Eine Ode an das Europa der Aufklärung

Die Katholische Akademie in Berlin zeigt unter dem Titel „Luoghi e tempi – Orte und Zeiten“ Werke von Tanja Nittka

Von Wen-Ling Chung und Tilman A. Fischer

Es mag wenige Landstriche geben, in denen dem für Europa prägenden Geist von Aufklärung und Humanismus – sowie des ihnen Ausdruck verleihenden Klassizismus – in ähnlicher Weise nachzuspüren ist wie in einigen Gegenden Italiens. Die Berliner Künstlerin Tanja Nittka hat ebendiese Spurensuche an den Comer See, in der Lombardei und nach Mailand geführt. Die hierbei entstandenen Gemälde zeigen die Katholische Akademie in Berlin sowie die Pax-Bank in der Ausstellung „Luoghi e tempi – Orte und Zeiten“.

Ein der Mailänder Biblioteca Ambrosiana gewidmeter Zyklus ist etwa im Vorraum der Akademie-Kirche St. Thomas von Aquin zu sehen. Auf den einem realistischen Malstil verpflichteten Gemälden stehen viele Bücher in Regalen, die Titel der Bücher sind nicht zu erkennen. Aber sie zeigen die Spuren jahrhundertelangen Gebrauchs – sind Zeugnis einer geistigen und geistlichen Tradition. Diese Regale und Bücher befinden sich im Schatten oder außerhalb des Tageslichts und werden mit gedämpftem Licht beleuchtet. Die Künstlerin hat eine dünne Ölmaltechnik verwendet, um Licht und Schatten in einem realistischen Stil darzustellen. Was an Nittkas Gemälden auffällt: Es ist niemand auf dem Bild zu sehen. Nur Bücher, Tische und Stühle. Hier stehen tatsächlich „Orte und Zeiten“ im Zentrum des Fokus und warten darauf, (neu) entdeckt zu werden.

Ein vielleicht etwas nüchterneres Umfeld als bei St. Thomas von Aquin umgibt die in der Pax-Bank gezeigten Kunstwerke: Die Gemälde befinden sich in der Eingangshalle und im Korridor des Bürogebäudes. Einige der Werke zeigen neuerlich Bibliotheksszenen. Die hier präsentierten Gemälde bieten jedoch eine ‚menschlichere‘ Atmosphäre. Dies liegt vor allem daran, dass die Künstlerin hier einen anderen Blickwinkel wählt: Es handelt sich nicht mehr um einen niedrigen Blickwinkel, der die Detailstudien aus einer Bibliothek prägt, sondern um den Blick einer stehenden Person, die sich umschaut. Eine andere Gruppe von Werken ist von Grün umgeben: Es gibt kräftig grüne Balkone und Ecken im Park. Es mag Hochsommer sein, die grünen Blätter sind üppig und die Schatten sind hell. In zentraler Hinsicht bleibt sich die Künstlerin jedoch treu: Es gibt keine Personen und die Szenerie ist immer noch von einem nebligen Ton überzogen, auch wenn es heller Mittag ist. So sind die Besucherinnen und Besucher auch hier eingeladen, mit dem eigenen Auge alleine in der Bibliothek, in der Villa Vigoni oder durch den saftig grünen Wald zu wandeln. Alles ist still, einsam, und ruhig.

Weitere Informationen: https://www.katholische-akademie-berlin.de/aktuelles/luoghi-e-tempi-orte-und-zeiten/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2021.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s