Noskes Schießbefehl als Modell

Der Historiker Mark Jones schildert in „Am Anfang war Gewalt“ die blutige Gründungsphase der Weimarer Republik

Am Anfang war Gewalt“ heißt Mark Jones’ Geschichte der deutschen Revolution – und schon der Titel legt den Finger in die Wunde. Denn Jones bedient nicht das Narrativ einer Demokratisierungsgeschichte, sondern zeichnet eine Geschichte der Gewalt nach, die mithin die folgenden Jahrzehnte deutscher Geschichte in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Vollständiger Artikel auf taz.de…

Erschienen in: taz.am Wochenende vom 12. 8. 2017.

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„Einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus“

Zum 130. Geburtstag von Senatspräsident a. D. Hermann Rauschning

Personengedenktage geben einen willkommenen Anlass, an die historischen Verdienste zu erinnern, denen ein Jubilar seine Stellung im kollektiven Gedächtnis verdankt. Zugleich ermuntern sie aber auch dazu, Aspekte seiner Biografie in Erinnerung zu rufen, die im populären Diskurs nur nachrangig Berücksichtigung finden. Beiden Dimensionen möchte der folgende Beitrag nachgehen, der sich aus Anlass des 130. Geburtstags dem am 7. August 1887 in Thorn geborenen Hermann Rauschning widmet : Das dominierende Bild vom ersten NSDAP-Senatspräsidenten der Freien Stadt Danzig und späteren Hitler-Gegner bliebe unvollständig, wenn nicht auch die Jahre von 1945 bis zu seinem Tod am 8. Februar 1982 in Portland (Oregon, USA) Beachtung fänden, denn hier begegnet uns Rauschning sowohl als vielbeachteter Zeitzeuge wie als politischer Denker, der sich in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nachdrücklich am öffentlichen Diskurs über die Deutschland-Politik beteiligte.

Von Thorn nach Portland – ein verschlungener Lebensweg

Der Weg, den Hermann Rauschning nach seinen Jugendjahren in Thorn mit einem Studium der Musikwissenschaft in München und Berlin einschlug, ließ eine spätere politische Karriere noch nicht erahnen. Zumindest jedoch offenbarte bereits seine Dissertation über die „Geschichte der Musik und Musikpflege in Danzig“ (1911), dass Rauschning in seinem Denken nationalen Paradigmen durchaus verpflichtet war – so dass seine überarbeitete Abhandlung bei ihrer Drucklegung im Jahre 1931 dann, den Tendenzen der Zeit entsprechend, dezidiert die Zugehörigkeit Danzigs allein zur deutschen Kultur propagieren konnte.

Sein Eintreten für nationale Interessen – zunächst einmal für diejenigen der Deutschen als nationaler Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit – prägte sich bei seiner ersten beruflichen Tätigkeit als Leiter der Deutschen Bücherei in Posen ab 1920 sodann schon deutlicher aus. Sein nach der Übersiedlung in die Freie Stadt Danzig erschienenes Buch „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens. Zehn Jahre polnischer Politik“ (1930) hat bis heute wesentlichen Einfluss auf das gängige Bild über die Lage der Deutschen im Korridorgebiet.

In den Jahren 1931 bis 1934 sollte Rauschning eine wechselhafte Rolle in der Freien Stadt spielen: Nachdem er 1931 der NSDAP beigetreten war, brachte ihn 1933 eine Koalition mit dem katholischen Zentrum in das Amt des Danziger Senatspräsidenten. Schon bald offenbarten sich jedoch wesentliche weltanschauliche Differenzen zur Mehrheit der Danziger Nationalsozialisten, an deren Spitze Gauleiter Albert Forster stand. Diese Spannungen hat Marcus Pyka (Zürich 2005) auf den Punkt gebracht: Während „etwa Gauleiter Forster in erster Linie Nationalsozialist und somit ganz und gar auf Hitler fixiert war, hatte der stellvertretende Gauleiter Rauschning durchaus seinen eigenen Kopf. Dieser zeigte sich etwa bei der Frage der Wirtschaftspolitik […]. Daneben betrachtete Rauschning einen Ausgleich mit Polen als ein politisches Ziel von eigenem Wert, und auch mit der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte er wohl nur bedingt etwas anfangen.“

