Auferstehung Christi und Transzendenz der Natur

Im Sinne einer „experimentellen Denkmalpflege“ lädt das Museum Nikolaikirche Künstler ein, das dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallene Wandgemälde „Auferstehung Christi“ in der Grabkapelle der Familie Kraut an seinem historischen Ort durch eigene Werke zu kommentieren. Gegenwärtig wird im Rahmen der Reihe „Kunstraum Kraut“ das Gemälde „Auferstehung, Wiedergeburt, Vergänglichkeit“ von Johanna Staniczek gezeigt. Tilman A. Fischer sprach mit der Künstlerin und Kurator Albrecht Henkys.

Mit dem „Kunstraum Kraut“ haben Sie, Herr Henkys, Künstlerinnen und Künstler zur Auseinandersetzung mit dem Thema Auferstehung eingeladen, auf die Sie, Frau Staniczek, und Ihre Kollegen sich eingelassen haben. Welche Deutungen sind dabei zustande gekommen?

Staniczek: Es sind ganz unterschiedliche Positionen entstanden. Einige Künstler haben sich – wenn auch mit höchst unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen – explizit auf die ehemalige figurative Darstellung bezogen. Andere, wie ich, haben das nicht gemacht. Wichtig war uns aber allen, dass in der Mitte etwas Besonderes ist, wo in der ehemaligen barocken Wanddarstellung der auferstandene Jesus zu sehen war. Heute überlegt man sich: Was ist das für mich, Auferstehung? Jeder denkt mal darüber nach, wie es weitergeht nach dem Tod – spätestens, wenn die Eltern oder ein teurer Freund verstorben sind. Mein Bild entspringt eher aus einem pantheistischen Glauben. Als erstes sieht man die Auferstehung in der Natur – im Zentrum das Kommen des Lichts, der Sonne. Und so, wie die Natur immer wieder aufersteht, ersteht auch der Mensch auf – auch gefühlsmäßig.

Henkys: Mich hat bewegt, wie die Künstlerinnen und Künstler mit dem Paradoxon der anwesenden Abwesenheit oder der abwesenden Anwesenheit umgegangen sind, was ja hier ganz besonders weit getrieben ist, insofern die Anwesenheit des Auferstandenen gar kein Bildthema ist, sondern als Licht symbolisiert wird. Es ist in den zeitlichen Dimensionen der Kunstgeschichte noch gar nicht so lange her, dass man – im späteren Mittelalter – begonnen hat, Auferstehungsszenen zu malen. Diese Unfasslichkeit ist als Bildthema zuvor eigentlich nicht üblich gewesen. Sicher sind bereits auch vor der Reformation Auferstehungsszenen gemalt worden, aber das Auferstehungsthema so dezidiert bildlich zu fassen, ist eigentlich reformatorisch: Die Überwindung des Todes und der Sünden, das mit Vergebung verbundene Heilsversprechen und die Aussicht auf ein neues, ewiges Leben werden durch die Auferstehung symbolisiert. Von da an wird diese Darstellung dann auch in der Grabmalskunst dominant – und so auch in der Kapelle Kraut. Zuvor – als diese reformationstheologischen Ideen noch nicht im Mittelpunkt standen – hat man sich mit expliziten Darstellungen der Auferstehung eher zurückgehalten und diese vor allem durch Pflanzen symbolisiert.

„Auferstehung, Wiedergeburt, Vergänglichkeit“ von Johanna Staniczek

Pflanzen- und Naturelemente sind auch für Ihr Gemälde bedeutend, Frau Staniczek. Woher rührt die Motivik des Bildes?

Staniczek: Hinter den Waldmotiven stehen ganz intensive Erfahrungen aus meiner Kindheit auf der schwäbischen Alb. Das eine ist die Schneeschmelze. Das andere die Bäume, die von jeher für Schutz stehen, bei deren Betrachtung ich auch an Verstorbene, etwa meinen Vater, denke. Für den Entwurf habe ich auch neben den Bäumen Blumen gewählt, die auf mittelalterliche Mariendarstellungen verweisen. Ebenso steht das Blau  des Himmels, das in der Akelei, der Blume der Gotik vorkommt, für das Blau des Schutzmantels der Maria. Die Akelei wurde als Sieg des Lebens über den Tod gedeutet. Bei der Farbgebung habe ich mich an den Farben in der Kapelle und an Farben im Barock orientiert und so im unteren Bereich ganz bewusst auf Erdfarben reduziert – Ocker, einen rötlichen Braunton, Terra di Siena und Caput mortuum. Im oberen Bereich habe ich auch ausschließlich Naturfarben gewählt und nicht etwa für mittelalterliche Mariendarstellungen typische Ultramarinblau.

Henkys: Ich finde, dass Dein bildnerisches Herangehen ganz stark davon mitgeprägt ist, dass Du Deine Materialien selbst herstellst. Du bist vom ersten Moment des Prozesses wirklich engstens verbunden – und auch erdverbunden, indem Du Erdfarben selber anteigst, Dir die Pastellbrocken backst und so weiter. Die Materialien sind in der Natur entstanden und Du holst sie – bildlich gesprochen – aus der Erde und bringst sie auf das Bild. Das ist bemerkenswert sichtbar.

Wie verhält sich der enge Naturbezug in Ihrer Arbeit zur religiösen Dimension Ihres Gemäldes?

Staniczek: Ich habe immer tiefe Empfindungen, wenn ich in einem sakralen Raum stehe, aber auch, wenn ich im Wald stehe. Der Wald ist für mich nicht zum Joggen da. Das kann man machen, aber da steckt noch viel mehr darin. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage: die Pflanzen, die Wälder, die Flüsse, die Erde. Die Umwelt hat immer auch eine transzendente Dimension. Und eine Kunst, in der ich dies erkennen kann, ist für mich das größte.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 15/2022.

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