Doch lieber war er Beobachter und Begleiter der Historie seiner Gegenwart.“

Am 2. März ist Arnulf Baring in Berlin gestorben.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2019.

Die „rebellischste Baracke des Ostblocks“

Eine Konferenz nahm das Epochenjahr 1989 – und die historische Rolle Polens – in den Blick

Bei der Revolution 1989/1990 und der hiermit einhergehenden Implosion des Ostblocks kam Polen eine zentrale Bedeutung zu. Und so waren gerade auch die historischen Entwicklungen östlich von Oder und Neiße Gegenstand der Konferenz „1989–2019: Die Revolution in der DDR und in Ostmitteleuropa. Globale Entwicklungen und Perspektiven“, die vom Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Deutschen Gesellschaft vom 19. bis 20. März in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund veranstaltet wurde.

Prof. Dr. Klaus Gestwa
(Fotos: Deutsche Gesellschaft)

Als „rebellischste Baracke des Ostblocks“ würdigte Polen der Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard Karls Universität Tübingen, Prof. Dr. Klaus Gestwa, in seinem Vortrag über „Das Ende des osteuropäischen Staatssozialismus“. Polen sei früh mit sowohl ökonomischen als auch politischen Erosionserscheinungen konfrontiert gewesen: Wachsende Auslandsschulden belasteten die Staatskasse, während gleichzeitig Versuche einer Modernisierung und die Integration in die Weltwirtschaft scheiterten. Die überzogene Polizeigewalt, die gegen Proteste eingesetzt wurde, habe sodann zu einem Bündnis von Arbeitern, Intellektuellen und Katholiken geführt. Indem sich in Polen die erste freie Gewerkschaft im Ostblock etablieren konnte und staatliche Gegenmaßnahmen nicht zu einer politischen Stabilisierung führten, wurde Polen, in den Worten Gestwas, zum „ersten Dominostein“ der politischen Wende. Schließlich sei mit dem „runden Tisch“ 1989 ein neues politisches Forum entstanden, das eine nicht gewaltsame, sondern vielmehr „verhandelte Revolution“ ermöglicht habe. Die in dieser Zeit eingeleitete nationalökonomische „Schocktherapie“ habe wesentlich zum „neoliberalen Erfolgsnarrativ“ beigetragen, das sich mit dem Rückblick auf das Ende der Kommandowirtschaft verbindet.

Dr. Manfred Sapper

Die Veränderungen der internationalen Politik infolge der Auflösung der Sowjetunion ab 1991 arbeitete Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa, in seinem Eröffnungsvortrag „1989/90 als globale Zäsur“ heraus. Entscheidend sei, dass es nun über einzelne Milieus und Staaten hinaus keine vergleichbare Manifestation kommunistischer Ideologie mehr gebe. Dies dürfe jedoch nicht davon ablenken, dass der Kommunismus nicht beseitigt sei. Vielmehr lebe noch heute jeder fünfte Mensch auf der Welt in einer kommunistischen Ordnung. Das Ineinander von Bruch und Kontinuität versinnbildlicht für Sapper der 4. Juni 1989, an dem einerseits in Polen die ersten halbfreien Wahlen durchgeführt wurden, es andererseits aber in Rotchina auch zum Tian’anmen-Massaker kam.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Entwicklung „Von den Revolutionen zur Veränderung der internationalen Ordnung“ stellte Sapper bezüglich der Verflechtung sowohl der einzelstaatlichen Politiken der kommunistischen Führung als auch der unterschiedlichen Akteure der Bürgerrechtsbewegung fest: „Wir müssen uns von der Vorstellung trennen, es habe sich um getrennte, voneinander unabhängige Staaten gehandelt“; vielmehr seien politische Führung wie Dissidenten eng miteinander verbunden gewesen – so etwa die Solidarność mit der ungarischen Oppositionsbewegung. Zugleich rief Sapper die teils unzureichende Unterstützung der Bürgerrechtler und Dissidenten durch die Bundesrepublik in Erinnerung: Viele Deutsche, gerade in der SPD, hätten an dem etablierten Entspannungsprozess mit der UdSSR festgehalten und etwa über die Konzentration auf Moskau verkannt, was in Polen geschah; eine Ausnahme habe der langjährige Bremer Bürgermeister – Kaschube und Begründer der Städtepartnerschaft Danzig-Bremen – Hans Koschnick dargestellt, der die moralische Verantwortung der Sozialdemokratie für die Solidarność-Bewegung erkannt habe.

