Im kulturkritischen Plauderton

Meinhard Miegels Kritik am Kapitalismus und an den Lebensverhältnissen

Von Tilman Asmus Fischer

„Noch’n Kommentar“, dieses Gefühl mag sich – in freier Anlehnung an den Titel der beliebten Lyrik-Anthologie von Heinz Erhardt – bei der Lektüre des neuen Buches von Meinhard Miegel aufdrängen. Zwischen einem Vor- und einem Nachwort hat der Vorstandsvorsitzende des „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“ für die Monate Januar 2017 bis Juni 2020 je eine Reflexion zu Fragen der Zeit versammelt. Auch wenn diese eine große thematische Beliebigkeit aufweisen, kreisen sie doch immer wieder um das zentrale Anliegen des Autors: der Überwindung des gegenwärtigen konsum- oder wachstumsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. „Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter“ heißt sodann auch der floskelhaft anmutende Titel des Büchleins.

Leider gewinnt dieses selbst keinen deutlicheren Tiefgang, sondern verbleibt in der großen Linie bei einem kulturkritischen Plauderton. Dies hat seine Gründe sowohl in der Struktur des Buches als auch in der Gegenwartshermeneutik des Autors. Zunächst einmal sind die Beiträge aus immerhin vier politisch ereignisreichen Jahren chronologisch sortiert, sodass sich, liest man das Buch am Stück, nicht unerhebliche Themensprünge ergeben. Dadurch verspielt Miegel die Gelegenheit, bei der Betrachtung der von ihm fokussierten Problemstellungen in die Tiefe zu gehen, und begnügt sich vielmehr damit, sie immer wieder anzureißen. Leider erlauben es zudem nur einige der Kapitelüberschriften, auf den jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt zu schließen, sodass es noch nicht einmal umfassend möglich ist, interessengeleitet einzelne Kapitel zu einem Fragezusammenhang zu lesen.

Orientierung über die Grundlinie des Buchs vermögen nur Vor- und Nachwort zu geben. Dies ist umso bedauerlicher, als Miegel ja Probleme anspricht, die tatsächlich ernsthafter und dringender Lösungen bedürfen: allem voran das globale Wirtschaften weit jenseits der ökologischen Belastungsgrenzen der Erde. Die hierauf reagierende Einsicht in die Notwendigkeit von umfassend verstandener Nachhaltigkeit – einschließlich unumgänglicher Wohlstandseinbußen in reichen Volkswirtschaften – ist natürlich nicht minder berechtigt.

Leider konzentriert sich Miegel nicht auf diese berechtigte Kritik an unserer Lebens- und Wirtschaftsweise. Vielmehr vermischt er sie mit thematisch disparaten Betrachtungen, die teils über Allgemeinplätze nicht hinauskommen, etwa wenn Miegel zwischendrin mal eben auf zwei Seiten über den Verfall der deutschen Alltagssprache nachsinnt, um rasch zur Einsicht zu gelangen, diese sei „ungemein simpel, um nicht zu sagen grobschlächtig“. Zwar nicht grobschlächtig, aber bei genauerer Betrachtung zumindest simpel ist freilich auch der kulturpessimistische Duktus, in den Miegel selbst immer wieder verfällt. So ist die Kritik am durch die Digitalisierung bedingten Wandel der Technik von ihrer instrumentellen (dem Menschen dienenden) Funktion hin zur Fähigkeit, selbst „das Handeln des Menschen zu steuern“, berechtigt. Diese Beobachtung jedoch – wie Miegel es tut – zum „Ausdruck einer fehlgeleiteten Kultur“ zu stilisieren, ist holzschnittartig.

Mithin scheint sich Miegel in der Rolle des – gerne auch einmal pauschal – Urteilenden äußerst gut zu gefallen. So gut, dass man sich bisweilen fragt, wo hierbei für ihn die Grenzen liegen. Etwa im letzten Kapitel, in dem Miegel problematisiert, dass unsere Gesellschaft „herausragende Leistungen fast nur noch mittels Geld zu würdigen vermag“. Dabei geht es ihm um Top-Gehälter in Wirtschaft – eigentlich… Zum guten Schluss bekommt aber auch noch ein „Gewerkschaftsfunktionär“ sein Fett weg, der, „als Mitglieder seiner Organisation ob ihres großen Einsatzes öffentlich gelobt wurden“, sagte: „Davon können sie sich nichts kaufen. Sie wollen Geld sehen.“ Für Miegel ist klar: „Wie zeitgemäß und doch wie ärmlich!“ Angesichts des Einsatzes von Pflegekräften in der Corona-Pandemie und ihrer teils prekären finanziellen Situation kann man sich nur fragen, mit welchem Maß Miegel hier misst.

Meinhard Miegel: Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter. Oekom Verlag, 160 Seiten, ISBN-13: 978-396238-208-7, EUR 18,–

In ähnlicher Form erschienen am 19. Mai 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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