„Erinnerungseinsamkeit“

Christopher Spatz: Ostpreußische Wolfskinder. Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Osnabrück: fibre Verlag, 2017, 239 S., Karte, € 29,80

Eine Dissertation als Buchempfehlung zum Weihnachtsfest? Und dann auch noch zu einem Kriegs- und Vertreibungsthema? – Im Falle von Christopher Spatz’ neuem Standardwerk über Ostpreußische Wolfskinder kann ich diese Empfehlung besten Gewissens geben! Nicht nur, weil das Buch – nach dem methodisch-theoretischen Vorspann – die historische Analyse mit einer dichten Erzählung von Einzelschicksalen verbindet, sondern auch, weil der Autor einen wichtigen – wissenschaftlich fundierten – Debattenbeitrag zum Vertreibungsdiskurs leistet, der von Betroffenen und historisch Interessierten zur Kenntnis genommen werden sollte.

Zum einen leistet der Autor – der Dutzende Interviews mit Wolfskindern geführt und Archivmaterialien ausgewertet hat – Grundlagenarbeit zur Geschichte einer Opfergruppe, die für die historische Forschung ein immer noch wenig erschlossenes Problemfeld darstellt. Zum anderen führt Spatz einen Begriff ein, der womöglich zukünftig in der Aufarbeitung der individuellen und kollektiven Rezeption von „Flucht und Vertreibung“ wirkmächtig werden kann: Die Erinnerungseinsamkeit – ein für die Gruppe der Wolfskinder markantes Phänomen, das jedoch mithin viele Vertriebene für sich beanspruchen können, ohne dass es bisher analytisch expliziert worden wäre.

„Im öffentlichen Kommunikationsraum klangen“, so Spatz, „schon versuchs- und scheibchenweise geäußerte Erinnerungen von Wolfskindern dissonant und inkorrekt, da sie sich vom Adressaten nicht zufriedenstellend in ein offiziell anerkanntes Opfernarrativ einordnen ließen und somit die soziale Erwartungshaltung verfehlen mussten.“ Als Konsequenzen für die Betroffenen macht Spatz ebenso „Verdrängungsstrategien“ wie Versuche einer Anpassung des eigenen Narrativs an die vermuteten sozialen Erwartungen deutlich.

Gewiss keine leichte Kost – auch aufgrund der Schilderungen aus dem Königsberger Gebiet der Nachkriegszeit. Aber dennoch: die Lektüre lohnt sich in jedem Falle.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

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Patriot und Europäer

Vor 50 Jahren starb der sudetendeutsche Sozialdemokrat und BdV-Präsident Wenzel Jaksch

„Mit Erschütterung werden alle Menschen, die das politische Leben in der Bundesrepublik verfolgen, diese Nachricht aufgenommen haben“, schrieb Marian Hepke – 1962 bis 1968 Chefredakteur des „Westpreußen“ – in seinem Nachruf auf Wenzel Jaksch vom 5. Dezember 1966 (DW34/1966). Der Präsident des Bundes der Vertriebenen war am 27. November den Folgen eines Verkehrsunfalls erlegen – nach Jahrzehnten des politischen Wirkens, das verwoben war mit dem Schicksal Europas im Zeitalter eines übersteigerten Nationalismus. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Ableben wollen wir diesem Werdegang und den daraus entwickelten vertriebenenpolitischen Positionen Jakschs nachspüren – und ihn dabei auch selbst zu Wort kommen lassen.

Wien, Prag, London, Bonn – Stationen eines politischen Lebens

Das politische Leben Wenzel Jakschs begann noch in der österreichischen Doppelmonarchie, in deren Donaumetropole Wien sich der 1896 im südböhmischen Langstrobnitz geborene Handwerkersohn als Bauarbeiter verdingte und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) anschloss. Als er gerade 22 Jahre alt war, zerbrach die Habsburgermonarchie und mit ihr auch die SDAP. In Böhmen und Mähren konstituierte sich die Sozialdemokratie 1919 wieder als Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Dort engagierte sich Jaksch nun als Journalist und Politiker.

Wenzel Jaksch beim Tag der Deutschen im September 1965 in der Berliner Waldbühne zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (Quelle: BdV­Archiv)
Zehn Jahre nach Gründung der DSAP wurde er für seine Partei ins Prager Parlament gewählt, ab 1938 stand er ihr als Parteivorsitzender vor. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits fünf Jahre der Auseinandersetzung mit der 1933 von Konrad Henlein gegründeten nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei hinter den sudetendeutschen Sozialdemokraten. Den Kampf gegen den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich verloren die demokratischen Kräfte Tschechiens, und mit ihnen die DSAP. Da das Sudetenland nun der nationalsozialistischen Reichsregierung unterstand, musste Jaksch 1939 ins britische Exil gehen. So wie zuvor gegen den Anschluss des Sudetenlandes kämpfte er nun in London gegen die von Edvard Beneš langfristig entwickelten Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei.

Auch diese konnten Jaksch und seine Mitstreiter nicht verhindern: Dem Kriegsende folgten Vertreibungen aus dem Sudetenland – und Jahre der Integration im Rest Deutschlands. Nach seiner Rückkehr in den freien Teil Deutschlands widmete Jaksch seine Energie dem Wohl seiner sudetendeutschen Landsleute und mit ihnen der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen sowie der mit ihrem Schicksal wiederum verbundenen Völker Mittel­ und Osteuropas : Seit 1950 Ministerialdirektor des Landes Hessen, leitete er das Landesamt für Vertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte. Von 1951 bis zu seinem Tod war Jaksch Bundesvorsitzender der Seliger­Gemeinde (Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten). Seit 1957 saß Jaksch für die SPD im Deutschen Bundestag. 1961 wurde er Vizepräsident, 1964 Präsident des Bundes der Vertriebenen und 1963 Präsident der Bundesversammlung der Sudetendeutschen.