Prof. Dr. Tilman Mayer

Neben dem historischen Rückblick thematisierte die Konferenz auch die an die Revolution anschließenden politischen Entwicklungen und gab einen Ausblick auf gegenwärtige und künftige Herausforderungen für Europa. Prof. Dr. Tilman Mayer vom Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bilanzierte in seinem Vortrag „Europäische Konflikte in der nachrevolutionären Epoche“ und zeigte Entwicklungsperspektiven auf. Konflikte identifizierte er nicht nur in der Migrations-, Energie- und Geopolitik, sondern ganz grundsätzlich in der Frage nach der europäischen Architektur: Hier gelte es, das „Verhältnis zwischen Europäischer Union und Nationalstaaten“ grundsätzlich zu klären und eine „neue Balance“ anzudenken. Chancen für ein Zusammenwachsen Europas sah Mayer u. a. in der Etablierung und verstärkten Einbindung der Visegrád-Gruppe sowie in einer Stärkung des Weimarer Dreiecks. Insgesamt gelte es, die Staaten Ostmitteleuropas endlich als „selbstbewusste Akteure mit eigenen Interessen“ anzuerkennen, als die sie „aus den friedlichen Revolutionen hervorgegangen“ sind.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2019.

Vertrauensbildung in Demokratie

EKD und Deutsche Bischofskonferenz reagieren mit einem Gemeinsamen Wort auf aktuelle Krisen

Von Tilman Asmus Fischer

Mit Populismus und Nationalismus benannte der Bevollmächtigte des Rates der EKD, Prälat Martin Dutzmann, am Abend des 11. April in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin die beiden wichtigsten aktuellen Krisenphänomene der deutschen und europäischen Politik. Das Vertrauen in die Demokratie zu stärken, sei daher das Gebot der Stunde. Grundlagen einer solchen „Vertrauensbildung“ legt das neue Gemeinsame Wort „Vertrauen in die Demokratie stärken“ der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD dar, zu dessen Vorstellung der Bevollmächtigte an diesem Abend geladen hatte.

Bereits am Mittag hatten der Vorsitzende der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, Professor Reiner Anselm, und der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Franz-Josef Overbeck, das Papier präsentiert. Am Abend diskutierten sie dessen Grundlinien – moderiert von Ursula Weidenfeld – mit dem Politischen Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, und dem Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak.

Das Papier erschließt zunächst mit Globalisierung, wirtschaftlicher Ungleichheit, Migration und Digitalisierung vier zentrale Herausforderungen und Aufgaben für die gegenwärtige Politik. Nachdem anschließend mittels einiger grundsätzlicher Überlegungen die Pflicht hergeleitet wird, sich „als Kirchen aktiv für die Demokratie einzusetzen“ und das gesellschaftliche Handeln der Kirchen „auf eine Stärkung der demokratischen Ordnung auszurichten“, werden wiederum vier Perspektiven für die eingangs erschlossenen Problemfelder erläutert. Diese konzentrieren sich in den Leitvorstellungen einer globalen Ordnungspolitik, gerechter Teilhabe, gelingender Integration und eines verantwortlichen Umgangs mit der Digitaltechnik.

Was dies konkret bedeutet, skizzieren die Kirchen, indem sie aufzeigen, wie „Demokratie als politische Lebensform der Freiheit“ gestaltet werden kann. Ihre Überlegungen bündeln sich in den Schlagworten: „Gemeinsamkeit schaffen“, „Zusammenhalt sichern“, „Identitäten öffnen“, „Nähe suchen“ und „Gemeinsinn einüben“. Mit dem letzten Imperativ verbindet sich die Idee einer „demokratischen Sittlichkeit“, als die bereits zuvor „Fairness, Respekt gegenüber dem politischen Gegner, Mut zur Kontroverse, Gemeinsinn und Gemeinwohlorientierung“ gefasst werden. Das gerade hierzu christliche Überzeugungen Wesentliches beitragen können, verdeutlichen die Schlussbetrachtungen des Wortes.