Am Ende dieser Auseinandersetzungen verließ Rauschning 1934 Amt und Partei und schlug sich auf die Seite der Opposition; 1934 emigrierte er schließlich nach Polen und ab 1938 mit Zwischenstationen in der Schweiz und Frankreich in die USA. In diesen Jahren erreichte sein publizistisches Wirken einen ersten Höhepunkt: Den größten – und bis heute anhaltenden – Bekanntheitsgrad erreichten die 1940 veröffentlichten „Gespräche mit Hitler“; mindestens ebenso bedeutend war jedoch sein Entwurf einer konservativen Faschismustheorie in seiner Monographie „Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich“, die besonders bemerkenswert ist, da diese fundamentale Kritik bereits 1938 – also deutlich vor den Gräueln des Zweiten Weltkriegs – formuliert wurde.

Nationalsozialismus und Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Rauschning seinen neuen Lebensmittelpunkt in den 1940er Jahren im US-Bundesstaat Oregon gefunden hatte, wo er sich 1948 als Farmer niederließ. Als Vortragsreisender und Publizist sollte er jedoch weiterhin in der jungen Bundesrepublik – insbesondere in den 1950er Jahren – präsent bleiben.

Der politische Denker

Es verwundert nicht, dass sich der ehemalige Danziger Senatspräsident in den Nachkriegsjahren gerade auch zu Fragen der Vertriebenenpolitik äußerte. So veröffentlichte das Mitteilungsblatt der Landsmannschaft Ostpreußen (Wir Ostpreußen 3 / 1950) seinen Artikel „Danzig im gesamtdeutschen Schicksal“. Hier wandte er sich gegen politische Strömungen, die versuchten, aus der Geschichte und völkerrechtlichen Stellung Danzigs einen vertriebenenpolitischen Sonderweg der Danziger jenseits der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen zu entwickeln: Er forderte, „daß sich die Ostdeutschen als Ganzes der Würde und Aufgabe als einer […] Gruppe bewußt werden und Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtpolitik Deutschlands und Europas zu gewinnen versuchen“.

Unter dem leitenden Motiv des Einsatzes für ein wiedervereinigtes und unabhängiges Deutschland befasste er sich freilich nicht nur mit der deutschen Perspektive, sondern berücksichtigte auch stets die Entwicklungen in der internationalen Politik. So beobachtete er im „Ostpreußenblatt“ (Nr. 11 / 1953) etwa die Aktivitäten der erst wenige Monate im Amt befindlichen Regierung Eisenhower und stellte fest: „Außerhalb der Vereinigten Staaten macht sich wohltuend geltend, daß eine Hand die Zügel hält, die weiß, wohin sie fahren will.“

Die Provenienz der oben zitierten Artikel darf allerdings nicht den Blick auf die Breite von Rauschnings publizistischem Schaffen verstellen. Neben weiteren Artikeln und Monographien wie „Die deutsche Einheit und der Weltfriede“ (1955) beteiligte sich Rauschning als Autor – und überdies sogar als Mitbegründer – an den „Blättern für deutsche und internationale Politik“. Diese sind bis heute eine der angesehensten Fachzeitschriften im Umfeld der Politikwissenschaft.

Am 9. September 1985 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ausführlichen Beitrag über den Fälschungscharakter der „Gespräche mit Hitler“. (Ausschnitt auf dem Beitrag „Zitat, Zitat, Zitat, und nichts weiter“ von Wolfgang Malanowski, in: Der Spiegel 37/1985; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514710.html)

Der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker

Ebenso wie der politische Denker war auch der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker Rauschning in die öffentlichen Diskurse der Zeit involviert. Dies verdeutlicht eine Reihe von Beiträgen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im Spiegel erschienen sind.