Ein europäischer Patriot – vertriebenenpolitische Positionen

Das multiethnische Erbe Böhmens und Mährens prägte ebenso wie die selbst erlebten und erlittenen Folgen eines übersteigerten Nationalismus das historische und politische Denken Jakschs. Hiervon legt eindrücklich sein 1958 erschienenes Buch „Europas Weg nach Potsdam“ Zeugnis ab. Dabei blieb sein Sinnen nicht auf den Raum der alten Donaumonarchie oder das Wohl des deutschen Volkes beschränkt, sondern wahrte stets eine gesamteuropäische Perspektive. Dadurch waren seine Konzeptionen gleichermaßen auch für alle ostdeutschen Landsleute anschlussfähig.

Dies gilt exemplarisch für seine beim Bundestreffen der Westpreußen 1962 gehaltene Rede (abgedruckt in : DW 21 / 1962). Sie nimmt ihren Ausgang von einer maßvolleren Interpretation der deutschen Ostsiedlung, die nicht im nationalistischen Sinne, eine unter dem Vorzeichen der Germanisierung stehenden „Zivilisierung“ hervorhebt, sondern in ihr stärker einen Beitrag zur Festigung des europäischen Kulturkreises sieht:

„Gerade am Unterlauf der Weichsel sprechen die Steine davon, daß die vielgeschmähte deutsche Ostkolonisation in Wahrheit ein entscheidender Beitrag zur Europäisierung Osteuropas gewesen ist. Städte wie Danzig, Marienwerder, Thorn und Bromberg waren mächtige Ausstrahlungspunkte der westchristlichen Zivilisation. Über diese Brückenstellung ist dem polnischen Volk der Anschluß an das westchristliche Europa erst ermöglicht und abgesichert worden.“

Diesem europäischen Paradigma folgend, schließt das politische Denken Jakschs konsequent an sein historisches an – und so fordert er 1962 dazu auf, „die gemeinsamen Interessen der Völkerfamilie westlich der russischen Staatsgrenze zu erkennen und in den Vordergrund zu stellen“. Diese Einsicht führte ihn freilich gerade dazu, deutsche Rechtspositionen nicht voreilig aufzugeben, sondern vielmehr deren Wahrung in den Kontext einer gesamteuropäischen Entwicklung hin zu Freiheit und Demokratie zu stellen:

„Deshalb sollen alle wahren polnischen Patrioten wissen, daß die zehn Millionen vertriebener Deutscher in der Bundesrepublik nicht ihre Feinde sind, sondern ihre besten Bundesgenossen. Unsere Heimatliebe ist die stärkste moralische Kraft, die an dem Eisernen Vorhang rüttelt. Das Streben des deutschen Volkes nach Wiedervereinigung, Freiheit und Selbstbestimmung ist die beste Bürgschaft und die stärkste Hoffnung für die kommende Einheit Gesamteuropas.“

1966 – das Jahr der Bewährung

Vor dem Hintergrund der politischen Konzepte und Ideen Jakschs gewinnt sein Unfalltod neben dem persönlichen Schicksal auch eine historische Tragik. Noch am Jahresanfang hatte er sich mit einem Beitrag unter dem Titel „Wach sein – Gebot der Stunde“ (DW 1/1966) an die Öffentlichkeit gewandt und postuliert : „Das Jahr 1966 wird für uns und für alle freien Deutschen ein Jahr der Bewährung sein.“ Dabei sah er die deutschen Heimatvertriebenen und ihre Unterstützer mit zwei zentralen Aufgaben konfrontiert:

„Wir müssen der moralischen Müdigkeit Widerstand leisten, welche die geistigen Führungsschichten unseres Volkes ergriffen hat. Die Auseinandersetzung muß geführt werden zwischen ehrlicher Verständigungspolitik und einem Versöhnungsgerede, hinter dem sich nur die Kapitulationsbereitschaft vor Unrecht und Diktaturgewalt verbirgt.“

In diesem Sinne gäben sich die Heimatvertriebenen, so Jaksch, „keiner Illusion über den Ausgang eines Friedensgespräches hin, daß im Schatten russischer Bajonette geführt werden muss“. Zugleich betonte er jedoch das wachsende Verlangen nach einem Gedankenaustausch innerhalb der deutschen und der polnischen Zivilgesellschaft. Seine Absage an eine Verständigungspolitik, die deutsche Rechtspositionen gegenüber kommunistischen Diktaturen aufgeben wollte, schloss daher für Jaksch nicht aus, dass die „vertriebenen Deutschen […] jeden Versuch begrüßen [werden], die gemeinsamen Interessen eines geteilten Deutschlands und eines geteilten Polen auszuloten“.

Jaksch sah 1966 nicht nur die Gefahren einer riskanten Verständigungspolitik, sondern hatte zugleich die Kritiker dieses politischen Kurses im Blick, die am rechten Rand Aufstellung nahmen: Sie waren, wie Marian Hepke trefflich analysierte (DW 32 vom 15. 11. 1966), getragen vom allgemeinen „Unbehagen – nicht nur an Bonn und der CDU/CSU, nicht nur an der Unentschlossenheit und Lauheit in der Vertretung der deutschen Interessen, an der Schwerfälligkeit des ganzen Apparats, an der Bereitschaft, allen zu helfen, nur den Deutschen selbst nicht“. Erst vor dem Hintergrund dieser beiden Gefährdungen erklärt sich vollständig Jakschs dringende, schon Anfang des Jahres erhobene Forderung, der BdV müsse sich „als ein Rückhalt aller patriotischen Kräfte im Lande bewähren“, denn : „Das Problem des Jahres 1966 ist die Formierung einer patriotischen Mitte im freien Teil Deutschlands.“

Am 6. November kam dann mit der hessischen Landtagswahl der große Schock: Mit 7,95 Prozent zog die Nationaldemokratische Partei Deutschlands in das Wiesbadener Parlament ein – und bestätigte damit Jakschs weitsichtiges Bemühen um ein Bündnis der gemäßigten Vertreter nationaler Interessen. Marian Hepke schrieb hierzu
in seinem soeben schon zitierten Beitrag (DW 32/1966) : „Als Mitte Mai dieses Jahres Wenzel Jaksch […] bei der Deutschlandkundgebung in Bonn sich für die Schaffung einer ‚nationalen Mitte‘ aussprach, wurde auch er von den ‚tonangebenden‘ Massenmedien in der Bundesrepublik belächelt und als Phantast abgetan […]. Sogar in den Reihen seiner eigenen Partei soll es Jaksch nicht leicht gehabt haben nach dieser Kundgebung. Und doch hat er sich als einer der wenigen maßgeblichen Politiker erwiesen, die Fingerspitzengefühl haben, die über die notwendige ‚Witterung‘ für das, was in der Luft liegt, verfügen. Die Wahl in Hessen hat ihm Recht gegeben.“