Sowohl Kellner als auch Ziemiak würdigten in der Diskussion die Bedeutung des Gemeinsamen Wortes in der aktuellen politischen Lage. Kellner betonte dabei insbesondere die notwendige „Suche nach einem ‚Wir‘ unserer Demokratie“. Alle Diskussionsteilnehmer hoben die europäische Dimension der aktuellen politischen Krise hervor. Europa als Friedensprojekt und Multilateralismus in den internationalen Beziehungen zu bewahren, seien hier die wesentlichen Herausforderungen, so Overbeck.

Das Gemeinsame Wort steht online zur Verfügung: www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/gemeinsame_texte_26_demokratie_2019.pdf

In gekürzter Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2019.

Eine Revolution und ihre Folgen

Das Epochenjahr 1989

„1989–2019: Die Revolution in der DDR und in Ostmitteleuropa. Globale Entwicklungen und Perspektiven“ – unter diesem Titel stand eine gemeinsame Konferenz des Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Deutschen Gesellschaft, die vom 19. bis 20. März in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund stattfand. Hierbei kamen gerade auch historische wie aktuelle Entwicklungen im Donauraum zur Sprache.

In seinem grundlegenden Vortrag über „Das Ende des osteuropäischen Staatssozialismus“ betonte Professor Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, die Vorreiterrolle, die hierbei den ostmitteleuropäischen Staaten – insbesondere Polen und Ungarn – zukam. Die Aufforderung Michail Gorbatschows an die kommunistischen Bruderstaaten, im Rahmen der Reformbemühungen eigene Wege zu gehen, seien in diesen beiden Warschauer-Pakt-Staaten als erstes aufgegriffen worden.

Jedoch: „Handelte es sich bei den hiervon ausgehenden Entwicklungen um eine Revolution?“ Diese Frage wurde immer wieder in den Vorträgen und Diskussionen erörtert. „Ich weiß nicht, was geschehen muß, damit man ein Ereignis eine Revolution nennt“, stellte die frühere Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der „DDR“, Marianne Birthler, während einer Podiumsdiskussion über „persönliche Erfahrungen nach 1989/90“ fest: „Natürlich war das eine.“ Als besonders einprägsames Ereignis der Wendejahre bezeichnete sie das Paneuropa-Picknick; dieses deutend, habe einer ihrer Freunde damals festgestellt: „Bald wird es die ,DDR‘ nicht mehr geben.“

Jaroslav Ostrčilík und Botschafter Dr. Péter Györkös
(Foto: Deutsche Gesellschaft)

Ausgehend von seinen persönlichen Erinnerungen reflektierte der schwedische Osteuropa-Korrespondent und Schriftsteller Richard Swartz die Motivationen und Diskurse in den ostmitteleuropäischen Staaten – vor allem in der Tschechoslowakei – während der Revolution. „Was wollten die Menschen damals? Im Westen hatten wir schnell eine Antwort: Freiheit und Demokratie.“ Die Wünsche nach materiellem Wohlstand, physischer Mobilität und nationaler Unabhängigkeit seien hingegen nur peripher wahrgenommen worden. – Abgesehen von der ČSSR und „DDR“ hätten die ostmitteleuropäischen Staaten jedoch auch kaum über eine historische Demokratietradition verfügt, auf die sich die Dissidenten hätten beziehen können. Nicht nur Lech Wałęsa sei, so Swartz, zwar „ein mutiger Mensch, aber kein Demokrat“ im engeren Sinne gewesen; selbst Václav Havel habe bezüglich der Tragfähigkeit demokratischer Strukturen viele Bedenken gehabt. „Havel“, erinnerte sich Swartz, „fühlte sich am wohlsten, wenn er als aufgeklärter Aristokrat aus dem Präsidentensitz über den Rundfunk zu seinem Volk sprechen konnte.“

