Am Rand eines Abgrunds entlang

Zeitgenössische Kunst greift immer wieder Sinnfragen auf, wie sie auch für Religion und Theologie von zentraler Bedeutung sind. Daher lohnt es sich, aus christlicher Perspektive auf Spurensuche zu gehen: Die israelische Künstlerin Nira Pereg spürt der Spannung religiöser Orte nach

Von Tilman Asmus Fischer

In wohl kaum einem Land ist Religion derart omnipräsent wie in Israel und Palästina. Und so tut es nicht Wunder, dass die Prägekraft des Religiösen – in positiver wie teils höchst problematischer Weise – immer wieder auch von israelischen und palästinensischen Künstlern in ihren Werken thematisiert wird. Dies gilt in besonderer Weise für die 1969 in Tel Aviv geborene Videokünstlerin Nira Pereg, deren Installationen weltweit – und immer wieder auch in Berlin sowie anderen deutschen Städten – gezeigt wurden und nach der Pandemie hoffentlich auch wieder gezeigt werden.

Gemeinsamkeiten in Hebron

Wie die Künstlerin, die in New York und Jerusalem studierte und seitdem auch selbst an unterschiedlichen internationalen Hochschulen lehrt, der Präsenz und den Formen des Religiösen nachgeht, verdeutlicht in besonderer Weise ihre Videoinstallation „Abraham Abraham Sarah Sarah“ aus dem Jahr 2012. Sie ist der von Juden und Muslimen gemeinsam genutzten Kultstätte in Hebron gewidmet. Dort befindet sich die Grabhöhle der Erzeltern Sarah und Abraham, Rebekka und Isaak sowie Lea und Jakob.

Nira Pereg 2014 (Foto: N. Pereg)

Zwei spiegelbildlich angelegte Videos dokumentieren den Moment, wenn zu einem der Hochfeste von Judentum beziehungsweise Islam je die eine Religionsgemeinschaft den gesamten Gebäudekomplex räumt, um ihn der anderen zu überlassen, und diese ihn wiederum ihren Bedürfnissen entsprechend einrichtet: Es werden Transparente ab- beziehungsweise aufgehängt, Regale aus- oder eingeräumt und Teppiche geschleppt.

Klarsichtig und ohne politische Vereinnahmung

Den Kulturbeauftragten des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen inspirierte Peregs Videoinstallation dazu, die Grabhöhle der Patriarchen in Hebron unter „Die seltsamsten Orte der Religionen“ zu zählen, denen er im vergangenen Jahr ein Buch widmete. Die beiden Filme zeigen, so Claussen, „aus einer künstlerischen Perspektive einen seltsamen Ritus an einem religiös extrem aufgeladenen Ort“. Dabei beweist die Künstlerin großes Feingefühl, wenn sie die Spannung des Raumes einfängt, ohne die religiösen oder politischen Akteure plakativ zur Schau zu stellen – oder sich gar von einer der ihnen verbundenen Konflikt -parteien vereinnahmen zu lassen.

„Nira Pereg“, so Claussen, „hat in ihren Kurzfilmen die politischen und militärischen Zusammenhänge nicht direkt abgebildet. Auch lässt sie in ihren Filmen das eigentlich Religiöse außen vor. Sie zeigt nur die Vorbereitungen zu den jeweiligen Festen, nicht die Gottesdienste, Gebete, Lesungen und Ansprachen.“ Es sei, als ob sie „mit ihrer Kamera und ihrem Mikrofon genau am Rand eines Abgrunds entlanggehe“. Der zunächst einmal distanzierte Blick Peregs auf den Gegenstand ihrer Kunstwerke ist jedoch nicht teilnahmslos oder unpolitisch. Vielmehr seziert sie in klarsichtiger Weise gesellschaftliche Konfliktlinien und lädt zum Nachdenken über diese ein.

Utopisches Potenzial

Die gezielte künstlerische Entfremdung von Alltag und religiösen wie kulturellen Gewohnheiten ist charakteristisch für das Werk von Pereg, die hiermit Normalität und Konventionen hinterfragt und neue Perspektiven eröffnet. So gelingt es ihr in „Abraham Abraham Sarah Sarah“, mit künstlerischen Mitteln sichtbar zu machen, was den Akteuren selbst – gefangen in der jeweiligen Binnenperspektive – wahrscheinlich verschlossen bleibt: dass hier im spannungsreichen Miteinander zweier Religionen etwas Drittes entsteht.

Was Pereg mittels Videoschnitt erzeugt, beschreibt Claussen als „Bild eines neuartigen Rituals“: „Dieses Ritual des Räumens verbindet zwei Religionen, die zwar verfeindet, einander aber auch ähnlich sind. Sie mögen durch Kleidungsgebote unterschieden sein, aber ihre Ausrichtung auf diesen heiligen Ort und darauf, was hier zu tun ist, rückt sie einander sehr nahe.“ Der EKD-Kulturbeauftragte vermag hier sogar ein utopisches Potenzial in Peregs Filmen zu erkennen: „Religionen können sich zumindest einen Kellerraum teilen. Oder wäre das zu harmonisch gedacht?“

Weitere Informationen zu den Arbeiten von Nira Pereg sowie die beiden Kurzfilme „Abraham Abraham, Sarah Sarah“ sind auf der Internetseite der Künstlerin zu finden: www.nirapereg.net

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 22/2021.

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