Gerade in dieser Situation hatte die deutsche Politik einen Wenzel Jaksch nötig, der in der Lage war, nationale Interessen unter dem Vorzeichen gesamteuropäischer Verantwortung zu formulieren, und um einen Patriotismus rang, der von einem breiten gemäßigten politischen Spektrum getragen werden konnte. Dass seine Stimme nur drei Wochen nach der Hessen­Wahl für immer verstummte, war umso fataler. Zumindest aber blieb der Bundesrepublik, den Vertriebenen und der Sozialdemokratie das politische Vermächtnis eines Mannes, über den Marian Hepke in seinem Nachruf schrieb: „Sein Einsatz für das Selbstbestimmungsrecht der Völker war so überzeugend wie sein Wille zur Humanität.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2016.

„Es hatte dieses Thema von ihm Besitz ergriffen“

Zum 90. Geburtstag des Gustloff-Chronisten Heinz Schön

Es gibt Historiker, die sich besondere Verdienste um die Erforschung einzelner historischer Phänomene zu erwerben vermochten. Es gibt Zeitzeugen, die durch ihre authentischen Berichte vergangenen Ereignissen ein Gesicht zu geben vermochten. Und es gibt Publizisten, die es immer wieder vermochten, die Erinnerung an einzelne dieser Ereignisse in der Öffentlichkeit lebendig zu erhalten. In manchen Fällen vereinen Persönlichkeit zwei, in seltenen Fällen alle drei dieser Vermögen. Einer von ihnen war Heinz Schön, der am 3. Juni 1926 im niederschlesischen Jauer das Licht der Welt erblickte.

Die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges mit Flucht und Vertreibung der Ostdeutschen erlebte der Schlesier im südlichen Ostseeraum, wo er Zeuge der größten Schiffskatastrophe – nicht nur des Zweiten Weltkriegs – wurde: dem Abschuss und Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945. Nur einen halben Monat nach der eigenen Rettung ging der junge Schön wieder an Bord: Das Kommando führte ihn auf die „General San Martin“, auf der er elf weitere Transporte von Flüchtlingen erlebte, die ihn 22 mal über das „Grab der Wilhelm Gustloff“ führten. Es sollten noch 46 Jahre vergehen, bis er selbst an einem Tauchgang zum Schiffswrack teilnehmen konnte.

Wie die Kriegserlebnisse sein weiteres Leben bestimmen sollten, hat der westpreußische Literaturnobelpreisträger Günter Grass beschrieben, der Schön in seiner Novelle „Im Krebsgang“ (Göttingen 2002) ein literarisches Denkmal setzte:

„Sein Werdegang ist wie meiner auf das Unglücksschiff fixiert. Knapp ein Jahr vor Kriegsende kam er als Zahlmeisterassistent auf die Gustloff. Eigentlich hatte Heinz Schön nach erfolgreichem Aufstieg in der Marine-Hitlerjugend zur Kriegsmarine gewollt, doch musste er, seiner schwachen Augen wegen, bei der Handelsmarine anmustern. Da er den Untergang des KdF-Passagier-, dann Lazarett-, darauf Kasernen- und schließlich Flüchtlingstransportschiffes überlebte, begann er nach dem Krieg alles zu sammeln und aufzuschreiben, was die Gustloff in guten und schlechten Zeiten betraf. Er kannte nur dieses eine Thema; oder es hatte einzig dieses Thema von ihm Besitz ergriffen. […] Alles hatte er aufgelistet: die Anzahl der Kabinen, die Unmengen Reiseproviant, die Größe des Sonnendecks in Quadratmetern, die Zahl der kompletten und der am Ende fehlenden Rettungsboote und schließlich – von Buchauflage zu Buchauflage steigend – die Zahl der Toten und Überlebenden.“

Bereits 1945 – neben seiner Arbeit bei der Reederei der Gustloff, der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft – führte Schön erste Gespräche mit Besatzungsangehörigen, etwa Kapitän Friedrich Petersen. Später – als Student in Göttingen und 1953 bis 1990 im Dienst der Stadt Herford – setzte er die Aufarbeitung fort. Seine Sammlungs und Forschungstätigkeiten waren für Schön Grundlage eines fast 65 Jahre umspannenden publizistischen Wirkens: Dieses begann mit dem Erscheinen der Reportage „Die Wilhelm Gustloff-Katastrophe wie sie wirklich war“ ab dem 20. Februar 1949 in der Hannoveraner Wochenzeitung „Heim und Welt“. Nur drei Jahre später folgte die erste Monografie: „Der Untergang der Wilhelm Gustloff – Tatsachenbericht eines Überlebenden“. Die zweite – „Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff“ – folgte 1960. Noch im Jahr seines Todes erschien posthum das gemeinsam mit Jürgen Kleindienst herausgegebene Buch „Pommern auf der Flucht 1945. Rettung über die Ostsee aus den Pommernhäfen Rügenwalde, Kolberg, Stettin, Swinemünde, Greifswald, Stralsund und Saßnitz“. In den dazwischenliegenden Jahrzehnten erschienen Standardwerke zur Vertreibung im Ostseeraum – heraus sticht die 1983 in erster Auflage erschienene Dokumentation „Ostsee 45 – Menschen, Schiffe, Schicksale“.

