Auf dem Weg zum „Homo Deus“?

Der Mensch zwischen Vergöttlichung und Abdankung

Entwicklungen der Neurowissenschaft und Digitalisierung stellen das humanistische Menschenbild zunehmend in Frage. Trans- und Posthumanisten träumen sogar von einer Überwindung des Menschen, wie wir ihn kennen. Thomas Fuchs, Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, hat mit seinem unlängst erschienenen Buch eine „Verteidigung des Menschen“ unternommen.

Mit Tilman Asmus Fischer sprach er über die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen sowie über die Frage, ob die Zukunft einer neuen Spezies, dem „Homo Deus“, gehört.

Herr Fuchs, Ihr Buch trägt den Titel „Verteidigung des Menschen“. Welchem Angriff sehen Sie den Menschen ausgesetzt und welchen konkreten Bedrohungen wollen Sie begegnen?

Es geht in erster Linie um ein Menschenbild, welches unser bisheriges Verständnis von uns selbst in Frage stellt. Mit Yuval Noah Harari kann man auf einen seiner prominentesten Vertreter hinweisen, dessen Buch „Homo Deus“ als ein düsteres Zukunftsszenario bekannt geworden ist. Harari argumentiert darin, dass der wissenschaftlich-technologische Fortschritt und unsere zunehmende Kenntnis der Organismus- und Gehirnfunktionen das liberale und humanistische Menschenbild obsolet machen. Wir müssten uns letztlich als biologische Algorithmen verstehen, die sich aufgrund von Hirnprozessen lediglich einbilden, selbstbestimmte, freie Wesen zu sein. Dieses Bild des Menschen, wie es gegenwärtig in der Biologie und Neurowissenschaft dominant geworden ist, steht im Einklang mit dem technologischen Fortschritt durch Digitalisierung und „Künstliche Intelligenz“. Auch diese legen nahe, dass menschliches Bewusstsein letztlich simulierbar, in digitalen Prozessen darstellbar ist. Bio-, Neurowissenschaften und technologische Entwicklungen laufen also gemeinsam darauf hinaus, dass wir am Ende nur schlechtere algorithmische Maschinen sind.

Welche Konsequenzen zieht dieses neuroreduktionistische, also den Menschen auf seine Gehirnfunktionen reduzierende Menschenbild nach sich?

Die Annahme von Harari ist ja, dass wir uns nach und nach den Algorithmen, Datenanalysen und Prognosen der „Künstlichen Intelligenz“ und der Big-Data-Systeme überlassen werden, weil sie ohnehin viel besser über uns und unsere Zukunft Bescheid wissen als unsere beschränkte menschliche Selbstwahrnehmung. Und das halte ich insgesamt doch für eine gefährliche Entwicklung, die uns gewissermaßen unter unsere Maschinen stellt und diese wiederum anthropomorph versteht. Wir geraten damit zunehmend in die Gefahr, unsere Entscheidungen – bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen und politischen Strategien – an Systeme Künstlicher Intelligenz zu delegieren, sie also aus den Händen zu geben. Das bedroht natürlich auch die liberale Demokratie, die auf der Annahme des selbstbestimmten, seine Entscheidungen verantwortenden Individuums beruht.

Aber wird der Mensch, wie wir ihn kennen und verstehen, nicht noch viel grundsätzlicher in Frage gestellt?

Nehmen wir den Begriff „Homo Deus“ von Harari, so stellen wir darin eine interessante Ambivalenz fest: „Homo Deus“ ist einerseits der Mensch, der zum ersten Mal als wirklicher Schöpfer von Intelligenz, Geist, vielleicht sogar künstlichem Leben auftreten, sich also an die Stelle Gottes setzen will. Andererseits ist damit eine Abdankung verbunden, da der leibliche, irdische, sterbliche Mensch letztlich kläglich hinter seinen eigenen – technischen – Geschöpfen zurückbleibt. Der Posthumanismus ist dann eine logische Fortführung dieser Ambivalenz: Wenn der Mensch soweit kommt, zum Schöpfer zu werden, dann ist er eigentlich schon über sich hinausgeschritten und muss einer überlegenen, posthumanen Spezies Platz machen. Darin stecken sowohl Misanthropie als auch „New Age“-Optimismus: Ein neuer, optimierter Mensch soll an die Stelle des mangelhaften alten treten.

