Freiheit

Von Tilman Asmus Fischer

Immer wieder rekurriert das Grundgesetz auf die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ der Bundesrepublik. Begrifflich und inhaltlich verpflichtet sie den deutschen Staat nicht nur auf das Demokratieprinzip, sondern qualifiziert ihr Demokratieverständnis dahingehend näher, dass es am Prinzip der Freiheit orientiert ist. Dies spiegelt sich auch im Text des Grundgesetzes: Wird die Demokratie als eines der fünf Staatstrukturprinzipien – Demokratie-, Rechtsstaats-, Republik-, Bundesstaats- und Sozialstaatsprinzip – erst ab Artikel 20 expliziert, geben die zuvor entfalteten Grundrechte – und darin besonders die Freiheitsrechte – den Cantus firmus für die Staatstruktur vor.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Nachdem Art. 1 die grundsätzliche Unantastbarkeit der Menschenwürde verankert hat, wird mit Art. 2 das Prinzip der Freiheit als allgemeine Handlungsfreiheit eingeführt, um in den folgenden Artikeln konkretisiert zu werden: als Gewissens- und Religionsfreiheit (Art. 4) ebenso wie beispielsweise als Koalitions- (Art. 9) oder Eigentumsfreiheit (Art. 14). Dabei lohnt der grundlegende Art. 2 durchaus einer näheren Betrachtung. In beiden Absätzen wird die persönliche Freiheit des Menschen akzentuiert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit…“ – „Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ Tiefe gewinnt der Begriff dieser Freiheit durch die Aussagen, welche von diesen beiden Zusagen eingeklammert werden – im Sinne einer Näherbestimmung und Begrenzung:

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“: Die Verbindung von Freiheit und körperlicher Unversehrtheit ist gerade aus heutiger Perspektive bemerkenswert. Denn dieser Verknüpfung liegt die Einsicht zugrunde, dass es sich beim Menschen, um ein leibliches Wesen handelt, dessen leibliche Integrität – die Geist und Körper einschließt – Voraussetzung dafür ist, seine Freiheit leben zu können. Dies ist eine Tatsache, die angesichts des gegenwärtigen Trends, die Person auf ein Vernunftwesen – letztlich ein funktionsfähiges Gehirn, welches sich eines (im Zweifelsfall zu optimierenden) Körpers bedient – zu reduzieren, nicht deutlich genug betont werden kann. Den Vätern und Müttern des Grundgesetzes stand – angesichts einer Diktatur, die sich in unzähliger Weise an der körperlichen Unversehrtheit ihrer Opfer und Gegner verging – diese conditio humana noch eindeutiger vor Augen.

Zugleich wird der Bürger daran erinnert, dass die Entfaltung seiner Persönlichkeit nur so weit reicht, dass „er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“: Die persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung erreichen Grenzen in den Rechten – und eben auch in der Freiheit – der Mitmenschen. Aus Perspektive christlicher Ethik muss der Andere jedoch nicht nur als Schranke der eigenen Freiheit verstanden werden. Vielmehr kann Freiheit – im Sinne der Idee „kommunikativer Freiheit“, wie Wolfgang Huber sie entwickelt hat – von der Beziehung zum Anderen her gedacht werden. Ein solche Perspektive qualifiziert den Anderen dann nicht mehr nur von seinem limitierenden Charakter für meine eigene Freiheit her, sondern zugleich als Person, der gegenüber ich meine Freiheit in Verantwortung wahrnehme:

„Der Ausgangspunkt dabei ist, dass ich diese Freiheit zunächst mal als etwas mir Anvertrautes ansehe, also etwas, womit ich nicht beliebig umgehen kann. Also, es ist nicht ein Begriff von Freiheit als Beliebigkeit, sondern von Freiheit als einer mir anvertrauten Handlungs- und Lebensmöglichkeit. Und die kommt zu ihrer Erfüllung, wenn ich sie dazu einsetze, dass auch andere in Freiheit leben können. Insofern ist die Rücksichtnahme auf die Freiheit anderer nicht eine Einschränkung meiner Freiheit, sondern Ausdruck meiner Freiheit, weil meine eigene Freiheit reicher, vielfältiger dadurch wird, dass ich sehe, dass die Freiheit anderer dadurch gefördert wird, dass ich selbst mit meiner Freiheit verantwortlich umgehe.“ (Wolfgang Huber, Von der Freiheit. Perspektiven für eine solidarische Welt, C. H. Beck, München 2012.)

Erschienen in: Himmel & Erde. Gemeindezeitung für den Wilmersdorfer Süden, S. 7. (Der Beitrag erschien als Teil einer Reihe zu den Grundrechten des Grundgesetzes.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s