Eine Frage des Menschenbildes

Transhumanismus als Herausforderung für die Innere Führung und moralische Integrität des Staatsbürgers in Uniform

Tilman Asmus Fischer

Spätestens die anhaltenden Auseinandersetzungen über den Einsatz als ‚autonom‘ apostrophierter Waffensysteme haben die Brisanz deutlichgemacht, welche den Herausforderungen der Digitalisierung innerhalb friedensethischer bzw. sicherheits- und rüstungspolitischer Debatten zukommt. Die Diskussion über den Einsatz digitaler Technologien unterschiedlicher Art hat ihre Berechtigung, soll an dieser Stelle jedoch nicht dupliziert werden. Vielmehr gilt es, den Blick für einen Zusammenhang zu schärfen, der angesichts der technikethischen Fokussierung der Debatte aus dem Blick zu geraten droht. Gemeint ist der „anthropologische Wandel“, der mit den technischen Innovationen einhergeht, welche die Digitalisierung in allen Lebensbereichen hervorbringt. Er drückt sich in einer „reduktionistische[n] Revision im Verständnis der menschlichen Person“ aus, so Wolfgang Huber: „Durch die Fixierung auf die Fortschritte in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz entsteht ein Sog, der die kognitiven Fähigkeiten des Menschen gegenüber anderen Aspekten der menschlichen Existenz isoliert.“ (Huber, 307)

Dieser Paradigmenwechsel findet seinen stärksten Ausdruck im Transhumanismus, also der Vorstellung, dass physische, aber auch kognitive und mentale Fähigkeiten durch die Kombination technischer wie medizinischer ‚Optimierung‘ kategorial zu erweitern – und damit das erreichte Stadium des Homo sapiens hinter sich zu lassen. Es wäre illusorisch, anzunehmen, dass ein solcher philosophisch wie popkulturell virulenter Trend gerade an den Truppenangehörigen der Bundeswehr spurlos vorbeigehen sollte; sind diese doch sowohl in ihrem privaten als auch – graduell abhängig von ihrer konkreten Verwendung – in besonderer Weise im beruflichen Alltag mit der Präsenz und fraglosen Leistungsfähigkeit digitaler Technologien konfrontiert. Es mag mit Blick auf mögliche Anknüpfungspunkte zwischen Transhumanismus und militärischem Denken nicht irrelevant sein, dass es sich bei dem wohl prominentesten Vertreter des Transhumanismus, Yuval Noah Harari just um einen Militärhistoriker handelt. Dieser prognostiziert für das Selbstbild des Menschen: „Die Menschen werden sich nicht mehr als autonome Wesen betrachten, die ihr Leben entsprechend den eigenen Wünschen führen, sondern viel eher als eine Ansammlung biochemischer Mechanismen, die von einem Netzwerk elektronischer Algorithmen ständig überwacht und gelenkt werden.“ (Harari, 445)

Zwar ist es fraglich, ob die konkreten Szenarien, die sich mit dieser – abhängig vom Betrachter – utopischen oder dystopischen Prognose verbinden, überhaupt realistisch sind. So scheitern die transhumanistischen Utopien für Thomas Fuchs bereits „an ihrer völligen Verkennung dessen, was Leben ist“: „Der Transhumanismus ignoriert die grundlegend antinomische Struktur unserer Existenz, die als verkörperte und irdische Existenz notwendig in Polaritäten [v. a. diejenige von Geist und Körper; TAF] eingebunden ist.“ (Fuchs, 111) Vom Realitätsgehalt entsprechender Szenarien einer kategorialen Optimierung der menschlichen Natur durch technisch-medizinische Manipulation (oder gar eines mind uploadings) ist jedoch die mögliche Verbreitung und Popularität des zugrundeliegenden Menschenbildes prinzipiell unabhängig. In diese Richtung weisen immerhin auch Phänomene der Populärkultur, wie die Netflix-Serie „Outside the Wire“; aber auch die von Technikaffinität geprägte Ästhetik der Rekrutenwerbung seitens der Bundeswehr könnte in dieser Hinsicht kritisch befragt werden. Und so sollte wiederum auch den Folgen einer transhumanistischen Anthropologie (bzw. ihrer Popularisierung) kritische Aufmerksamkeit gewidmet werden – unabhängig von Stand und Perspektive der technischen Entwicklungen, mit denen ihr Entstehen einherging.