Lazarettschiff "Wilhelm Gustloff" in Danzig  (Hans Söhnke, September 1939; Quelle Bundesarchiv)
Lazarettschiff „Wilhelm Gustloff“ in Danzig
(Hans Söhnke, September 1939; Quelle Bundesarchiv)

Im Laufe der 1960er/70er-Jahre war es Heinz Schön möglich, seine Arbeit in den Dienst der staatlich geförderten Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung zu stellen und mit seiner Expertise zu ihrem Fortschreiten beizutragen. An diese Zeit erinnert Schön im Vorwort zur 2008 erschienen Dokumentation „Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff“: „Durch meine beiden Gustloff-Bücher und meine Berichte in der Presse war Konteradmiral a.D. Conrad Engelhardt auf mich aufmerksam geworden. Der Admiral, Anfang 1945 von Großadmiral Dönitz als ‚Seetransportchef Ostsee‘ eingesetzt, hatte von der Bundesregierung Anfang 1962 den Auftrag erhalten, an der Ostakademie Lüneburg eine ‚Forschungsstelle Ostsee‘ einzurichten. Diese sollte unter seiner Leitung eine ‚Offizielle Dokumentation über die Rückführung von Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten mit Schiffen der Handels- und Kriegsmarine 1944/45 über die Ostsee‘ erarbeiten. Ich stellte mich als ‚Ehrenamtlicher Mitarbeiter‘ in den Dienst dieser Aufgabe und wurde sieben Jahre lang zum jüngsten und engsten Mitarbeiter des Admirals, bis 1972 die Auflösung der 6-köpfigen Forschungsstelle erfolgte. Die Bundesregierung hatte sich entschlossen, auf die Herausgabe der Dokumentation zu verzichten. 1981 begann ich mit der publizistischen Auswertung meiner umfangreichen Archivsammlung über die Gustloff und die Flucht über die Ostsee 1944/45.“

Die Früchte dieser „publizistischen Auswertung“ bescherten Schön eine über Jahrzehnte anhaltende Prominenz in den einschlägigen Kreisen – bisweilen auch über diese hinaus. Dies liegt womöglich vor allem daran, dass Heinz Schön nicht dabei stehenblieb, unterschiedliche Veröffentlichungen zu realisieren. Vielmehr nahm er in vielfacher Weise Einfluss auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur. Als Zeitzeuge trat er in den deutschen Medien – etwa im Magazin „Stern“ oder in einer WDR-Dokumentation, die 1991 während eines Aufenthaltes in Gdingen entstand – und der internationalen Presse in Erscheinung. Zudem beteiligte er sich als wissenschaftlicher Berater an den beiden Filmproduktionen „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1959) und „Die Gustloff“ (2008). Der zweite der beiden Filme führte 63 Jahre nach Flucht und Vertreibung zu einem erneuten Anwachsen des historischen Interesses an den Ereignissen am Ende des Zweiten Weltkrieges.

1985 und 1995 führte Schön die Überlebenden der Gustloff-Katastrophe anlässlich des 40. und 50. Jahrestages zu „Erinnerungstreffen“ zusammen, die er gemeinsam mit dem „Kuratorium Erinnerungsstätte Albatros – Rettung über See e.V.“ in Damp an der Ostsee organisierte. Zu Begegnungen mit anderen Zeitzeugen kam es jedoch nicht nur in Deutschland: Fast jährlich reiste Schön in den 1990er Jahren nach Russland, wo er etwa Wladimir Kowalenko traf, der als Offizier auf der „S13“ gedient hatte – dem U-Boot, das die „Gustloff“ versenkte. 1992 folgten zwei Begegnungen mit Wladimir Kourotschkin, der das Torpedo auf das Flüchtlingsschiff abgefeuert hatte – und bei der ersten Aussprache die hohe Zahl ziviler Opfer nicht glauben konnte. An die nächste Begegnung erinnert sich Schön folgendermaßen: „Was ich ihm vor zehn Wochen über den Untergang der ‚Gustloff‘ erzählt hatte, hatte ihn Tage und Nächte bis in die Träume verfolgt. Als wir uns verabschiedeten sagte er zu mir: ‚Der Krieg ist eine schlimme Sache. Sich gegenseitig umbringen und Frauen und Kinder töten – wozu? Es muss andere Wege geben, ohne Blutvergießen miteinander zu leben.‘ Späte Einsicht eines alten Mannes, der sein Leben lang Kommunist und leidenschaftlicher Soldat gewesen war.“

Mit seinen Verdiensten um die Aufarbeitung der Gustloff-Katastrophe erwarb sich Schön ebenso Ansehen in der Fachwelt wie unter den Betroffenen von Flucht und Vertreibung. Nicht nur, dass er bis ins hohe Alter ein begehrter Referent bei unterschiedlichen Veranstaltungen war: 2008 erhielt Schön mit der Ehrenplakette die höchste Auszeichnung des Bundes der Vertriebenen. Bereits 1984 hatte ihm die Landsmannschaft Westpreußen den Marienburg-Preis verliehen. Auch die Bundesrepublik Deutschland würdigte das Wirken Schöns, dem der Bundespräsident 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande verlieh.

Am 7. April 2013 starb Heinz Schön im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst, Nr. 02/2016.
In ähnlicher Form in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 6/2016.

Familien fanden sich wieder

Nach 70 Jahren stellte der Kirchliche Suchdienst seine Arbeit ein. Rund 18 Millionen Anfragen bearbeitete er

Von Tilman Asmus Fischer

Er dürfte eines der erfolgreichsten ökumenischen Projekte der Nachkriegszeit sein: Der Kirchliche Suchdienst. Nach 70 Jahren Tätigkeit hat die gemeinsame Einrichtung von Caritas und Diakonie am 30. September ihre Arbeit eingestellt. Millionen Deutsche waren 1945 vor der Roten Armee aus dem Osten geflohen. Viele waren bereits vor Kriegsende bei illegalen „schwarzen Vertreibungen“ aus den damaligen deutschen Ostgebieten, Ost- und Südosteuropa vertrieben worden oder wurden nach Kapitulation und Potsdamer Konferenz vertrieben.

Zivile Flüchtlinge während der Kämpfe um Heilbronn im April 1945 (Foto: Irving Leibowitz)
Zivile Flüchtlinge während der Kämpfe um Heilbronn im April 1945
(Foto: Irving Leibowitz)

Im Chaos dieser Monate wurden Familien auseinandergerissen, Angehörige starben ohne Kenntnis ihrer Familie, Kinder wurden zu Waisen, Väter kehrten aus der Kriegsgefangenschaft zurück, nicht wissend, wohin es die Familie verschlagen hatte. Hier galt es, Abhilfe zu schaffen: Das hieß, zu erfassen, wer vor dem Krieg wo gelebt hatte und wo jemand nach dem Krieg ansässig geworden war. Diese Aufgabe übernahmen – ab 1950 vom Bundesinnenministerium finanziert – die beiden großen Kirchen in der Bundesrepublik. Es entstanden die sogenannten „Heimatortskarteien“, die sich heute im Bayreuther Lastenausgleichsarchiv befinden. Ihr aktueller Umfang: 5.000 Regalmeter.