Von besonderer Bedeutung ist ein Artikel vom 18. November 1959 aus einer Serie, die entgegen der öffentlichen Mehrheitsmeinung für eine Alleintäterschaft des Kommunisten van der Lubbe beim Reichstagsbrand eintrat. Rauschnings „Gespräche“ galten zu dieser Zeit noch als ein wesentlicher Beleg für die Täterschaft der Nationalsozialisten, wollte Rauschning doch ein entsprechendes Eingeständnis persönlich von Göring vernommen haben. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte der „Spiegel“ mit Rauschning korrespondiert, der nun zurückruderte und lediglich noch Bruchstücke eines Gespräches von Göring mitgehört haben wollte. Das Magazin kam zu dem Schluss: Angesichts dieser Einschränkung müsse Rauschning „auch zumindest die Möglichkeit zugeben […], daß er die Worte Görings mißverstanden hat. Als historische Quelle kann sein Bericht jedenfalls nicht gelten“.

Zwar veröffentlichte der Spiegel am 23. Dezember eine ganzseitige Reaktion auf die Kritik Rauschnings, der Geltungsanspruch der „Gespräche“ hatte jedoch erste Risse bekommen. Obwohl sich die Bedenken bereits während der 1960er Jahre noch mehrten, sollte eine fundierte Dekonstruktion von Rauschnings „kreativer“ Geschichtsschreibung erst in den 1980er Jahren erfolgen. Immerhin zitierte der Spiegel noch 1980 in einer Artikelserie über die „kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946“ Rauschning als verlässlichen Zeitzeugen.

Auch wenn die immer stärker anwachsenden Zweifel an der Authentizität letztlich zur Gewissheit über den Fälschungscharakter der „Gespräche“ wurden, blieb Rauschning in den Nachkriegsjahrzehnten ein wichtiger Referenzpunkt für das Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Nimbus scheint sich weniger der Korrektheit und Zuverlässigkeit von Tatsachenberichten als vielmehr dem Verdienst zu verdanken, bereits frühzeitig und hellsichtig das Wesen der NS-Ideologie durchdrungen und als Chronist der NS-Zeit wesentliche Entwicklungslinien nachgezeichnet zu haben. So schloss Joachim Fest seinen zum 80. Geburtstag Hitlers verfassten Artikel (Der Spiegel, 17 / 1969), in dem er sich gegen die Bagatellisierung des Diktators als „Verkehrsunfall der deutschen Geschichte“ wandte, mit dezidiertem Verweis auf Rauschning: dieser, „der ihm eine Zeitlang selbst erlegen ist, hat ihn 1938 eine ‚universale Beunruhigung‘ genannt. Die Gegenwart ist hinter dieser Einsicht noch zurück.“

Die bleibende Bedeutung des Schaffens des Danziger Senatspräsidenten brachte gerade einer der Mitbegründer der Danziger Solidarność-Gewerkschaft, der Publizist Adam Michnik, in einem Spiegel-Beitrag des Jahres 1994 (Nr. 2) auf den Punkt : „Hermann Rauschning, einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus, prägte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs den Begriff der ‚Revolution des Nihilismus‘. Nihilisten waren für ihn gleichermaßen Hitler und Stalin, die Nazis und die Bolschewiken. Sie verbanden die Faszination des primitiven Denkens und die Überzeugung von der endgültigen Krise der Demokratie.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

„Regelaufgabe der Kirchen“

Fünf Fragen an Dr. Thies Gundlach

Bereits kurz nach den Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der „Ostdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Jahre 2015 war Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn aus dem Amt des Beauftragten des Rates der EKD für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen ausgeschieden. Gegenüber dieser Zeitung erklärte die EKD nun, dass es im Rahmen einer allgemeinen Verkleinerung des Kreises der Beauftragten nicht zu einer Neubesetzung kommen werde. Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, stellt sich im Interview Rückfragen, die sich aus dieser Entscheidung ergeben.

Herr Dr. Gundlach, über Jahrzehnte war der Beauftragte des Rates der EKD eine feste Institution und ein wichtiger Ansprechpartner für Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler. Welche Überlegungen gaben Anlass dazu, nun auf eine Fortführung dieses Amtes zu verzichten?

