Reflexion existenzieller Fragen

„Wir haben Menschen Einsamkeit zugemutet, um andere vor Krankheit oder Tod zu schützen. Wir haben unser Leben einschränken müssen, um Leben zu retten.“ Mit diesen Worten reagierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner vielbeachteten Rede auf der Zentrale Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen in der Corona-Pandemie auf eine kollektive Erfahrung, die sich mit der Pandemie bzw. ihrer Bekämpfung verbindet: Einsamkeit.

Solche Erfahrungen drängen auf Bewältigung – nicht nur, aber insbesondere am Ende des zweiten „Corona-Jahres“. Und womöglich bietet sich hierzu auch die Advents- und Weihnachtszeit in besonderer Weise an. Dies nicht nur, weil es die Zeit der Jahresrückblicke und medialen Bilanzierung ist. Vielmehr laden diese – nicht ohne Grund mit Begriffen des Kirchenjahres bezeichneten – Wochen dazu ein, ganz persönlich das Zurückliegende im Horizont des eigenen Lebens wie transzendenter Hoffnungen zu bedenken.

Bei einer solchen Reflexion existenzieller Fragen kann jede und jeder Begleiter gebrauchen. Einen solchen bietet aus christlicher Perspektive das Buch „Für sich sein“ der Theologen Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, und Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie in Deutschland. Aufgrund ihrer jeweiligen Perspektiven sind sie prädestiniert dafür, dem komplexen Phänomen Einsamkeit in seinen individuellen, sozialen und theologischen Dimensionen auf lebensnahe Weise nachzugehen.

Dies gelingt ihnen in der Form eines „Atlasses der Einsamkeiten“: Zunächst bestimmen die Autoren in einer allgemeinen Einführung „Koordinaten der Einsamkeit“ und tragen damit zu einem umfassenden – und vor allem psychologisch fundierten – Verständnis von Einsamkeit bei. Auf dieser Grundlage erschließen sie das „Reich der Solitude“, „Zufluchtsorte des Für-sich-Seins“, die „Weiten der Loneliness“, die „Inseln der Isolation“, „Ankerplätze im Mahlstrom“ sowie „Wege und Orte der Befreiung“.

Jeder dieser Abschnitte bündelt einzelne, im Zusammenhang wie für sich lesbare Kapitel, die den Leser mit unterschiedlichsten Orten vertraut machen – Orte im weiteren Sinne des Wortes, also auch Situationen, Konstellationen und Menschen, die sich in diesen bewähren: Es begegnen Meister Eckhart in mystischer Abgeschiedenheit oder Caspar David Friedrich am Meer, es werden aber auch Einblicke in die moderne Gefängis-Seelsorge gegeben. Damit folgt „Für sich allein“ dem bewährten Muster von Claussens vorangegangenem Buch „Die seltsamsten Orte der Religion“.

Gleichfalls in der Tradition von Claussens Büchern steht der „Atlas der Einsamkeiten“ auch dahingehend, dass der Zusammenhang von Zwangsmigrationen – „Flucht“ als „Menschheitsgeschichte“ – zur Sprache kommt und dabei auch das deutsche Vertreibungsschicksal thematisiert wird. An dieser Stelle sind es nun die ostpreußischen Wolfskinder, die hier in ihrer „Erinnerungseinsamkeit“ ins Licht treten. Gerade auch wegen solcher Kapitel lohnt sich die eingehende Beschäftigung mit  diesem Buch allemal.

Tilman Asmus Fischer

Johann Hinrich Claussen / Ulrich Lilie, Für sich sein. Ein Atlas der Einsamkeiten, München: Beck, 2021, 248 S. mit 8 Illustr., Klappenbroschur, 18,00 – ISBN 978-3-406-77488-1

O. T . erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2021.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s