Auf den Spuren eines wirkmächtigen Narrativs

Bücher über ein Wirtschaftswunder, das es nie gab und bis heute die Gemüter bewegt

Von Tilman Asmus Fischer

Noch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist eines der Phänomene, die die deutsche Nachkriegsgeschichte prägten, in aller Munde: das Wirtschaftswunder – mit seiner Lichtgestalt Ludwig Erhard im Zentrum. Dabei weisen Wirtschaftshistoriker bereits seit Jahren auf die Fragilität dieses historischen Narrativs hin. So bereits im September 2020 Werner Abelshauser im „Spiegel“-Interview: „Es ist seit Jahrzehnten Forschungsstand, dass Erhards Nimbus als Vater des Wirtschaftswunders ein Mythos ist. Aber das hat vor allem damit zu tun, dass die Erzählung vom Wirtschaftswunder selbst ein Mythos ist.“ Denn bis ein Jahr vor Kriegsende habe die deutsche Wirtschaft zu den „führenden der Welt gezählt“: eine „Hightech-Ökonomie“, die „systematisch Wissenschaft und Wirtschaft verband“. Daran habe die Bundesrepublik unmittelbar anknüpfen können.

Ludwig Erhard mit seinem Buch, 1957 (Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0)

Mit Daten und Fakten untermauert kann Abelshauser festhalten: „In der berühmten Stunde null war Deutschland ökonomisch potenter als vor dem Krieg.“ Daher gilt für ihn: „Diese hoch entwickelte Ökonomie ist in den Fünfzigerjahren nicht vom Himmel gefallen, sie war längst da. Erhard hat sich ihrer bedient und sie weltweit erfolgreich gemacht. Das ist sein bleibendes Verdienst.“ Trotz oder gerade wegen des mythischen Charakters des Wirtschaftswunders, lohnt es sich noch heute, diesem – als Teil deutscher Nachkriegsgeschichte- und Identität – nachzuspüren. Dies ermöglichen zwei Bücher auf je eigene Weise.

Bei dem einen handelt es sich gewissermaßen um ,das Buch zum Wirtschaftswunder‘, Ludwig Erhards Klassiker „Wohlstand für alle“. Dem Reprint der letzten von Erhard autorisierten Fassung aus dem Jahre 1964 ist ein kundiges Vorwort von Lars P. Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, vorangestellt. Beschlossen wird es von einem Epilog zur „Nachwirkungsmacht von ,Wohlstand für alle‘“ von Ulrich Blum und Roland Tichy, stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Bei dem zweiten Titel handelt es sich um eine zeitgeschichtliche Studie des Historikers Manfred Kittel über die Politik des bundesdeutschen Lastenausgleichs von 1952 bis 1975. Stellen die deutschen Ostvertriebenen die „Stiefkinder des Wirtschaftswunders“ dar, fragt der Gründungsdirektor der Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“.

Das zum 70-jährigen Jubiläum des Econ-Verlags herausgegebene Reprint seines Bestsellers von Erhard ist ein in doppelter Hinsicht bemerkenswertes Dokument. Zum einen ermöglicht es einen unmittelbaren Eindruck vom Geist der Wirtschaftswunderjahre und vom hiermit einhergehenden Selbstbewusstsein seines so empfundenen Spiritus Rector. Dies kündigen bereits einzelne der Kapitelüberschriften an: „Die Geburt der Marktwirtschaft“ – „Die Meisterung der Hochkonjunktur“ – „Marktwirtschaft überwindet Planwirtschaft“ – „Marktwirtschaft ermöglicht gerechten Lohn“ – „Versorgungsstaat – der moderne Wahn“ – „Der Phönix steigt aus der Asche“. Wer eintaucht, kann dieser Fortschrittsgläubigkeit auf vielen der Seiten nachspüren.

Zum anderen dokumentiert die Neuausgabe eben die – Blum und Tichy nennen es (nicht zu Unrecht) – „Nachwirkungsmacht“ von „Wohlstand für alle“; man könnte jedoch auch sagen, dessen Potenzial zur Indienstnahme für aktuelle wirtschaftspolitische Programmatiken. Anders als im Falle etwa von Sarah Wagenknecht geschieht dies bei den Vertretern der nach dem historischen Verfasser benannten Stiftung durch eine neoliberale Lesart Erhards. In den Worten seiner Interpreten klingt dies dann wie folgt: „Der vorliegende Text hat auch gut 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen die Wirkungsmacht, für eine Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft in dem Sinne zu werben, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille sind und private Initiative Vorzug vor staatlichem Paternalismus hat. Dies umzusetzen, obliegt niemand anderem als den Mitgliedern unseres demokratischen Gemeinwesens.“

In Kittels Studie wiederum hat die historische Analyse klaren Vorrang vor dem historischen Narrativ. Dies ist umso wichtiger, als der von ihm beleuchtete Lastenausgleich vielleicht nicht an Prominenz, jedoch, wo er öffentlich thematisiert wird, an Strahlkraft dem Wirtschaftswunder in nichts nachsteht. Umso mehr in den vergangenen Jahren, da die Gesamtleistung der Integration der deutschen Heimatvertriebenen bisweilen zur Blaupause für die Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise(n) erhoben wurde.

Auf die Fragwürdigkeit solcher – zumindest pauschaler – Vergleiche hatte Manfred Kittel in den vergangenen Jahren wiederholt in Artikeln, Vorträgen und Interviews hingewiesen. Auch in dieser Hinsicht kommt dem umfangreichen Werk, welches in der Schriftenreihe der „Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien“ erschienen ist, eine gewisse Brisanz zu. Dabei handelt es sich ganz dezidiert nicht um einen tagesaktuellen Debattenbeitrag, sondern um eine wissenschaftliche Analyse, der die in sie investierte Akribie auch nach Drucklegung noch abzuspüren ist.

Zu den Details und Nuancen, die Kittel zum Lastenausgleich sowie dem um ihn geführten politischen Diskurs herausarbeitet, gehört vor allem das bisher in der breiten Öffentlichkeit kaum thematisierte Schicksal des ostdeutschen Mittelstandes: der Landwirte und Betriebseigentümer aus den Ostgebieten, die am Gesamtvolumen des Lastenausgleichs in vergleichsweise nur geringem Umfang Anteil erhielten und daher einen sozialen Abstieg erlebten. Diese Entwicklung sowie die hieraus resultierenden politischen Diskussionen in den ersten drei Jahrzehnten der Bundesrepublik zeichnet Kittel auf der Grundlage jahrelanger Archivrecherchen nach. Damit verhilft er auf exemplarische Weise zu einer differenzierten Sicht auf die jüngere deutsche Sozialgeschichte.

  • Ludwig Erhard: Wohlstand für alle. Ullstein, Berlin 2020. 400 Seiten, ISBN 9-78343021-039-3, EUR 20,–
  • Manfred Kittel: Stiefkinder des Wirtschaftswunders? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs (1952 bis 1975). Droste, Düsseldorf 2020, 672 Seiten, ISBN 978-3-7700-5349-0, EUR 68,–

Erschienen am 12. August 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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