Renaissance-Spektakel unter reformierter Hülle

Da Vinci, Michelangelo, Botticelli und Raffael: Die Ausstellung „Die großen Meister der Renaissance“ wird derzeit in der Parochialkirche in Berlin-Mitte gezeigt und beweist, dass Kunsterleben auch ohne die Originalwerke funktioniert. Über ein Ausstellungskonzept mit Eventcharakter und theologischem Bezugspunkt

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist nicht frei von Ironie, dass sich die Veranstalter der Ausstellung „Die großen Meister der Renaissance“ mit der Parochialkirche ausgerechnet für den ältesten reformierten Kirchbau Berlins als ersten Ausstellungsort in Deutschland erschienen haben. Die opulente Präsentation von Reproduktionen bedeutender Werke der Renaissance dürfte zum ursprünglichen Erscheinungsbild des – nach Kriegszerstörung wiederhergestellten – Gotteshaus gestanden haben, das sich dem konfessionellen Profil seiner Gemeinde entsprechend durch Klarheit und Schlichtheit auszeichnete. Sollte hier einst nur das Wort wirken, schreitet der Besucher nun durch von Kurator Manfred Waba entworfene Säle, die in Bordeauxrot gehalten, mit Kronleuchtern behangen sind und – neben einer aufwendigen Nachbildung von Michelangelos David – in Golfrahmen gefasste Gemälde und in Originalgröße reproduzierte Ausschnitte aus Wand- und Deckenmalereien zeigen.

Die vor der Pandemie bereits in Österreich gezeigten „großen Meister“ setzen – thematisch wie konzeptionell – die 2017 in der Votivkirche in Wien gezeigte von Waba kuratierte Ausstellung „Michelangelos Sixtinische Kapelle“ fort. Im Gespräch erläutert er die Grundidee: „Es geht darum, eine Betrachtungsweise der Kunstwerke zu bieten, die es so noch nie gab.“ Besichtige man da Vincis Mona Lisa in Paris oder Santis „Die Schule von Athen“ im Vatikan werde man in Touristenmassen durchgeschoben und habe kaum Gelegenheit, sich auf die Details und Feinheiten der Kunstwerke einzulassen: „Muße und Verweildauer sind nicht gegeben und oft sind die Gemälde so weit weg vom Betrachter, dass man kaum etwas erkennen kann.“ Genau hier möchte Waba mit seinen beiden Ausstellungen ansetzen und – indem er die Kunstwerke hautnah präsentiert – ein ästhetisches Erlebnis ermöglichen.

Dies gelingt ihm auch, da er auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Bühnen- und Kostümbildner bzw. Regisseur zurückgreifen kann: Gekonnt arrangiert er die Bilder zu einer beeindruckenden Szenerie, in der die Motive verdichtet präsentiert werden und sich teilweise gegenseitig kommentieren. „Der Alltag“, so Waba, „muss vom Ausstellungsbesucher abfallen und er muss in eine andere Welt eintauchen – wie bei einem Theater- und Opernbesuch.“ So wird Kunst zum Event – natürlich zu dem Preis, dass viele der Kunstwerke aus ihrem architektonischen und historischen Kontext herausgelöst präsentiert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Nachdrucke der Gemälde freilich nicht die Intensität der Originale erreichen; aber insbesondere die Präsentation der Wand- und Deckenmalereien bietet ein überzeugendes Erlebnis sui generis.

Waba geht es jedoch um mehr als ästhetische Überwältigung. Der praktizierende Katholik – der gegenwärtig auch für die Passionsspiele im niederösterreichischen Kirchschlag tätig ist – verbindet mit der Ausstellung auch eine Botschaft: „Die Renaissance stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Sie bejaht seine Schönheit und damit seine Geschöpflichkeit.“ Das zentrale Bild hierfür sei Michelangelos „Erschaffung des Adam“, die den Menschen als ihrem Schöpfer gleichgestaltetes Gegenüber zeige. Das Menschenbild der Renaissance bewege bis heute die Menschen: „Jeder sagt: das ist schön! Und letztlich findet der Betrachter in den Bildern Aussagen über sich selbst und sein Mensch-sein.“

Die in der Renaissancekunst ausgedrückten Gedanken der Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde möchte der Kurator mit seiner Ausstellung in Erinnerung rufen – und empfindet sich darin gerade auch der Kirche verbunden: „Letztlich haben wir eine gemeinsame Botschaft.“ Angesichts des Kriegs in der Ukraine – aber auch mit Blick etwa auf die Entwicklung des Finanzmarktkapitalismus – sei eine solche Rückbesinnung so aktuell wie kaum sonst: „Der einzelne Mensch zählt nichts mehr, er verliert seine Eigenständigkeit und Würde. Deshalb müssen wir zurückfinden zur Menschlichkeit und zum Blick auf das Individuum.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 12/2022.

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