Schlafentzug, laute Musik, Dunkelheit

Im US-Gefangenenlager Guantánamo wurde eine neue Art von Folter praktiziert. Sie verstümmelt nicht den Leib, erzeugt aber permanent Angst und verletzt die Seele. Mit dem Mittel der Kunst wehren die Gefangenen sich dagegen

Vor 20 Jahren, kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, war das US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba eingerichtet worden. 780 Terrorverdächtige aus aller Welt wurden dorthin gebracht, nicht selten von der CIA verschleppt und unter Folter verhört. Übrig geblieben sind noch 40 Insassen, die meisten Gefangenen wurden zwischenzeitlich entlassen. Einige haben Suizid begangen. Gibt es so etwas wie eine „gerechte Folter“ zur Aufklärung terroristischer Anschläge? Sebastian Köthe befasst sich im Rahmen seiner Promotion an der Berliner Universität der Künste unter ästhetischer Perspektive mit „sauberer“ Folter im „global war on terror“. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht er über die Legitimierung von Folter in Guantánamo und Kunst als Mittel des Widerstandes von Gefangenen.

Herr Köthe, beim „Krieg gegen den Terror“ handelt es sich der Idee nach um eine ‚gute Sache‘. Umso stärker ist daher der Kontrast, wenn in diesem Zusammenhang der Begriff „Folter“ fällt. Worüber reden wir hier?

Folter hat sich verändert. Im Fall von Guantánamo oder der CIA-Geheimgefängnisse im sogenannten „war on terror“ geht es bei Folter nicht mehr um öffentliche Vierteilungen, Verstümmelungen oder Verbrennungen. Folter wird versteckt, hinterlässt weniger Spuren und setzt – vor allem in Demokratien – eher auf „psychologische“ oder „saubere“  Praktiken. Mit der offiziellen Abschaffung der Folter, die in der Antifolterkonvention der UN von 1984 kulminiert ist, hat Folter nicht einfach aufgehört. Was sich verändert hat, ist die Art und Weise wie gefoltert und wie darüber gesprochen wird.

Sebastian Köthe im Gespräch
(Foto: Ting-Chia Wu)

Wie stellt sich diese ‚neue‘ Folter dar?

Es wird wehrlosgemachten Menschen asymmetrische Gewalt zugefügt. Dass es sich um wehrlosgemachte Menschen handelt, ist ein wichtiger Aspekt von Folter. Die Gewalt ist im „war on terror“ auch physisch, es ist aber vor allem eine Gewalt, die die Wahrnehmung und Sensibilität der Menschen betrifft: Zum Beispiel dürfen sie über Wochen hinweg nicht schlafen, werden in permanenter Dunkelheit gehalten, müssen über Tage Babygeschrei, laute Rap- oder Popmusik hören. Das hinterlässt weniger körperliche Spuren, lässt sich schwerer beweisen und klingt erst einmal „nicht so schlimm“. Ein Gefangener, Shaker Aamer, schrieb aber in einem offenen Brief: „Please torture me the old way. Here they destroy people mentally and physically without leaving marks.“ Andere Aspekte der Folter sind fundamentale Entrechtungen: nicht mit der eigenen Familie in Kontakt treten dürfen, ohne Recht auf einen fairen und schnellen Prozess unbestimmt lange inhaftiert werden, die Entführung in ein fremdes Land – nach Kuba oder in ein CIA-Geheimgefängnis in Polen, Rumänien oder Litauen.

Zumindest im Falle von Guantánamo haben die USA das dortige Geschehen nicht verheimlicht, sondern bewusst in Szene gesetzt. Welcher politischen Ästhetik bediente man sich dabei?

Bereits Anfang 2002 veröffentlichten die USA die berühmten Propagandafotografien aus Guantánamo, auf denen die Menschen in orangenen Kostümen auf dem Boden knien und Masken über dem Kopf tragen. Es sind Fotos, die eine totale Kontrolle über die gefangenen Menschen und ihren sinnlichen Apparat ausstrahlen. Einerseits lässt sich die Gewalt in den Fotos ableugnen, es sei Krieg, das seien gefährliche Terroristen, das diene der nationalen Sicherheit. Andererseits signalisieren solche Fotos und die berühmten Drohungen der US-Politiker – „the gloves are off“ und so weiter –, dass ein neues Gewaltregime angebrochen ist.  

Was bedeutet dies für das Selbstverständnis einer westlichen, aufgeklärten Demokratie, die sich ja nicht zuletzt auch als christlich geprägt versteht?