Dr. Thies Gundlach (Foto: EKD)

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine längere und intensive Diskussion der Frage hinter sich, welche Beauftragungen er einrichten will und welche nicht. Denn Beauftragungen sind im Kern ja Delegationen von Themen an ausgewählte Personen, die in aller Regel nicht Mitglied des Rates der EKD oder seines Amtes sind. Diese Delegationen dienen einerseits einer Entlastung des Rates, andererseits ermöglichen sie eine gewisse Konzentration auf einen spezifischen Aufgabenbereich. Nicht verbunden mit einer Beauftragung war und ist eine Form der Bewertung oder gar Priorisierung von Aufgabenfeldern. Demzufolge ist die Nicht-Beauftragung eines Themenfeldes auch keinesfalls als Zurückstellung zu verstehen. Vor diesem Hintergrund hat der Rat der EKD die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angewachsenen Beauftragungen kritisch geprüft und insbesondere dort keine neue Beauftragung ausgesprochen, wo Aufgabenfelder im Laufe der Jahre zu Regelaufgaben geworden sind.

Wer wird innerhalb der EKD in Zukunft die bisherigen Aufgaben des Beauftragten wahrnehmen und den Vertriebenen bzw. Spätaussiedlern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen?

Auch wenn zukünftig die Aufgaben des Beauftragten für Spätaussiedler nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden können, wie sie von dem hochengagierten und hochkompetenten letzten Beauftragten, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, ausgeführt wurden, ist die Zuständigkeit für den Themenbereich vom Rat der EKD klar geregelt. Im Grundsatz ist die Zuständigkeit an den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD übertragen worden und wird von mir – gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen – nach besten Wissen und Gewissen übernommen.

Zwar wird die Zahl derjenigen, die Flucht und Vertreibung während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs persönlich erlebten, von Jahr zu Jahr geringer. Demgegenüber stellen jedoch die Aussiedler und Spätaussiedler gegenwärtig eine der beiden größten Migrantengruppen in der bundesdeutschen Gesellschaft dar, bei deren Integration bis heute zudem große Herausforderungen bestehen. Was bedeutet die vom Rat der EKD getroffene Entscheidung für die Bedeutung, die diesem Problemzusammenhang innerhalb der gesellschaftlichen Diakonie zukommt?

Auch als Betroffener oder Engagierter in diesem Arbeitsbereich wird man anerkennen, dass die großen Erstherausforderungen der Spätaussiedler seit einigen Jahren nicht mehr in gleicher Weise auf der ganzen Gesellschaft und damit auch auf der Kirche lasten wie zuvor. Es ist festzuhalten: Aussiedler und Spätaussiedler sind weithin angekommen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und sind ein stabilisierender Faktor der lebensweltlichen Pluralität. Darauf haben sich Kommunen, Kirchenkreise und Landeskirchen eingestellt. Natürlich gibt es nach wie vor viel zu tun im Bereich der Integration, der Begleitung und der Beratung, aber diese Herausforderungen sind nicht mehr vergleichbar mit den Aufgaben, die in den 1980er und 1990er Jahren vorlagen. Insofern signalisiert der Verzicht des Rates der EKD auf eine Berufung eines Beauftragten lediglich, dass die Arbeit mit (Spät-)Aussiedlern zu einer Regelaufgabe der Kirchen geworden ist.

Vergangenes Jahr hat die Deutsche Bischofskonferenz die Beendigung der bisherigen Visitaturen beschlossen, die für die Betreuung der einzelnen landsmannschaftlichen Gruppen katholischer Vertriebener zuständig waren; demgegenüber liegt die Vertriebenenpastoral nun in den Händen der Selbstorganisationen der katholischen Vertriebenen. Innerhalb der EKD organisieren sich die Deutschen aus dem Osten im Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen bzw. den hierin zusammengeschlossenen Gemeinschaften und Hilfskomitees. Welche Zukunftsperspektive hat die EKD für ihren wichtigen Dienst an den von Flucht und Vertreibung Betroffenen bzw. den Nachgeborenen – und wie wird sie deren Organisationen unterstützen?

