Jenseits des Menschen

James Lovelock prognostiziert ein posthumanes Zeitalter und stellt letztlich die Ethik in Frage

Von Tilman Asmus Fischer

Gerade einmal vor 20 Jahren ist in die wissenschaftliche Debatte der Begriff des Anthropozäns eingeführt worden. Mit ihm wurde das gegenwärtige geochronologische Zeitalter als dasjenige gekennzeichnet, das in herausragender – wie problematischer – Weise vom Menschen als wesentlichem Einflussfaktor geprägt ist. Folgt man dem britischen Naturwissenschaftler James Lovelock, geht dieses mit der Industrialisierung beginnende Zeitalter jedoch bereits seinem Ende zu. Dabei ist es weltgeschichtlich extrem jung – und der 1919 geborene Lovelock selbst bereits fast halb so alt wie die geologische Epoche, auf die er seinen Abgesang anhebt.

Was auf das Anthropozän folgen soll, erfasst Lovelock als „Novozän“ oder als „Zeitalter der Hyperintelligenz“. Ihm widmete er ein zu seinem 100. Geburtstag auf Englisch und 2020 auf Deutsch erschienenes Buch, das der Jubilar mit seinem Co-Autor Bryan Appleyard verfasst hat. Die gewagte Hypothese des Buches hat zwei wesentliche Voraussetzungen: zum einen die Gaia-Hypothese, die Lovelock in der ersten Hälfte der 1970er Jahre gemeinsam mit Lynn Margulis entwickelt hatte; zum anderen weitgehende Spekulationen über die künftigen Entwicklungen künstlicher Intelligenz (KI).

Das große Verdienst der Gaia-Hypothese war nicht weniger als ein neues Verständnis des irdischen Lebens gewesen: die Erkenntnis, dass es sich bei der Biosphäre nicht nur um eine Ansammlung von Organismen handelt, sondern sie in ihrer Gesamtheit wiederum selbst quasi als Organismus betrachtet werden kann. Dies setzte die Einsicht in die selbststabilisierenden Dynamiken der Erdoberfläche voraus, zu denen in besonderer Weise die grundsätzliche Fähigkeit des Planeten gehört, sich selbst abzukühlen. Nach Gaia, der Muttergöttin der griechischen Mythologie, benannte Lovelock das „Planetensystem“, welches „die Erdoberfläche abkühlt“.

Ebendieses System sieht sich zunehmenden Herausforderungen ausgesetzt: der Alterung des Planeten und – neben dem anthropogenen Klimawandel, den Lovelock erstaunlich dezent thematisiert – der zunehmenden Wärmeabgabe der Sonne. Gaia, so der Autor, „muss weiter daran arbeiten, den Planeten zu kühlen, denn er ist jetzt alt und gebrechlich. Mit dem Alter werden wir fragiler, wie ich nur allzu gut weiß. Dasselbe gilt für Gaia. Sie könnte heute durch Erschütterungen ihres Systems, die sie in früheren Zeitaltern weggesteckt hätte, zerstört werden.“ Eine solche Erschütterung könnte etwa ein massiver Asteroideneinschlag verursachen.

Hilfe könnte Gaia, geht es nach Lovelocks Vision, freilich von der gegenwärtigen Entwicklung der Informationstechnologie her ereilen: „Das Revolutionäre an diesem Moment ist, dass die Versteher der Zukunft keine Menschen sein werden, sondern ,Cyborgs‘, wie ich beschlossen habe, sie zu nennen, die sich aus den Systemen künstlicher Intelligenz, die wir bereits entwickelt haben, selbst entwerfen und erschaffen werden. Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.“ Während wir Menschen – denkende und individuell sowie politisch handelnde Individuen – als ,Gestalter‘ scheinbar ausgedient haben, sollen dann die überlegenen, da intelligenteren Cyborgs im Zusammenspiel mit der Natur das Heft des Handelns in die Hand nehmen und Lösungen für die drohende Überhitzung entwickeln.