In ähnlicher Weise konnte Swartz auch die Erwartungen und Überzeugungen erhellen, die sich in den aufzunehmenden Staaten mit der EU-Osterweiterung verbanden. Er berichtete von einem Gespräch mit tschechischen Politikern im Prager Parlament im unmittelbaren Umfeld der Aufnahme in die EU. Damals habe er den Politikern zwei Fragen gestellt: Was sie von der EU-Mitgliedschaft erwarteten? Und was die neuen Mitgliedstaaten in die EU mitbrächten?

Während ihm auf die erste Frage eine lange Liste präsentiert worden sei, seien die Gesprächspartner auf zweite Frage nicht gefaßt gewesen. Einige zumindest hätten dann auf die Tradition der ostmitteleuropäischen Staaten als Verteidiger Westeuropas verwiesen. Insgesamt, so Swartz, würden diese Länder aus ihrem Verständnis von Freiheit und nationaler Autonomie heraus die kosmopolitische Ausrichtung der EU nicht akzeptieren können: Brüssel solle in ihren Augen kein neues Moskau oder Wien werden.

Geprägt war die Tagung von scharfer – in Teilen auch polemischer – Kritik an der Politik der ungarischen Regierung unter Viktor Orbán. So stieg Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, bereits mit der Feststellung in seinen Eröffnungsvortrag über „1989/90 als globale Zäsur“ ein, man habe sich noch vor einigen Jahren nicht vorstellen können, daß in einem EU-Mitgliedsstaat antisemitische Kampagnen und die „Vertreibung einer Universität“ möglich seien; hiermit spielte er auf die Auseinandersetzungen Orbáns mit George Soros an.

In ihrem Vortrag „Auf dem Weg zu neuen Autoritäten – Demokratieverlust(e) in Europa“ wandte die Vorsitzende des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker, Professor Julia Obertreis, sogar explizit den Begriff der „Gleichschaltung“ auf die ungarische Presselandschaft an.

Auf einem Podium, das unter dem Schlagwort „1989/90: Und die Welt war anders“ die Veränderung der internationalen Ordnung infolge der Revolution in den Blick nahm, gestand Sapper freilich zu, daß er in den Jahren des Umbruchs habe feststellen müssen, daß Nationalismus – entgegen der gewohnten westeuropäischen Lesart – auch als emanzipatorische Kraft wirksam gewesen sei, gerade im Kampf um das Selbstbestimmungsrecht im Baltikum und in Südosteuropa; Ungarn sei Beispiel für die sowohl konstruktiven als auch destruktiven Wirkungen des Nationalismus. Professor Gabriella Schubert, Präsidiumsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft, akzentuierte die sich mit diesem Phänomen verbindende Ambivalenz in den Entwicklungen der zurückliegenden drei Jahrzehnte: Diese hätten sowohl zur strukturellen Einheit der EU, jedoch gleichermaßen – gerade mit Blick auf die Visegrád-Staaten – zu einer politisch-ideologischen Spaltung geführt.

Vor dem Hintergrund dieser Debatten war mit Spannung das abschließende Podium zu erwarten, an dem – neben Jaroslav Ostrčilík, Projektmanager des Festivals „Meeting Brno“ – unter anderen auch der ungarische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Péter Györkös, teilnahm. Dabei wies Györkös die an seinem Staat geübte gängige Kritik, wie sie in der Tagung immer wieder laut geworden war, zurück: „Ungarn ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“ Der Botschafter betonte, daß es drei Streitpunkte gebe, in denen bestimmte liberale Visionen von Ungarn nicht geteilt würden: Migration, Familie und die christlich-jüdische Tradition Europas. Jedoch wandte er sich deutlich dagegen, daß die Kritik am Liberalismus per se antidemokratisch sei.