Was sagt uns eine solche Vision über das Verhältnis zum körperlichen Geschaffensein des Menschen?

Die deterministische Sicht des Menschen passt zur Deutung des menschlichen Körpers als eines Apparates, der beliebig getunt werden kann. So geht der Transhumanismus davon aus, dass wir unsere Natur ganz neugestalten oder uns vor ihr sogar verabschieden können, da sie ja nur zufällig so geworden ist, wie die blinde Evolution sie entwickelt hat. Was in diesem Menschenbild fehlt, ist vor allem die Leiblichkeit und Lebendigkeit, also die Tatsache, dass wir nicht reine Geister, aber auch nicht reine Mechanismen sind, sondern Lebewesen, lebendige Wesen mit einem verkörperten Geist.

Kommt der Transhumanismus also, obschon der Homo zum Deus wird, scheinbar ohne Transzendenz aus?

Ja, das Leben, das wir haben, wird hier in keiner Weise mehr als eingebettet verstanden in einen Zusammenhang – der Tradition, der übergeordneten Kultur, der Generationen oder gar in einen religiösen, also transzendenten Zusammenhang. Sondern dieses Leben wird verstanden als radikal diesseitig, als radikal säkular, und dann ist die Sterblichkeit, Begrenztheit und Abhängigkeit dieses Lebens von einem physischen Körper natürlich ein Skandal, etwas Unerträgliches, was weder akzeptiert werden kann noch muss: Dieser Körper ist ohnehin nicht etwas Lebendiges, Selbstseiendes, sondern ein materieller Mechanismus, und den können wir nach Belieben neu gestalten und rekonstruieren.

Wiederholt haben Sie nun auf die Dimension der Leiblichkeit des Menschen hingewiesen. Was hat es mit diesem Konzept auf sich, das Sie in Ihrem Buch dem reduktionistischen Menschenbild sowie trans- und posthumanistischen Utopien entgegenstellen?

Ich möchte drei Aspekte einer Phänomenologie der Leiblichkeit hervorheben: Wir sind als erlebende Wesen zunächst einmal immer über unseren Leib in der Welt. Erst über das Medium des Körpers bewohne ich die Welt, und es ist das ganze meines Organismus – und nicht nur das Gehirn – das mich ausmacht. Sodann sind wir uns erst über unsere Leiblichkeit einander gegenwärtig. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die sich nicht zwischen Gehirnen, sondern im zwischenleiblichen Kontakt abspielt. Und zuletzt konstituieren wir als leibliche Wesen gemeinsam Realität. Am Ende hängt die gemeinsame Wirklichkeit nicht von digitaler Kommunikation, sondern davon ab, dass wir gemeinsam Gegenstände betrachten, sie einander geben und einander berühren können.

Besteht für den so verstandenen Menschen als leibliches Geschöpf noch eine Perspektive – oder gehört die Zukunft dem „Homo Deus“?

Die Abschaffung des Menschen durch sich selbst halte ich für eine Negativ-Utopie, der keine Zukunft beschieden sein wird. Der Grund ist vor allem der, dass wir letztlich immer in unserer Leiblichkeit verankert bleiben: Es sind die Prozesse des Spürens, des Fühlens, des Triebes, der Lust, die uns immer wieder auf unsere Leiblichkeit zurückverweisen. Und auch die Beziehung zum anderen, die Berührung und den Kontakt, werden wir auf Dauer nicht vermissen können.

Können Sie also am Ende doch Entwarnung geben?

Die Vorstellung, das Bewusstsein ohne Lebendigkeit aus dem Körper zu destillieren oder gar durch „Künstliche Intelligenz“ schaffen zu können, halte ich aus naturphilosophischen und biologischen Gründen für absurd. Eine reale Gefahr ist jedoch, dass wir unsere Freiheit und Selbstverantwortung zugunsten „intelligenter“ Systeme schrittweise preisgeben. Wir werden uns nicht abschaffen und auch nicht abschaffen können zugunsten einer anderen Spezies – aber es droht eine Selbstentmündigung des Menschen, der wir Einhalt gebieten müssen.

Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 331 Seiten, 22 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 14/2021.

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