Für den Bereich der Streitkräfte bedeutet dies: Konsequent zu Ende gedacht vermag das proklamierte reduktionistische Menschenbild nicht weniger als dem für die Bundeswehr konstitutiven Konzept der Inneren Führung ihr Fundament zu entziehen – das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Denn dieses fordert vom Soldaten nicht nur „sich für den Auftrag einsatzbereit zu halten“, sondern – in der Zentralen Dienstvorschrift A 2600/1 vorangestellt – vor allem, „eine freie Persönlichkeit zu sein“ und „als verantwortungsbewusster Staatsbürger bzw. als verantwortungsbewusste Staatsbürgerin zu handeln“ (ZDv A 2600/1, 402). Hiermit verbunden ist die Erwartung, dass die Soldaten „vor allem im Einsatz Gewissensentscheidungen [treffen], die ihre ethische Bindung in den Grundwerten finden“ (A.a.O., 105), und durch Gewissensschärfung „eine moralische Urteilsfähigkeit“ (A.a.O., 508) entwickeln. Ausgehend von Thomas Fuchs’ umfassenden Untersuchungen zum Transhumanismus und seinem größeren geistes- wie wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang kann exemplarisch gezeigt werden, dass eine transhumanistische Anthropologie drei elementare Voraussetzungen des Leitbildes „Staatsbürger in Uniform“ negiert: freie Persönlichkeit, Verantwortungsfähigkeit und moralische Urteilsfähigkeit.

Zunächst einmal setzt freie Persönlichkeit ihrerseits die Willensfreiheit der Person voraus. Diese lässt sich mit Fuchs als die Fähigkeit von Personen definieren, „ihre primären Impulse zu suspendieren, in einer Phase des Moratoriums ihr Wollen gemäß ihren Motiven, Überzeugungen und Überlegungen selbst zu bilden, im Lichte ihres Selbstverhältnisses sich mit den Möglichkeiten zunächst tentativ zu identifizieren, im Entschluss zu einer inneren Kohärenz oder Stimmigkeit zu gelangen und schließlich ihren Entschluss in eine Handlung überzuführen“ (Fuchs, 212f.).

Der Transhumanismus tendiert jedoch dazu, das Gehirn parallel zur Funktionsweise von Computern zu interpretieren und – in Anlehnung an neurodeterministische Positionen – den Prozess menschlicher Entscheidungen exklusiv auf das Gehirn zu beschränken und so ausschließlich als neuronale Prozesse zu beschreiben. Die Neurobiologie, an der sich der Transhumanismus hier orientiert, erfasst allerdings lediglich die letzte der von Fuchs benannten Phasen, also die Auslösung der Handlung. Damit werden jedoch alle vorgelagerten Schritte des Entscheidungsprozesses ausgeklammert. In diesen Gesamtprozess aber kommt der Mensch als geist-leibliches Wesen zur Geltung, das vor dem Hintergrund biografische Erfahrungen abwägend zu einem Entschluss gelangt. Für den Transhumanismus scheint dies obsolet zu sein; mit der Konsequenz, dass Verantwortungs- und Urteilsfähigkeit bereits die freie Persönlichkeit als Grundlage entzogen wäre. Beide werden aber auch für sich in Frage gestellt.