Würde man diese Aktenbestände hintereinander reihen und ablaufen, entspräche dies einem Spaziergang entlang der Straße des 17. Juni und „Unter den Linden“ in Berlin. „Auf circa 22 Millionen Karteikarten sind – mit den wichtigsten persönlichen Daten – der Personenstand in den Heimatgebieten vor der Vertreibung sowie das individuelle Vertreibungsschicksal der Betroffenen weitgehend vollständig belegt“, so die offiziellen Informationen des Bundesarchives, zu dem das Lastenausgleichsarchiv gehört. Neben der Familienzusammenführung leistete der Suchdienst als Auskunftsstelle Hilfe bei einer Vielzahl praktischer Fragen: von Ansprüchen auf Staatsbürgerschaft oder Rente bis zur Suche nach Geburts- oder Sterbeurkunden. Zuletzt gehörten auch Erbenermittler zum Kreis derer, die Anfragen an den Suchdienst stellten. Von etwa 18 Millionen Anfragen seit seiner Gründung konnte der Kirchliche Suchdienst bis zu 65 Prozent klären, so sein kommissarischer Geschäftsführer Paul Hansel gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Zuletzt gab es jährlich noch an die 8.000 Anfragen. Diese lasteten die fast 50 Mitarbeiter in den Niederlassungen Passau, Stuttgart und München freilich nicht mehr aus.

In seiner Geschichte ist es dem Suchdienst nicht nur gelungen, umfänglich Daten über das Ausmaß und die Auswirkungen der Vertreibung zu sammeln und die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse zu unterstützen. Seine Arbeit hatte vielmehr für den einzelnen Betroffenen eine große individuelle Bedeutung: „Der kirchliche Suchdienst war für viele Vertriebene ein großer Segen. Das wird mir in Gesprächen mit Mitgliedern der Gemeinschaft evangelischer Schlesier immer wieder deutlich“, sagt ihr Vorsitzender Martin Herche, Generalsuperintendent des Sprengels Görlitz. „Da ist zum Beispiel die Erinnerung an den Jungen, der nach Jahrzehnten endlich seine Familie fand, oder an die Eltern, die sich damals durch den Suchdienst wiedergefunden haben.“

Heute irren wieder hunderttausende Heimatlose durch Europa. Viele gelangen nach Deutschland. Sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen und Fragen wie die Vertriebenen der 1940er Jahre. „Heimatortskarteien“ lassen sich für diese Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und Staaten nicht in der Form erstellen, wie dies nach dem Zweiten Weltkrieg den Kirchen möglich war. Dennoch gibt es auch für sie Hilfeleistungen, wenn Angehörige vermisst werden: Ihre erste Anlaufstelle ist der international vernetzte Suchdienst des Roten Kreuzes.

Die Vertreibung der Deutschen liegt mehr als zwei Generationen zurück. „Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Aber noch sind in manchen Familien Fragen offen“, so Martin Herche. Die Datenbestände des Suchdienstes werden mit größter Wahrscheinlichkeit im Lastenausgleichsarchiv der Zukunft erhalten bleiben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.

Dem Geschehenen verhaftet

2015 erinnert Europa an das Kriegsende vor 70 Jahren – das Ende nationalsozialistischer Schreckensherrschaft mit Völkermord und Rassenwahn, der im Osten Flucht, Vertreibung und kommunistische Gewaltherrschaft folgten. Wie wirkt die historische Schuld in die Generationen der Nachgeborenen hinein? Und wie sieht ein verantwortlicher Umgang mit der historischen Verantwortung aus? Hierüber spricht im Interview Dr. Jobst Schöne, Bischof im Ruhestand der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Der Begriff „Buße“ wird heutzutage schnell im Munde geführt. Was meint er jedoch ursprünglich aus theologischer Sicht?

Der griechische Begriff für Buße im Neuen Testament heißt im Deutschen „Umkehr“. Umkehr, zu der wir aufgerufen sind, Umkehr zu Gott, zu seinem Willen. Das setzt die Analyse voraus, dass der Mensch Gott weggelaufen ist, Gott aus dem Blick verloren hat, „Gott-los“ geworden ist. Und an dem Punkt setzt die Aufforderung zur Buße, der Ruf zur Umkehr an.

Was kann uns der Begriff in diesem eigentlichen Sinn heute noch sagen?

In einer Zeit, in der alle Wertvorstellungen ins Wanken zu kommen scheinen, oder schon ins Wanken gekommen sind, kann ein Ruf, sich zu besinnen, nur heilsam sein in jeder Weise. Und ich würde Buße am liebsten verstanden wissen als einen Aufruf, sich zu besinnen: Wo stehen wir eigentlich? Was tun, sagen und denken wir eigentlich? Und für den Christen heißt das immer: Kann das, was ich da tue, rede und denke vor Gott bestehen?

Wenn Umkehr in diesem Sinne erst einmal einen persönlichen innerlichen Vorgang beschreibt: Was kann sie mit Blick auf die im 20. Jahrhundert geschehenen Verbrechen bedeuten?

Wir können so gesehen ja gar nicht „umkehren“. Wir können die Dinge, die geschehen sind, nicht „umkehren“.Wir können nur selber in unserem Denken und Handeln umkehren. Was wichtig ist, ist, dass wir erkennen, dass wir eine Verantwortung haben. Verantwortung in dem Sinne, dass wir zusehen müssen, dass diese schrecklichen Dinge sich nicht wiederholen dürfen. Dass wir sie auch nicht klein reden und beschönigen. Sondern sagen: Das ist so geschehen und das ist entsetzlich gewesen und dem bleiben wir verhaftet. Verhaftet bleiben, heißt ja nicht, dass wir direkt und persönlich dafür verantwortlich gemacht werden können. Verantwortung haben wir aber eben in dem Sinne, dass wir dafür einstehen müssen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Bischof Dr. Jobst Schöne (Foto: privat)

Übertragbar ist die Schuld aber nicht?