Eine sowohl differenzierte als auch breit angelegte Perspektive auf die gegenwärtigen Probleme Europas skizzierte Ostrčilík, der eine allgemeine Atomisierung der Gesellschaften diagnostizierte: Es gebe keine von allen geteilte Öffentlichkeit und so auch keinen gemeinsamer Nenner in politischen Fragen mehr. Diese Entwicklung scheine um so fataler, als in der Zukunft Herausforderungen warteten, die neben der gegenwärtigen Debatte um die Migrationspolitik an Bedeutung gewönnen. Als solche benannte Ostrčilík den Umgang mit Künstlicher Intelligenz, aus dieser resultierende Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt und den Klimawandel. Diese Entwicklungen hätten das Potential zu einer noch weitergehenden gesellschaftlichen wie politischen Verunsicherung. Solche „großen Zukunftsfragen“ dürften aus einer Debatte um die divergierenden politischen Positionen Westeuropas und der Visegrád-Staaten nicht ausgeklammert werden.

Ostrčilík beschloß die Diskussion mit einem klaren Bekenntnis zu Europa: Die EU werde zukünftig von wachsender politischer Bedeutung sein, da in einer globalisierten Welt vor allem die kleinen europäischen Staaten – etwa in der Auseinandersetzung mit China – alleine kaum das notwendige politische Gewicht aufbringen könnten. Zugleich müsse die EU jedoch für ihre Bürger partizipativ gestaltet werden: „Einzelne Öffentlichkeiten müssen einbezogen werden, auch über Wahlen alle vier Jahre hinaus.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Sudetendeutsche Zeitung 13/2019.

Im Ministerium zur Andacht

Seit 2016 bietet die Evangelische Militärseelsorge regelmäßige Gottesdienste im Verteidigungsministerium an

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist Mittwochmorgen, viertel vor acht. Malte Mevissen durchquert den Innenhof des Bendlerblocks. Alle zwei Wochen betritt der Kirchenmusiker, der hauptberuflich für eine große Kreditanstalt in der beruflichen Weiterbildung tätig ist, den von Feldjägern bewachten Seitenflügel des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) in Berlin. In der hauseigenen Kapelle wird er gleich den Gottesdienst begleiten, den Militärdekan Peter Schmidt mit zivilen wie uniformierten Mitarbeitern des Hauses feiert.

Waren zuvor Gottesdienste im BMVg lediglich anlassbezogen durchgeführt worden, entschied sich Schmidt, als er 2016 das Amt des Militärdekans antrat, einmal im Monat jeweils eine Andacht und einen Abendmahlsgottesdienst anzubieten – verbunden mit der anschließenden Möglichkeit eines gemeinsamen Frühstücks. Und dieses Angebot wird dankbar angenommen. „Man merkt, dass die Menschen den Zuspruch suchen“, so Schmidt. Es fügte sich, dass just 2016 die Kapelle im BMVg in neue Räumlichkeiten umziehen musste. Dies bot Gelegenheit zur Neugestaltung – einschließlich einer Orgel. Zuvor hatte ein Keyboard für die musikalische Gestaltung herhalten müssen.

Als Peter Schmidt vor zweieinhalb Jahren einen Organisten suchte, ergab es sich, dass er Malte Mevissen bei einem Gottesdienst in seiner Ortsgemeinde kennenlernte, wo dieser als Organist eingesprungen war. Dies tut Mevissen an vielen Sonntagen im Jahr in unterschiedlichen Berliner Kirchen. Bereits als Jugendlicher hatte er begonnen, sich das Orgelspiel beizubringen, später legte er die Prüfung für den C-Schein als Kirchenmusiker ab. Es folgte ein Studium der Schulmusik, das ihn letztlich jedoch in den Bereich der Erwachsenenbildung führte. An Sonntagen – oder eben zweimal im Monat am Mittwochmorgen – zieht es ihn aber immer wieder als nebenamtlichen Organisten ans Manual.