Grundsätzlich werden solche Initiativen und wichtigen Dienste auf der regionalen Ebene gefördert und geistlich-diakonisch begleitet, soweit die Kräfte reichen. Zugleich können Anfragen im Blick auf Unterstützung und Begleitung gesamtdeutscher Initiativen selbstverständlich an das Kirchenamt der EKD gerichtet werden, sie werden dort bearbeitet und ggf. an die zuständigen Stellen weitervermittelt.

Am 2. September wird der Bund der Vertriebenen mit einem zentralen Festakt den Tag der Heimat begehen, der 2017 unter dem Motto steht: „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. In der bisherigen Tradition des Beauftragten beabsichtigen Sie in diesem Jahr für die EKD das Geistliche Wort zu halten. Ohne Ihrer Ansprache zu weit vorgreifen zu wollen: Welche Botschaft hat die EKD im Jahre 2017 für die deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Spätaussiedler?

Leider werde ich aufgrund einer anderen Verpflichtung – entgegen ursprünglicher Planungen – persönlich nicht anwesend sein können. Herr Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD in Berlin, wird diese Aufgabe übernehmen. Er wird – ohne ihm nun meinerseits vorgreifen zu wollen – ganz auf der hier entfalteten Linie ebenfalls darlegen, warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung!“

Marienbader Gespräche 2017 des Sudetendeutschen Rates

Anlässlich 25 Jahren deutschtschechoslowakischer Nachbarschaftsvertrag und 20 Jahren Deutsch-Tschechische Erklärung erörterten die diesjährigen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates (SR) vom 28. bis 30. April Zukunftsperspektiven der (sudeten)deutsch-tscheschichschen Beziehungen. In Ihrer Eröffnung erinnerte die Generalsekretärin Christa Naaß an die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen“ vor 70 Jahren. Angesichts aktueller Herausforderungen gelte es, die historischen Erfahrungen der Sudetendeutschen fruchtbar zu machen.

Peter Barton berichtete über die aktuellen Fragen, mit denen das von ihm geleitete Sudetendeutsche Büro in Prag befasst ist. Zunehmend werde die Vertretung der Sudetendeutschen von tschechischen Politikern als Ansprechpartner und Vermittler in Fragen der deutsch-tschechischen Beziehungen wahrgenommen und konsultiert. Der Vortrag „Arbeit in Europa – EURES Bayern-Tschechien“ leitete am zweiten Tag der Marienbader Gespräche eine Reihe von Beiträgen ein, die Stand und Perspektiven unter dem Gesichtspunkt einzelner Fachgebiete beleuchteten. So berichtete Herbert Schmid, Geschäftsführer der Weiterbildungseinrichtung „Arbeit und Leben Bayern“, über die zunehmende Arbeitsplatzmobilität im bayerisch-tschechischen Grenzraum.

Sämtliche Landtagsfraktionen Bayerns auf dem Podium bei den Marienbader Gesprächen (v.l.n.r.): Bernhard Seidenath MdL, Markus Rinderspacher MdL, Dr. Peter Becher, Ulrike Gote MdL und Bernhard Pohl MdL.
(Foto: Nadira Hurnaus)

Die unterschieldichen Perspektiven der bayerischen Politik vermittelte eine von Dr. Peter Becher moderierte Podiumsdiskussion mit Vertretern sämtlicher Landtagsfraktionen, wobei der gemeinsame Einsatz für den Erhalt der europäischen Einheit im Zentrum des Gesprächs stand. Bernhard Seidenath MdL (CSU) bedauerte, dass Mahner, die zu Wendezeiten aus der geteilten Geschichte Europas heraus dessen Einheit gestaltet hätten, heute in der Politik fehlten. Bernhard Pohl MdL (Freie Wähler) würdigte das europäische Projekt als einen Rahmen für Völkerverständigung und Versöhnung. Markus Rinderspacher MdL (SPD) sah eine Bedrohung für den Rückhalt der EU in der Bevölkerung vor allem darin, dass sich „zu sehr ums Detail als um die große Linie gekümmert“ werde. Ulrike Gote (Bündnis 90/Die Grünen) rief dazu auf, bei allen euroskeptischen Stimmen aus Osteuropa nicht die überzeugten Europäer, etwa im Baltikum, zu vergessen.