Zur Schuld gehört ein Täter, der das auf sein Gewissen zu nehmen hat, was er getan oder unterlassen hat. Das ist immer eine Person und nicht ein Kollektiv oder gar eine nachfolgende Generation. Ich bin sehr skeptisch, wenn man von Kollektivschuld redet oder wenn man die Schuld vorangegangener Generationen der lebenden Generation aufladen will. Denn das kann auch eine Flucht sein. Ich weiß nicht, ob man die Schuld, die Menschen auf sich genommen haben, überhaupt richtig ernst nimmt, wenn man sie auf Menschen, die an der Tat nicht beteiligt waren,übertragen will und damit verschiebt.

Was bedeutet es – etwa für die Kirchen als Stimme in der Gesellschaft – vor diesem Hintergrund, Verantwortung zu übernehmen?

Es bedeutet Gewissensschärfung: Menschen darauf aufmerksam zumachen, was da an Unrecht und Schrecken und Brutalität und Entsetzlichem passiert ist, dass so etwas jederzeit aus dem Menschen hervorbrechen kann, nicht hervorbrechen muss! Aber eben hervorbrechen kann. Und deshalb müssen wir Menschen immer wieder darauf hinweisen, dass sie sich vor Gott zu verantworten haben. Und wenn das aus dem Blickfeld gerät, dann gute Nacht! Dann kann es sehr schnell zu schrecklichem Unrecht und Untaten kommen. Und ich frage mich angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte, was in Menschen vorgeht, die Flüchtlingen, die buchstäblich um ihr Leben gerannt sind, mit solchem Hass zu begegnen.

Besteht eine solche Verantwortung nur individuell oder auch im Bezug auf Gruppen wie ‚die Deutschen’?

Dem, was vor 70 Jahren geschehen ist, bleiben wir verhaftet. Und das ist auch eine besondere Verhaftung, die wir als Deutsche tragen. Ich kann dem nicht entgehen. Aber wenn ich es ignoriere, dann, denke ich, verfehle ich meine Aufgabe und meine Verantwortung.

Nun fällt das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges in die Vorwehen des Reformationsgedenkens 2017. Welche Perspektive könnte gerade die historische Botschaft der Reformation, die lutherische Rechtfertigungslehre, für die Versöhnung und ein Miteinander der Nachfahren der ehemaligen Kriegsgegner eröffnen?

Wenn wir uns doch bloß ein bisschen auf Luther besinnen würden! Das ist ja der Jammer bei dem, was bis jetzt an Vorbereitungen auf das Reformationsgedenken zu Tage getreten ist, dass es sich herzlich an der Oberfläche bewegt. Da pflanzt man Luther-Bäume, macht alle möglichen Veranstaltungen und weist auf alles mögliche hin. Aber das, was Luther uns eigentlich vermitteln wollte, kommt aus meiner Sicht erheblich zu kurz.

Was wäre es denn, was Luther uns etwa für das Zusammenleben von Tätern und Opfern sagen könnte?

Zunächst, dass wir alle vor Gott ganz arm dastehen. Und wenn ich sage „alle“, dann sind das Täter und Opfer, dann sind das auch die unterschiedlichsten Völker, dann sind das nicht nur einzelne, die wir namhaft machen können und wollen. Das ist ein allgemeiner Zustand der Menschen, dass sie Sünder sind und, wenn sie zu Gott finden und umkehren, zugleich Gerechtfertigte sein können. „Simul iustus et peccator“ – das ist nun wirklich eine Grundmaxime bei Luther. So sieht er den Menschen – und so sieht er ihn wohl auch richtig. Denn damit müssen wir auf der einen Seite unsere eigene Armut, Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit vor Gott anerkennen – und auf der anderen Seite haben wir eine Hoffnung, eine Aussicht und eine Perspektive. Und das, denke ich, kann im Verhältnis nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Volk zu Volk von großer Bedeutung und Wichtigkeit sein.

So erscheinen historisch aufgetretenen Verbrechen als Symptome einer allgemeinen Abkehr des Menschen von Gott.

Überall, wo so etwas passiert, zeigt sich in dem Geschehen Abkehr von Gott und Verlust der Gottesnähe – das ist ganz klar. Und das deutlich zu machen, wäre sehr wichtig. Man muss wissen, dass das immer wieder aus Menschen hervorbrechen und entsetzliche Formen annehmen kann. Schließlich gab es nicht nur einen Hitler, sondern auch einen Stalin und einen Pol Pot und wer weiß wen an entsetzlichen Despoten und Massenmördern. Und da zeigt sich, dass das nicht nur ein europäisches Phänomen ist und nicht allein ein Phänomen, das mit dem Nationalsozialismus zu tun hat, sondern viel tiefer reicht und immer wieder aus Menschen hervorbrechen kann. „Kann“, sage ich, – und hoffentlich nicht „wird“!

Sind wir in diesem Sinne – Nachkommen von Opfer und Täter auf allen Seiten – gemeinsam auf dem Weg, wenn wir die Schuld der Vorfahren bekennen?

Wenn „bekennen“ heißen soll: anerkennen, zur Kenntnis nehmen, dann sollten wir doch eigentlich schon alles wissen . „Sollten“, sage ich, aber mitunter tun wir es nicht. Es ist wichtig, die Vergangenheit nicht zu verdrängen – zugleich aber zu sehen, dass das etwas ist, was nicht nur singulär im 20. Jahrhundert passieren konnte, sondern eine Gefahr bleibt, die immer wieder aufbrechen kann.

Wie kann hieraus eine gemeinsame Perspektive auf die belastete gemeinsame Geschichte entstehen?

Es kommt darauf an, den anderen als Mitmenschen wahrzunehmen, der in gleicher Schuldverlorenheit vor Gott steht und in gleicher Weise auf göttliches Erbarmen angewiesen ist. Also den anderen als ein Mitgeschöpf und gegebenenfalls Kind Gottes wahrzunehmen – das wäre ganz wichtig.