Freilich: Zwar kann Lovelock auf tatsächlich faszinierende – und erschreckende – Fortschritte der KI verweisen. Jedoch der – über graduelle Steigerungen der technischen Fähigkeiten hinausgehende – kategoriale Wechsel hin zu im Wortsinn autonom und verantwortlich handelnder KI bleibt eine Annahme. Lovelock begründet die prognostizierte vollständige Freiheit der Cyborgs „von menschlichen Befehlen“ damit, dass sie „sich durch einen selbstgeschriebenen Code entwickelt haben“ werden. Über die konkreten Möglichkeiten und Bedingungen des Erreichens ebendieser Entwicklungsstufe schweigt der Autor letztlich.

Gravierender als Lovelocks Lücken in der naturwissenschaftlichen Herleitung seiner Utopie – oder sollte besser von einer Dystopie die Rede sein? – sind allerdings deren anthropologische und ethische Konsequenzen. Denn bereits das von Lovelock – der wiederholt seine quäkerische Prägung hervorhebt – vertretene Menschenbild ist, zurückhaltend formuliert, ambivalent. Und denkt man seine technikgläubigen Annahmen folgerichtig weiter, gelangt man letztlich zu einer Dispensierung der Technikethik.

Bekennt sich Lovelock einerseits zum anthropischen Prinzip – sogar als Korrelat der Gaia-Hypothese –, kann er andererseits erklären: „Unsere Existenz [als intelligentes Leben; TAF] ist ein verrückter Ausrutscher.“ Als gewollt vermag der Autor den Menschen lediglich im Anschluss an John Barrows und Frank Tipler (The Anthropic Cosmological Principle) erkennen – und dies in einer sehr limitierten Weise: „Vielleicht ist Information eine immanente Eigenschaft des Universums, und deshalb mussten bewusste Wesen zustande kommen. Dann wären wir wirklich Auserwählte – das Werkzeug, durch das der Kosmos sich selbst erklärt.“

Somit kommt dem Menschen für Lovelock eine lediglich instrumentelle Bedeutung zu, spielen wir Menschen am  Ende nur „eine ähnliche Rolle wie die Photosynthetisierer, die die Voraussetzungen für die nächste Evolutionsstufe geschaffen haben“. Dies freilich ist eine äußerst problematische Reduzierung des Menschen auf seine Fähigkeit zur Informationsverarbeitung. Damit entspricht Lovelock einer grundsätzlichen Tendenz im aktuellen Diskurs um KI, der gegenüber der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber unlängst in der Zeitschrift „Evangelische Theologie“ (4/2020) anmahnte: „Wir Menschen gehören nicht nur zur Spezies homo sapiens, sondern auch zur Spezies homo sentiens. Wir sind nicht nur rationale, sondern auch fühlende Lebewesen. Wir sind nicht nur ,Inforgs‘, sondern auch ,Empathorgs‘, nicht nur informationelle, sondern auch emphatische Organismen.“

Wo dies aus dem Blick gerät, wird der Mensch nicht mehr in der Ganzheitlichkeit seiner Geschöpflichkeit – und letztlich Gottebenbildlichkeit – wahrgenommen und kann letztlich auch als Würdewesen infrage gestellt werden. Damit erscheint dann freilich auch der Sinn des Ringens um eine menschengemäße Gestaltung des technischen und digitalen Wandels zweifelhaft. Und wenn zudem das menschliche Handeln in der Gegenwart bereits unter dem Vorzeichen einer zukünftigen Verselbstständigung der KI steht, kann mit Grund gefragt werden, welcher Wert einem ethisch reflektierten Umgang des Menschen mit der Technik überhaupt noch zukommt.

James Lovelock: Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. Mit Bryan Appleyard, aus dem Englischen von Annabel Zettel. C.H.Beck, München 2020. 160 Seiten, gebunden; ISBN 978-3-406-74568-3, EUR 18,–

In ähnlicher Form erschienen am 30. Dezember 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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