Während es draußen über den Dächern Berlins hell wird, treffen die Gottesdienstbesucher in der Kapelle ein. Viele kommen regelmäßig, man kennt sich. Peter Schmidt begrüßt jeden mit Händedruck. Hierarchien spielen in der Kapelle keine Rolle: Hier sitzen politische Entscheidungsträger neben Feldjägern vom Wachdienst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch den Ort, an dem sie arbeiten, in besonderer Weise geprägt sind, sagt Schmidt: „Das Haus färbt ab. Es handelt sich um Menschen, die unter starkem Druck stehen und die enorme öffentliche Aufmerksamkeit spüren, die dem Ministerium zukommt.“ Auch aus kirchenmusikalischer Sicht hat der Teilnehmerkreis seine Besonderheiten: „Der Gesang ist viel kräftiger als in normalen Gemeinden“, stellt Mevissen fest. Die ausgeprägte Singbereitschaft mag damit zusammenhängen, dass es sich bei der Teilnahme an einem Gottesdienst mitten in der Arbeitswoche um eine sehr bewusste Entscheidung handelt.

Mit ihren Gedanken und Fragen können sich die Gottesdienstbesucher in der Kunstinstallation vorne in der Kapelle wiederfinden: Eine Holzskulptur zeigt einen Menschen, der – verlassen auf einem großen Stuhl sitzend – seinen Kopf einem Relief zugewandt hat, welches das Gesicht des Gekreuzigten zeigt. „Ein Mensch, der sein Maß sucht und auf Gott blickt“, so deutet Schmidt das Kunstwerk. In diesem Sinne will Militärdekan Peter Schmidt mit seinen Gottesdiensten den Besuchern helfen, den christlichen Glauben zu erschließen. Dabei spielen für ihn Predigt, Liturgie und Kirchenmusik unmittelbar zusammen. Damit trägt gerade auch das Orgelspiel von Malte Mevissen wesentlich zum Dienst an den Menschen im BMVg bei.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2019.

Abschied von einem großen Danziger

Deutschland und Polen nach dem Tod von Paweł Adamowicz

Am 14. Januar erlag Paweł Adamowicz seinen Verletzungen nach einem Messerattentat, das am Vortag während einer Benefizveranstaltung auf ihn verübt worden war. Danzigs Stadtpräsident war erst Ende vergangenen Jahres zum vierten Male wiedergewählt worden – eine Wahl, der weit über die Stadt hinaus Beachtung geschenkt wurde, konnte sie doch als Ausdruck einer Gegenbewegung zum anhaltenden Erfolg der Nationalkonservativen in der polnischen Politik verstanden werden. Auch dies mag – neben der menschlichen Tragik des Ereignisses – erklären, dass der Tod von Paweł Adamowicz Betroffenheit weit über die Grenzen Danzigs und Polens hinaus ausgelöst hat.

(Foto: Rudolf H. Boettcher)

Er war am 2. November 1965 als Sohn polnischer Vertriebener aus dem Raum Wilna in Danzig geboren worden, wo er nach Erwerb des Abiturs am Nikolaus-Kopernikus-Lyzeum, der einstigen Oberrealschule zu St. Petri und Pauli, Rechtswissenschaften studierte und ab 1989 als wissenschaftlicher Assistent an der Universität tätig war. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich der politisch engagierte Hochschüler an Studentenstreiks im Kampf gegen die erodierende kommunistische Gewaltherrschaft beteiligt. 1990 wählten ihn die Danziger das erste Mal in das Stadtparlament. 1998 votierten dessen Abgeordnete für Adamowicz als Stadtpräsidenten von Danzig.

In Deutschland wurde an den Verstorbenen vor allem als einen Kämpfer gegen „jede Form von engstirnigem Nationalismus und Fremdenhass“ erinnert, als den ihn der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, würdigte: „Es ging ihm um Brückenbau und Versöhnung, um Dialog und ein friedliches Miteinander aller gesellschaftlichen Schichten.“ Adamowicz hatte ihn im vergangenen Jahr eingeladen, zum Jubiläum der Solidarność-Gründung in Danzig zu sprechen.