So hat Verantwortungsfähigkeit zur Vorbedingung, dass von einer Wirklichkeit ausgegangen werden kann, die sich im zwischenmenschlichen Miteinander konstituiert und in der sich im Verhältnis zu einem Gegenüber überhaupt so etwas wie Verantwortung empfinden lässt. „Wirklichkeit ist mehr als ‚die gleichgültige Innenperspektive von Individuen, die sich einbilden, Subjekte zu sein‘ […]. Sie konstituiert sich in der wechselseitigen Wahrnehmung und Anerkennung von Personen, die wissen, dass sie nicht nur das Konstrukt des anderen sind und der andere nicht das ihre. Und indem der andere in seinem Leib für uns wirklich wird, werden wir auch uns selbst wirklich, als leibhaftige und in ihrem Leib erscheinende Wesen.“ (A.a.O., 250; Fuchs zitiert: Spaemann, 293)

Unter der neurokonstruktivistischen Annahme, dass „alles, was Menschen erleben, in Wahrheit eine Konstruktion und Vorspiegelung ihrer Gehirne sei“ (Fuchs, 233), wird so verstandene Wirklichkeit jedoch brüchig und mit ihr der Raum, in dem wir Verantwortung empfinden und zu einem ihr entsprechenden Handeln fähig sind. Mit der Reduzierung der menschlichen Person auf ein – in einem letztlich obsoleten Körper gefangenen – Gehirn und neuronale Prozesse wird freilich zugleich die leibliche Voraussetzung für moralische Urteilsfähigkeit dispensiert. Denn „ohne eine Verankerung unserer Wünsche und Werte in einer menschlichen Natur würden wir am Ende den Orientierungsrahmen verlieren, der unserem Leben überhaupt Bedeutsamkeit und Sinn verleiht. Es sind die leiblich-affektiven Bedingungen unserer Existenz, die uns die elementaren Werte vorgeben: Geburt, Hunger, Durst, Schmerz, Lust und Tod. […] Das primär Gute finden wir vor, weil es unserem Leben schon innewohnt, wir wählen es nicht frei nach Belieben. […] [Ohne] die leiblich-affektive Basis, die unsere Natur uns vorgibt, würde auch alle moralische Orientierung ihr Koordinatensystem verlieren. Wir könnten dann nicht mehr sagen, was das Gute eigentlich ist.“ (A.a.O., 112f.)

An dieser Stelle konnte nur in der gebotenen Kürze schlaglichtartig auf die strukturelle Opposition hingewiesen werden, die zwischen den Konzepten der Inneren Führung bzw. des Staatsbürgers in Uniform auf der einen sowie transhumanistischen Menschenbildern auf der anderen Seite besteht. Dabei sollte aber bereits deutlich geworden sein, dass friedensethisch relevanten Risiken der Digitalisierung sich nicht auf die Frage nach der ethisch legitimen Anwendung bestimmter Technologien beschränken. Vielmehr stellt der mit der Digitalisierung einhergehende „anthropologische Wandel“ (Huber) eine Herausforderung sui generis dar. Denn sollten Soldaten sich zunehmend „nicht mehr als autonome Wesen“ (Harari) verstehen, dürfte dies die moralische Integrität der Streitkräfte in erheblicher Weise untergraben, da es die faktische Aufgabe des Anspruchs auf moralische Autonomie der Truppenangehörigen bedeuten würde.

Menschenführung und politische Bildung durch die Vorgesetzten sind – gemeinsam mit dem Lebenskundlichen Unterricht der Militärseelsorge – der Persönlichkeitsbildung der Soldaten verpflichtet. (ZDv A 2600/1, 508f.) Mögen die benannten Herausforderungen in diesen Handlungsfeldern die nötige Aufmerksamkeit finden.

Literatur

  • Bundesministerium der Verteidigung, Zentrale Dienstvorschrift A 2600/1 Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur, Bonn 2017
  • Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen, Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Berlin 2020.
  • Yuval Noah Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017.
  • Wolfgang Huber, Was heißt: Die Wahrheit sagen? Bonhoeffer im digitalen Zeitalter, in: Evangelische Theologie 80 (2020), 301-312.
  • Robert Spaemann, Schritte über uns hinaus. Gesammelte Reden und Aufsätze II, Stuttgart 2011.

In ähnlicher Form erschienen in: Zeitschrift Wehrtechnik, Ausgabe III/2021, Seite 10f.

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