Amerikas Christen am Scheideweg

Philip Gorski liefert eine sachliche Analyse zum Verhältnis der US-Evangelikalen zur Demokratie

Von Tilman Asmus Fischer

Mit den nahenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten erreicht die mediale Aufmerksamkeit, die dem schillernden Mann im Weißen Haus auch hierzulande gewidmet wird, einen neuen Höhepunkt. Dabei reiben sich europäische Beobachter oft verwundert die Augen über den Rückhalt, welchen der mehrfach geschiedene Casinobetreiber gerade unter konservativen – vor allem evangelikalen – Christen genießt. Hiermit einher gehen prinzipielle Fragen nach dem Verhältnis zwischen Christentum und Demokratie.

Demjenigen, der weniger an vorschnellen Urteilen über „die“ Evangelikalen und vielmehr an einer differenzierten wie gut informierten Analyse interessiert ist, sei das neueste Buch des Soziologen Philip Gorski von der Yale University empfohlen, welches heuer sowohl auf Amerikanisch als auch – mit einem Vorwort des renommierten Religionssoziologen Hans Joas versehen – in einer deutschsprachigen Ausgabe erschienen ist. Beschlossen wird es von einem Nachwort des Autors, in welchem dieser seine Analyseergebnisse mit Blick auf autoritaristische Tendenzen in der Corona-Krise zuspitzt.

Der erste Teil des Buches fokussiert sich hingegen nicht auf die Tagespolitik, sondern fragt auf einer grundsätzlichen Ebene nach den Wahlverwandtschaften zwischen dem westlichen Christentum und der Demokratie – und dies in zwei Richtungen: zum einen hinsichtlich des Beitrages des Christentums zu theoretischen Begründungen der Demokratie, zum anderen hinsichtlich des Beitrags (proto)demokratischer Ideen und Konzepte zur Entwicklung von alttestamentlichem Judentum und Christentum.

Wenn Gorski, ausgehend von der ersten Fragerichtung, zu der Feststellung gelangt, „dass die Demokratie durchaus auch ohne das Christentum funktionieren kann“, jedoch weniger eindeutig sei, „ob sie schlechthin ohne Religion auskommt“, darf man sich durchaus an das Diktum des katholischen Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde erinnert fühlen, nach dem der „freiheitliche, säkularisierte Staat“ von Vor-aussetzungen lebt, „die er selbst nicht garantieren kann“. Im Blick auf die demokratische oder eben autoritaristische Prägung von Formen des Christentums entwickelt Gorski verschiedene Kriterien, mittels derer sich die jeweiligen Wahlverwandtschaften plausibel erklären lassen.

Auf dieser religions- und theoriegeschichtlichen Grundlage wendet sich Gorski im zweiten Teil seines Buches dem wechselnden Verhältnis von „Christentum und Demokratie in der amerikanischen Geschichte“ zu.

Im dritten Kapitel zeichnet der Autor die doppelte Wandlung des amerikanischen Christentums nach: einerseits von demokratischen Organisationsformen hin zur Bildung von Mega-Churches, die weniger unter demokratischen als unter ökonomischen Vorzeichen in Anlehnung an Konzernstrukturen geführt werden; andererseits die Entwicklung und Etablierung des „dispensationalistischen, prätribulationalistischen Prämillenarismus“ (DPP), also der unter Evangelikalen gängigen Interpretation der biblischen Prophetie, welche zu einer apokalyptischen Interpretation der eigenen gesellschaftlichen und politischen Gegenwart führt.

Diese gewinnt zentrale Bedeutung, nachdem Gorski im vierten Kapitel den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts nachgegangen ist, die zu einer zunehmenden Anbindung der Evangelikalen an die Republikanische Partei führten. Denn mit dem fünften Kapitel gelangt der Autor zur eigentlichen Pointe seines Buches. Hier zeigt er, dass das entscheidende Bindeglied zwischen dominanten Strömungen der Evangelikalen – nicht jedoch ihrer Gesamtheit – und Trumpismus in dem von Andrew Whitehead und Samuel Perry herausgearbeiteten Phänomen eines „weißen christlichen Nationalismus“ (WCN) zu sehen ist, also der Überzeugung, „dass Amerika von weißen Christen und für sie aufgebaut wurde und dass man, wenn man kein weißer Christ ist, auch kein ,waschechter‘ Amerikaner sei“.

Dabei vermag die kollektivpsychologische „Tiefengeschichte“ des WCN, welcher die Brücke zwischen Evangelikalismus und Rassismus schlägt, nicht nur Entwicklungen in der evangelikalen Szene erklären. Vielmehr dürfte der Leser in diesem (im Sinne des DDP) apokalyptischen Narrativ auch eine Erklärung für die Popularität eines orthodoxen Kulturkämpfers wie Rod Dreher – sowohl in den USA wie unter vereinzelten konservativen Katholiken diesseits des Atlantiks – erkennen.

Amerika, so referiert Gorski die Erzählung des WCN, sei von „traditionelle[n] Christen“ als eine „christliche Nation“ gegründet und daher von Gott „so lange so großzügig gesegnet“ worden: „Doch nun löst sich Amerika von seinem christlichen Erbe und gehorcht nicht mehr den Gesetzen Gottes. Der Verlust wirtschaftlicher und politischer Macht beweist, dass Gott die Nation nicht mehr schützt. Die einzige Möglichkeit, das Blatt zu wenden… ist die Rückeroberung des Landes durch die Christen – oder zumindest der entschlossene Widerstand gegen ihre Feinde: die Liberalen, Säkularisten und Humanisten, die jetzt die Oberhand haben.“

Die politische – wie religiöse – Spaltung der USA ist tief greifend. Hieran lässt Gorski keinen Zweifel. Ihre Überwindung – dies markiert er am Ende seines Buches – ist nicht nur eine Herausforderung für die Evangelikalen, innerhalb derer er – abhold jeder Pauschalisierung – immer wieder auch nicht zu unterschätzende Gegenbewegungen zu den von ihm problematisierten Entwicklungen herausarbeitet. Es handelt sich vielmehr um eine Aufgabe von gesamtgesellschaftlicher Natur.

Ob sie gelingt wird auch von den „säkularen Progressiven“ abhängen, an die sich bedenkenswerte abschließende Anfragen wenden: „Werden sie Menschen des Glaubens, die keine farbigen Menschen sind, genauso respektvoll behandeln wie farbige Menschen, die gläubig sind? Werden sie bereit sein, etwas an Boden abzugeben und Sozialkonservativen im Niemandsland zwischen den Schützengräben der Kulturkämpfe zu begegnen? Oder werden auch sie sich für einen Krieg auf Leben und Tod entscheiden, der nur zu einem Zermürbungskrieg werden kann?“

Philip Gorski: Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Philip Gorski und Hella Heydorn; mit einem Vorwort von Hans Joas. Verlag Herder 2020, gebunden, 224 Seiten, ISBN: 978-3-451-38890-3, EUR 24,–

Erschienen am 15. Oktober 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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