Mit seinem Gastgeber habe er, erinnert sich Marx, „eine bedeutende politische Persönlichkeit, einen überzeugten Europäer, einen tiefgläubigen Christen und einen großartigen Menschen kennenlernen“ dürfen. Bereits 2001 hatte Papst Johannes Paul II. Adamowicz das Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pontifice (Für Kirche und Papst) verliehen. Die europa- und verständigungspolitische Dimension des Wirkens von Adamowicz betonte auch eine Erklärung des Vorstands der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages, die ihn als „Pfeiler der deutsch-polnischen Freundschaft“ bezeichnete.

Der bekannte polnische Bürgerrechtler Adam Michnik verabschiedete sich in der Gazeta Wyborcza mit bewegenden Worten von seinem Weggefährten: „Paweł vertrat Danzig und den polnischen Patriotismus, den Patriotismus von Eugeniusz Kwiatkowski und Lech Wałęsa. Er glaubte an das Projekt eines selbstverwalteten, toleranten, pluralistischen und vielfarbigen Polen in Freundschaft zu seinen Nachbarn. Ein Polen, treu den christlichen Werten und den Werten der liberalen parlamentarischen Demokratie. […] Für dieses Polen gab Paweł Adamowicz sein Leben.“

Auch die konservative Regierung schloss sich der Trauergemeinde an. Nach anfänglichem Zögern ordnete Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Staatstrauer an. In der Beantwortung der Frage nach den Ursachen des Mordes an Adamowicz unterscheiden sich die politischen Kräfte allerdings. Heben die weitgehend unter Regierungseinfluss stehenden öffentlichen Sendeanstalten und die regierungsnahe Presse die psychische Erkrankung des Täters hervor, betrachten Nationalliberale und Progressive ein durch die Politik der PiS und der ihnen nahestehenden Medien geschaffenes Klima der maximalen Polarisierung und des Hasses als für den Mord mitverantwortlich. Diesem Vorwurf schloss sich – freilich mit diplomatischen Worten – auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, an – und in einer Erklärung forderten die jüdischen Verbände und Institutionen Polens ebenfalls in diesem Sinne, die Sprache der öffentlichen Debatten zu ändern.

Präsident Andrzej Duda zeigte seine Anteilnahme mit der Präsenz bei der Trauerfeier und Beerdigung von Adamowicz, auch wenn er entgegen allen protokollarischen Gepflogenheiten auf Wunsch der Familie Adamowicz in der Marienkirche nicht in der ersten Reihe saß. Sein Berater, Professor Andrzej Zybertowicz, kritisierte später in der konservativen Rzeczpospolita, dass Persönlichkeiten wie Lech Wałęsa, Jurek Owsiak oder eben Paweł Adamowicz trotz ihrer politischen und persönlichen Fehler in einer mystischen Weise engelsgleich überhöht würden. Dabei verwies er auf die Korruptionsvorwürfe gegen Adamowicz, die aber bis zuletzt nicht bestätigt wurden.

Zur Zielscheibe der nationalistischen Kräfte in Polen war Adamowicz schon lange geworden. Gabriele Lesser brachte in einem Nachruf für die taz auf den Punkt, was Adamowicz auszeichnete und zugleich bei seinen Gegnern verhasst machte. Die deutsche Historikerin und Journalistin würdigte ihn als einen „mutigen Politiker“, der sich für sexuelle Minderheiten, Ausländer und Flüchtlinge einsetzte, „sich mit der jüdischen Gemeinde von Danzig solidarisch zeigte, als die Synagoge angegriffen wurde“, und „das pazifistisch konzipierte Museum des Zweiten Weltkriegs“ verteidigte.

Paweł Adamowicz war jedoch keine linke Gallionsfigur, sondern ein bürgerlicher Pragmatiker, der sich neuen Entwicklungen gegenüber offen und neugierig zeigte. Er war Bürgermeister aller Danziger. Zwanzig Jahre lang lenkte er erfolgreich die Geschicke der alten Hansestadt. Die Deutschen – und insbesondere die heimatvertriebenen Danziger, denen er stets mit großer Offenheit begegnete – werden sich seiner respektvoll und dankbar erinnern.

Tilman A. Fischer und Vincent Regente

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2019.