Also sollten wir – Deutsche und ihre Nachbarn – nicht im reinen Gegenüber zueinander stehen bleiben, sondern uns lieber gemeinsam auf Gott hin orientieren?

Richtig, genau so ist es – das wäre das Beste!

Bischof Dr. Jobst Schöne, geboren am 20. Oktober 1931 in Naumburg (Saale), ist emeritierter Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 10/2015.

„Gott… hat mich lassen wachsen im Lande meines Elends“

Zum Gedenken an Wilhelm Grüber, EKD-Bevollmächtigter in Ost-Berlin

„Im Lande meines Elends“ – so lautet der Titel des SPIEGEL-Leitartikels vom 27. Juni 1956. Keine Stilikone porträtierte damals das Hamburger Magazin, sondern einen Mann der Kirche: Heinrich Grüber – seit 1949 Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der DDR-Regierung. Er sollte der einzige Inhaber dieses Amtes bleiben – 1958 brach die SED-Regierung den Kontakt zu ihm ab; das Amt des ‚westdeutschen‘ Bevollmächtigten bei der Bundesregierung, zeitgleich zu Grüber mit Dr. Hermann Kunst besetzt, besteht bis heute fort.

Am 15. Oktober hat die EKD mit einer Feierstunde im Berliner Dienstsitz des Bevollmächtigten an die Schaffung dieser Schnittstelle zwischen Kirche und Politik – vor allem jedoch an die Berufung Heinrich Grübers – vor 65 Jahren erinnert. Den Festvortrag hielt Militärbischof Dr. Sigurd Rink, der selbst zu Wendezeiten über Grüber promovierte. Insbesondere sein Vortrag – jedoch auch die Ansprachen von Friederike von Kirchbach, Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesischen Oberlausitz, und des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider – machten deutlich: Mit Heinrich Grüber oblag einer gesamtdeutschen Persönlichkeit die politische Vertretung der deutschen Protestanten.

Eine ‚gesamtdeutsche‘ Persönlichkeit war er in jeder Hinsicht – politisch, sozial, topographisch: Grübers Werdegang spiegelt die Ambivalenzen vieler im Nationalkonservatismus verankerter Protestanten, die später ein demokratisches Deutschland aufbauten; ebenfalls später aufs beste in der Gesellschaft vernetzt, entstammte Grüber selbst dem Proletariat der Industriestadt Stolberg; aufgewachsen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, entfaltete er in Berlin und Umland sein Wirken; zuletzt solidarisierte er sich mit den Opfern beider Totalitarismen auf deutschem Boden. Bereits diese Schlaglichter lassen erkennen, dass es sich um eine historische Identifikationsfigur für Menschen aus allen Landesteilen, sozialen Schichten und mit unterschiedlichen biografischen wie familiengeschichtlichen Prägungen handelt.

Als Grüber 1949 in sein neues Amt kam, lagen bereits Erlebnisse hinter ihm, die für mehr als ein ganzes Menschenleben genug waren: 1934 übernahm der bereits in Jugend- und Studienjahren diakonisch engagierte Theologe, nach Tätigkeiten in Dortmund-Brackel und Templin, eine Pfarrstelle in Berlin-Kaulsdorf. Ein Jahr zuvor war er der NSDAP beigetreten. Als jedoch die evangelischen Landeskirchen unter Einfluss der „Deutschen Christen“ mit ihrer ‚Selbstarisierung‘ begannen, war für Grüber die Hinwendung zum Pfarrernotbund und zur Bekennenden Kirche der einzig gangbare Weg. Das 1938 gegründete „Büro Grüber“ konnte über 1.000 Betroffenen, vor allem jüdischstämmigen Christen, zur Ausreise verhelfen – wofür er mit Eichmann persönlich verhandelte, gegen den er später in Israel als einziger deutscher Zeuge aussagen sollte. 1940 verhaftet, erlitt Grüber bis 1943 die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau. Erst einflussreiche Beziehungen ermöglichten seine Entlassung.

Nach dem Krieg setzte sich Grüber nun für die Überlebenden der Shoah ein – ebenso jedoch auch für die anderen Opfer des Weltkrieges: Das von ihm mit aufgebaute „Evangelische Hilfswerkes“ half, die Not unzähliger Heimatvertriebener zu lindern. Noch heute erinnern Orte wie das aus einer Flüchtlingssiedlung entstandene Espelkamp an die Verdienste dieser Zeit. Die Sorge um die ihm und seinem Amt Anvertrauten prägten auch die folgenden Jahre: Junge Gemeinde, politische Häftlinge, kirchliche Baudenkmäler im Stadtbild von Berlin-Ost – lang ist die Liste der Sorgenkinder, derer sich Grüber gegenüber der DDR-Führung annahm, wo sich Gelegenheit bot. Für sie setzte er sich vor Ort ein, bis die DDR sich seiner anlässlich des zwischen EKD und Bundesrepublik abgeschlossenen Militärseelsorgevertrages entledigte und er ab dem Mauerbau nicht einmal mehr in der Marienkirche predigen konnte. 1975 starb er in Berlin-West.

„Gott… hat mich lassen wachsen im Lande meines Elends.“ Auf diese Genesis-Worte hatte Grüber sein Leben ausgerichtet – und sie haben ihn zu einem politischen Diakon gemacht, zu einem mutigen Bekenner in den wechselvollen Gängen seines Landes durch das 20. Jahrhundert. Wie werden wir uns an ihn erinnern? Seit dem 15. Oktober ist nun ein Triptychon von Grüber-Porträts aus unterschiedlichen Lebensphasen im Haus der EKD am Berliner Gendarmenmarkt zu sehen. Und Friderike von Kirchbach stellte in ihrer Ansprache ein Gedenk-Symposion zum Thema ‚Bedeutung von Kirche im Stadtbild‘ in Aussicht. Was aus diesen Gedenk-Initiativen folgt, gilt es abzuwarten.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 11/2014.

Vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg

Hermann Rauschning und „Die Revolution des Nihilismus“: Zum Gedenkjahr 2014 – zwischen 1914 und 1939

100 Jahre Ausbruch des Ersten und 75 Jahre Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: 2014 ist bedeutungsschwer, zumal durch beide Ereignisse die Jahre zwischen den beiden Kriegen in den Blick geraten. Wie war diese Entwicklung möglich?