Als Vertreter der tschechischen Politik begrüßte der SR Zdeněk Papoušek, der als Vertreter der Christdemokraten dem Senat, der oberen Kammer des tschechischen Parlaments angehört. Der Senator hob in seinem Vortrag die tschechischerseits unternommene Aufarbeitung des Brünner Todesmarsches hervor: Jedes Volk sei stolz auf seine Geschichte, jedoch müssten sich alle Menschen auch zu Gewalttaten aus der Vergangenheit verhalten.

Durch Dr. Libor Rouček MdEP und BdV-Vizepräsident Albrecht Schläger waren auch dieses Jahr wieder die beiden wichtigsten bilateral verankerten Akteure der deutsch-tschechischen Nachbarschaft vertreten: das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds. Rouček betonte die Notwendigkeit, den binationalen Dialog in die Diskussion grundsätzlicher europapolitischer Fragestellungen einzubetten. Schläger illustrierte anhand einzelner Projekte, die vom Zukunftsfonds unterstützt werden, die Vielfältigkeit nachbarschaftlicher Arbeit.

In einer weiteren Podiumsdiskussion kamen Vertreter der jüngeren Generation mit ihrem spezifischen Blick auf die (sudeten)deutsch-tschechischen Beziehungen zu Wort: Dr. Ondřej Matějka vom Institut zur Erforschung totalitärer Regime, als Vertreterin des deutsch-tschechischen Jugendforums Kateřina Kabátová und der Bundespressereferent der Paneuropa-Jugend Deutschland e.V., Tilman Asmus Fischer (zugleich Berichterstatter). Die Journalistin Bára Procházková, die bereits die Podiumsdiskussion moderiert hatte, referierte am Abend ihrerseits über „Tschechische Medien im Wahljahr 2017“. Sie problematisierte unter anderem den Umgang tschechischer Medienkonsumenten mit Fake News.

Den letzten Sitzungstag eröffnete eine ökumenische Andacht, die von Teilnehmern der Tagung gehalten wurde. Im Anschluss hieran erinnerte Jan Šícha, Koordinator für den Aufbau der Sammlung des Collegium Bohemicum, an den 40. Jahrestag der Charta 77. In einem abschließenden Vortrag fasste der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und SR-Präsidiumsmitglied Bernd Posselt die unterschiedlichen Aspekte der Tagungsthematik zusammen. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen beim Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft in Ostmitteleuropa unterstrich Posselt die Bedeutung des gemeinsamen Einsatzes für ein vereintes Europa.

Nach Ende des Programms verabschiedeten die anwesenden Ratsmitglieder gemeinsam mit den Teilnehmern der Gespräche die „Marienbader Erklärung“. Hierin fordern sie unter anderem „die Verwirklichung eines europäischen Volksgruppenrechts“, die „Stärkung des demokratisch gewählten Europaparlaments“ und erteilen jeglicher Diskriminierung eine Absage. Die Erklärung schließt mit den Worten: „Nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung!“

Der vollständige Text der Marienbader Erklärung unter: http://www.sudetendeutscher-rat.de/unser-engagement/

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 03/2017.

Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Der „Kanzler der Einheit“ und die Deutschen aus dem Osten

Zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl (* 3. April 1930 – † 16. Juni 2017)

Mitte Juni ist Helmut Kohl in seinem Geburtsort Ludwigshafen verstorben. Abschied vom „Kanzler der Einheit“ nehmen auch deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene. Mit ihm verbinden sie in besonderer Weise die Jahre der politischen Wende in Europa.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB würdigte Helmut Kohl, dem bereits 1984 die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen verliehen worden war, als „Verfechter der ­europäischen Idee“ und Unterstützer der Vertriebenen und Aussiedler: „Im In- und Ausland“ habe er deren „besonderen Anteil […] am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands deutlich“ heraus gestellt und sich dafür eingesetzt, „Geschichte und Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu fördern sowie die Aufarbeitung auch des Vertreibungsunrechtes voranzubringen“.

