Liturgischer Aufbruch

In Berlin Stadtmitte entstehen neue gottesdienstliche Angebote

Von Tilman Asmus Fischer

Drei Lesungen, regelmäßige Abendmahlsfeier und gesungene Liturgie – ist das nicht ein katholischer Gottesdienst? Diese Frage hört Holger Schmidt häufig. Nein, antwortet der aus der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg stammende Theologe. Seit 2010 ist er Pfarrer der Berliner Evangelischen Kirchengemeinde Kreuzberg-Mitte: „Das ist evangelisch-lutherisch“, so Holger Schmidt. Ebenso die Feier vergessener Aposteltage und biblischer Marienfeste.

Der Erhalt und die Weiterentwicklung liturgischer Traditionen sind einer von mehreren Wegen, die im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte gegangen wird, um Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen. Superintendent Bertold Höcker kann zwei Grundströmungen ausmachen: Neben der Wiederentdeckung von Kirchenjahr und Liturgie wie in Kreuzberg, finden sich zielgruppenspezifische Angebote. Die Martha-Gemeinde in Kreuzberg etwa bietet gezielt Frauenarbeit, während sich der Konvent an der Reformationskirche in Moabit mit Angeboten vor allem an junge Menschen wendet.

Die Profilierung eines missionarischen und liturgischen Gottesdienstangebots begann in der Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte mit der Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes als „Lutherische Messe“. Inzwischen ist daneben ein vielfältiges Angebot an Werktagsgottesdiensten getreten: Dienstags wird um 9 Uhr in der Melanchthon-Kirche die Laudes, das liturgische Morgengebet, und um 18 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Friedensgebet gefeiert. Donnerstags kommt man um 12 Uhr zur Mittagsmesse in der St. Jacobi-Kirche und um 18 Uhr zur Vesper, dem Liturgische Abendgebet der Kirche, in der Melanchthon-Kirche zusammen. Freitags findet um 12 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Mittagsgebet statt.

Zudem feiert die Gemeinde alle zwei Wochen samstags einen Abendgottesdienst in Form einer evangelischen Hochmesse mit Vortragekreuz, Leuchtern und Weihrauch. Die Anregung stammt vom Gemeindekirchenrat, der sich in einem intensiven Prozess etwa mittels eines Workshops mit den verschiedenen Bedürfnissen der Gemeindeglieder in Kreuzberg-Mitte befasste.

Einige der Neuerungen im Kirchenkreis verdanken sich ausländischen Impulsen. So berichtet Bertold Höcker vom Partner-Kirchenkreis in New York, dort sei die öffentliche Wirksamkeit von Kirche als Institution inzwischen fast erloschen. Was zähle, seien die Authentizität der Prediger und überzeugende Angebote. Höcker ist sich sicher: „In zehn Jahren werden auch hierzulande kirchliche Orte und nicht mehr die einzelnen Gemeinden im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen.“ Dies heiße jedoch nicht, dass es sie als Rechtsträger nicht mehr gebe. Aber nicht jede könne für alle Zielgruppen Angebote schaffen.

Oft sei in den Gemeinden von der Vielfalt an Gaben die Rede, sagt Holger Schmidt: „Aber Leib Christi sind wir nicht nur in der Gemeinde, sondern alle Gemeinden als Kirche zusammen.“ Daher ist er dankbar, Interessierte für profilierte Frauenarbeit auf die Martha-Gemeinde verweisen zu können und andererseits Glieder aus anderen Gemeinden auf Grund ihrer Bedürfnisse in seinen Gottesdiensten in Kreuzberg begrüßen zu dürfen. Diese „Verweiskompetenz“ ist für Bertold Höcker und Holger Schmidt das Gebot der Stunde. Innerhalb einer Stadt sollen unterschiedliche Angebote ermöglicht werden – von der lutherischen Messe in Kreuzberg bis zum reformierten Gottesdienst in Neukölln. „Wir müssen die Vielfalt evangelischer Spiritualität deutlich machen“, so Höcker. Und hierzu gehört eben auch der Weihrauch, den Holger Schmidt seit diesem Kirchenjahr in einigen Gottesdiensten einsetzt und mit dem die Gegenwart Christi liturgisch angezeigt werden soll.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 11/2016.

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