Illustrieren kann diese Epoche eine Biografie, die eng mit dem Schicksal des unteren Weichsellandes verbunden ist. Gemeint ist der konservative Faschismustheoretiker, der im Jahre 1938 in Zürich „Die Revolution des Nihilismus“ veröffentlichte: Hermann Rauschning. Aus der Innenperspektive lieferte er interessante Erklärungen der nationalsozialistischen Machtergreifung und Politik

Hermann Rauschning

Rauschning wurde 1887 in Thorn geboren und promovierte 1911 an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin in Musikwissenschaft. In der Zwischenkriegszeit engagierte er sich im „Deutschtumsbund zur Wahrung der Minderheitenrechte in Polen“, wobei er sich Kinkerlitzchen mit dem polnischen Staat lieferte. Die angespannte Situation veranlasste ihn, sich als Landwirt in der Freien Stadt Danzig niederzulassen, wo er 1932 der NSDAP beitrat und 1933 zum Senatspräsidenten gewählt wurde. Dieser Lebensabschnitt ist für das Verständnis der „Revolution des Nihilismus“ wichtig, denn, so schreibt Marcus Pyka:

„[…] Rauschning [unterschied sich] nicht allein hinsichtlich seiner schöngeistigen Interessen von seinen Kollegen in der Führung der Danziger NSDAP, sondern auch in einigen zentralen Aspekten seiner Politik. Denn während etwa Gauleiter Forster in erster Linie Nationalsozialist und somit ganz und gar auf Hitler fixiert war, hatte der stellvertretende Gauleiter Rauschning durchaus seinen eigenen Kopf. Dieser zeigte sich etwa bei der Frage der Wirtschaftspolitik […]. Daneben betrachtete Rauschning einen Ausgleich mit Polen als ein politisches Ziel von eigenem Wert, und auch mit der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte er wohl nur bedingt etwas anfangen.“

Letztlich trat Rauschning 1934 zurück und ging 1935 ins Exil, wo er neben der „Revolution des Nihilismus“ die „Gespräche mit Hitler“ veröffentlichte. Nach über vierzig Jahren starb er 1982 als Farmer in Portland (USA). In den 1930er Jahren waren es im Wesentlichen ethische Überlegungen gewesen, die zum Bruch mit der NSDAP geführt hatten. Rauschning:

„Ich bekenne mich nach wie vor zu einigen wesentlichen der Motive, die mich zu meiner früheren politischen Haltung bewogen. Als die Partei mir die strikte Forderung der Gleichschaltung Danzigs stellte, mit dem Verlangen der Verhaftung unliebsamer katholischer Geistlicher, der Entrechtung der jüdischen Bevölkerung und der Aufhebung der Parteien, rief ich die Entscheidung des obersten Parteiführers an […].“

„Die Revolution des Nihilismus“

Der Erhalt bzw. die Vernichtung moralischer Werte sind auch der zentrale Angelpunkt des Konzepts, das Rauschning in der „Revolution des Nihilismus“ vertritt. Die NS-Herrschaft bedeutet für ihn „die Zersetzung aller geistigen und traditionellen Normen bis zum vollendeten Nihilismus“. An ihre Stelle tritt der „nationalsozialistische Herrschaftswille“, zu dessen Gunsten „die totale Revolutionierung aller Ordnungselemente und die totale Beherrschung durch ihre eigene Elite“ angestrebt wird: „Beides steht in einem notwendigen Zusammenhange, die Revolution kann sich nicht durchsetzen ohne eine mit absoluter Gewalt herrschende Elite, und diese Elite kann sich nur an der Macht halten in einem Prozeß ständiger Steigerung der revolutionären Zersetzung.“

Jedoch: Für Rauschning beginnt die allgemeine Entwertung der „alten, echten Normen und Gestalten“ nicht erst mit dem Nationalsozialismus. In seinen Augen waren sie bereits am Ende der Weimarer Republik unwirksam geworden. Hier greift das Kalkül, das Rauschning dem Nationalsozialismus unterstellt:

Dieser sei „Bewegung schlechthin, Dynamik absolut gesetzt, Revolution mit wechselndem Nenner, jederzeit bereit, ihn zu vertauschen. Eines ist der Nationalsozialismus jedoch nicht: Weltanschauung und Doktrin. Aber er hat eine Weltanschauung. Der Nationalsozialismus macht nicht aus einer Doktrin Politik, wohl aber macht er mit einer Weltanschauung Politik. Er benutzt sie, wie er alle Werte und Requisiten des menschlichen Daseins zu seiner Dynamik benutzt.“

Als bedeutendes Charakteristikum der neuen NS-Elite erscheint bei Rauschning die „«Heimlichkeit»“. Im „Stufencharakter der Einweihung […] in Ziele und Methoden eines Herrentums, in Stufen der Disziplin, der Aufklärung, der Freiheit“ erkennt er das Ideal der NSDAP-Führung. Weltanschauung ist für sie nur ein Werkzeug zur Steuerung der breiten Masse – eine Pseudo-Weltanschauung, die sich vor allem des „Alldeutschtums“, des „Antisemitismus“ und „altgermanisch-heidnischer Mythosbegeisterung“ bedient.

Hieraus folgt für Rauschning: Erstens die Überlegenheit über die alte konservative Elite im Zuge der Machtergreifung, die sich durch die, von ihm so benannte, „[nationale] Kombination“ dem Nationalsozialismus auslieferte: Hinter der Übereinstimmung im „nationalen Jargon“ und „Antiliberalismus“ habe sie nicht dessen viel radikalere Ansichten erkannt. Zweitens beobachtet er im Zuge der NS-Herrschaft eine immer weitergehende ethische Zersetzung und Verbreitung des Nihilismus in breiten Bevölkerungsschichten.

Man kann viele kritische Nachfragen an diese Überlegungen richten; aber: Nichtsdestotrotz stellen sie subjektiv gültige Erkenntnisse aus dem Leben im Brennpunkt des Zwischenkriegseuropas dar über die Wirksamkeit der politischen Dynamik, die vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg führte.

Tilman Asmus Fischer

Unter anderem Titel erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 5/2014