Vollständiger Artikel auf der-westpreusse.de…

Vom Wagnis der Begegnung

Seit dem Regierungsantritt der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ in Warschau sind die deutsch-polnischen Beziehungen zusehends belastet. Justus Werdin, seit November 2016 Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene im Berliner Missionswerk (BMW), spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die Aufgaben des kirchlichen Dialogs in der gegenwärtigen Situation.

Herr Werdin, welche Bedeutung kommt – gerade heute – der „grenzüberschreitenden Ökumene“ zwischen Deutschland und Polen zu, für die Sie im Berliner Missionswerk zuständig sind?

Das ist in der Funktionsbeschreibung bereits angelegt: Grenzen überschreiten, wo sie sich auftun – das Wagnis eingehen, sich mit nichts anderem als dem vertrauensvollen Wort begegnen zu wollen. Meine Aufgabe ist es, Menschen verschiedenster Herkunft und Frömmigkeitspraxis zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und sich zu achten.

Mit welchen konkreten Projekten und Formaten gelingt das?

Am 26. Juni wird erstmals ein deutsch-polnischer ökumenischer Konvent in Frankfurt (Oder) zusammentreten als ein Begegnungs- und Gesprächsformat im Grenzraum, der – wenn es gut funktioniert – immer erweiterungsfähig ist. Am selben Tag werden die Pilger vom deutsch-polnischen ökumenischen Pilgerweg Magdeburg-Gnesen, nunmehr im 15. Jahr, in Frankfurt eintreffen. Gemeinsam mit den Teilnehmern des Konvents werden sie das Mittagsgebet halten.

Was können deutsche Protestanten und polnische Katholiken bei solchen Begegnungen voneinander lernen?

In Deutschland sehe ich das Risiko, dass man sich etwas in den Dingen der gesellschaftlichen Diakonie verliert. Ebenso ist es in der katholischen Kirche in Polen ein Risiko, sich in der Pflege überlieferter Traditionen zu verlieren. Wir Initiatoren des Pilgerweg-Projekts wissen: Allein die Tradition zu pflegen, ist nicht die Antwort auf die Anforderungen. Man muss sich miteinander um adäquaten Glaubensausdruck bemühen für die Erfordernisse der Zeit. Wir müssen den Leuten nicht sagen, wie sie leben sollen – wir haben uns zu befähigen, zu wissen, was wir tun. Aber das muss jeder selber herausfinden – der Glaube ist kein Programm, sondern eine Ermutigung und Befähigung.

Ein wichtiges sozialdiakonisches Thema ist die Flüchtlingsproblematik, bei der Berlin und Warschau im Konflikt liegen. Wie steht die katholische Kirche in Polen hierzu?

Unsere Geschwister sind auch nicht blind oder taub. Sie tun, was sie können, aber das bekommt man in Deutschland leider kaum mit: In der Woiwodschaft Schlesien haben die evangelische und die katholische Kirche eine gemeinsame ökumenische Sammelaktion für die verfolgten Christen in Syrien durchgeführt. Und bei der Festmesse zum 600-jährigen Bestehen des Primas-Amtes in Polen war die Kollekte für das christliche Krankenhaus in Aleppo bestimmt.

Wie gestalten sich neben den Kontakten zur katholischen Mehrheitskirche in Polen das Verhältnis zur evangelisch-augsburgischen Minderheitenkirche?

Zweimal im Jahr führen wir Partnerschafts-Begegnungen mit der Diözese Breslau durch – man begegnet sich, man bewirtet sich, erzählt, tauscht Informationen aus. Darüber hinaus erfolgen Einladungen zu Veranstaltungen der jeweiligen Partner. Zum deutsch-polnischen Konvent wird auch der lutherische Bischof von Breslau, Waldemar Pytel, kommen. Er war es auch, der mir bei meiner Amtseinführung ins Stammbuch geschrieben hat, ich hätte auch einen Dienst an der Ökumene in Polen. Hierzu braucht es verlässliche Begegnungsformate, sonst besteht die Gefahr, nur nebeneinander her zu leben – und das dürfen wir uns als Christen nicht mehr erlauben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 26/2017.