Die Debatte steht noch aus

Michael Lüders mahnt eine öffentliche Evaluierung des Afghanistan-Einsatzes an

Rezension von Tilman Asmus Fischer

Mit einem meinungsstarken Buch hat Michael Lüders den Abzug der NATO aus Afghanistan bedacht. Der Inhalt von „Hybris am Hindukusch“ liest sich so eingänglich wie der alliterierende Titel, der zugleich das Narrativ des Autors auf den Punkt bringt: die Vermessenheit der Besatzungsmächte Afghanistans seit der Kolonialzeit – und insbesondere von USA und NATO seit Beginn des „Kriegs gegen den Terror“. Vermessenheit im Sinne sowohl von Überheblichkeit als auch wortwörtlich von grundsätzlichen Fehleinschätzungen über Land und Lage. Insofern erklärt das Buch plausibel, wie es aufgrund solch doppelter Vermessenheit zur gegenwärtigen Situation eines erneut unter Taliban-Herrschaft befindlichen Afghanistans kommen konnte.

Plausibel macht das Buch – aus deutscher Perspektive – gleichfalls, was immer wieder gerade auch aus den Reihen christlicher Friedensethiker gefordert wurde: dass Ansatz, Strategie und Praxis des Afghanistaneinsatzes einer grundsätzlichen parlamentarischen Evaluation und öffentlichen Debatte bedürfen. Zu sehr ist der Einsatz von Beginn an durch ein Strategiedefizit und über seine Dauer hinweg durch militärpraktische wie völkerrechtliche Fragwürdigkeiten geprägt. Zweifelhaft ist freilich, ob Lüders Buch – abgesehen davon, dass es die Thematik womöglich in die eine oder andere Schlagzeile befördern dürfte – zu einer versachlichten Debatte beiträgt. Hierfür ist die – in vielen Punkten durchaus berechtigte – Kritik am Westen zu holzschnittartig.

Dies verdeutlicht insbesondere das Einstimmen des Autors in die aggressive Verurteilung des späteren Generals Georg Klein, der als Oberst am 4. September 2009 den Luftangriff bei Kundus befehligte. Für die hier in tragischer Weise sichtbar werden ethischen Ambivalenzen der Einsatzrealität zeigt sich Lüders nicht sensibel – und eine ausgebliebene Verurteilung stellt in seinen Augen sodann die Unabhängigkeit der zuständigen Gerichtsbarkeit infrage. An diesen Stellen zeigt sich: Frei von Hybris ist auch der Verfasser nicht.

Michael Lüders, Hybris am Hindukusch. Wie der Westen in Afghanistan scheiterte, München 2022.

Erschienen in: ZUR SACHE BW 1/2022, S. 88.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s