Man muss die Tatsache der Folter als Angriff auf die eigene Verfassung verstehen: auf die Werte, die das demokratische Ideal der USA darstellen, an dem als Bekenntnis festgehalten wurde, auch wenn es historisch nie erreicht wurde. Diese ausgestellte Art Folter zu betreiben, ist ein dezidierter Bruch hiermit, der gleichzeitig in einer christlichen Terminologie angekündigt wurde: als Kampf von Gut gegen Böse. George Bush hat von einem Kreuzzug gesprochen. Es gibt diese Kulturkampfnarrative gegen „den Islam“. Da werden christliche Vorstellungswelten bemüht, angeeignet und – man muss sagen – zweckentfremdet, um letztendlich die Exekutivmacht eines Präsidenten von der Verfassung zu befreien. Dieser wird immer weiter ermächtigt, in der Weise Krieg zu führen, die ihm vor Augen steht.

Haben wir es hier mit der Etablierung des Gedankens einer „gerechten Folter“ zu tun – entsprechend der überkommenen christlichen Begründung eines „gerechten Krieges“, der einem „ungerechten Krieg“ gegenübersteht?

Die Anwälte der Bush-Regierung haben sehr intensiv daran gearbeitet, die Definition von Folter auszuhöhlen. Sie haben zum Beispiel gesagt: Wenn die UN-Antifolterkonvention von einer „spezifische Intention“ spricht, die Teil von Folter sein muss, dann liegt Folter nur vor, wenn das Ziel der Handlung das Zufügen schwerer Schmerzen und seelischen Leidens selber ist. Das heißt: Wenn im Zuge einer Vernehmung jemand gefoltert würde, um vermeintlich Informationen zu generieren, handelte es sich nicht um Folter, da die Folter nicht der Selbstzweck war. Also: Andere Länder, in denen gefoltert wird, seien sadistisch, da dort Folter ein Selbstzweck sei, aber wenn die CIA bestimmte Techniken anwende – die universell als Folter anerkannt sind –, dann handele es sich nicht um Folter, da die Verteidigung der nationalen Sicherheit der eigentliche Zweck sei.

2017/2018 präsentierte die Ausstellung „Ode to the Sea“ in New York Kunstwerke von vier entlassenen und vier gegenwärtig inhaftierten Guantánamo-Gefangenen. Wie konnte an einem Ort der Rechtlosigkeit und Folter Kunst entstehen?

Über die Jahre haben die Menschen es geschafft, eine Art Überlebenskultur auszubilden, um sich die Zeit im Lager erträglicher zu machen, gegen die Entrechtung Widerstand zu leisten und auch ihre Neugierde zu stillen. So haben sie sich gegenseitig Geschichten erzählt, Sprachen gelehrt, Lieder und Gedichte geteilt. Ebenso haben sie von Anfang an Kunst gemacht. Sie fingen an, Gedichte in Becher zu ritzen oder haben in den Sand gemalt. Etwa mit Antritt der Obama-Regierung wurde das so institutionalisiert, dass das US-Militär auch Kunstkurse in Guantánamo angeboten hat. Das war einerseits eine Propagandaaktivität. Andererseits waren manche der Gefangenen froh, Zugriff auf neue Materialen zu haben, vielleicht einen Lehrer zu bekommen, der sie unterstützt und inspiriert, oder auch einfach nur etwas Abwechslung im Lageralltag. Die Gefangenen durften bis 2015 ihren Familien, Anwälten oder Menschenrechtsorganisationen Kunstwerke schenken. Einige dieser Arbeiten fanden schließlich Eingang in die Ausstellung.

Wie thematisieren die Kunstwerke die Situation der Gefangenen?

Es ist spannend, wie die Gefangenen unter extremer Zensur – sie durften nicht vom Lageralltag berichten, das Lager zeichnen oder ihre Folter zeigen – Motive gefunden haben. Ein Gefangener hat einen bunten Farbstrudel gezeichnet, bei dem man natürlich ins Denken kommen kann, welche Art körperlicher Erfahrung, Selbstverlust, Abgründigkeit oder Desorientierung hierin angedeutet werden. Ein anderer Gefangener schuf ein Bild, welches nur aus dem Wort „NO“ besteht. Er musste es auf dem Kopf malen, sodass es „ON“ ergibt und durch die Zensur durchgehen konnte. Ein beeindruckendes Zeugnis des Widerstandes nach fast 20 Jahren Haft.

Was können wir als Betrachter der Kunstwerke in den Staaten des globalen Westens lernen?

Eine Sache, die man lernen kann, ist, sich angesprochen zu fühlen. Weil wir medial permanent von Bildern umgeben sind, nehmen wir vieles kaum mehr wahr. Eine Möglichkeit, die in den künstlerischen Zeugnissen aus Guantánamo liegt, ist, dass man diese künstlerische Ansprache zulässt. Dass man die Ansprache zu lässt, dass man als beliebige Person von den Werken mitgemeint, adressiert ist; dass man sich vielleicht in der Pflicht sieht, etwas zu antworten. Dabei lassen die Kunstwerke uns die Handlungsfähigkeit offen, uns zu positionieren – und sei es nur, „NO“ – „Nein“ zu sagen. Welche Form das annimmt, muss dann jeder für sich wissen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 36/2021.

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