Kein Gewinnerthema

2014 berief die Evangelische Kirche in Deutschland mit Sigurd Rink erstmals einen hauptamtlichen Bischof für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr. Zuvor war diese Funktion nebenamtlich von einem leitenden Geistlichen einer EKD-Gliedkirche wahrgenommen worden. Immer wieder hat sich Sigurd Rink in den zurückliegenden Jahren öffentlich in Diskussionen um grundsätzliche Fragen der Friedensethik sowie zur Situation der Bundeswehrsoldaten eingebracht. „Können Kriege gerecht sein?“ ist eine der Fragen, die ihn umtreiben und der er vergangenes Jahr sogar ein eigenes Buch widmete. In diesen Wochen übernimmt Rink nun neue Aufgaben im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung. Am letzten Tag seiner Amtszeit als Militärbischof blickte er im Gespräch mit Tilman Asmus Fischer auf die zurückliegenden Entwicklungen und gegenwärtigen Herausforderungen sowohl in der Bundeswehr als auch in der kirchlichen Friedensethik. Anlass hierzu gaben zuletzt die Skandale um das Kommando Spezialkräfte (KSK). Dabei spricht der promovierte Kirchenhistoriker auch über persönliche Erfahrungen und Einsichten der letzten Jahre.

Bischof Rink, kurz vor Ende Ihrer Amtszeit haben Sie sich in der „ZEIT“ angesichts der Vorfälle im KSK in Calw und anderen Standorten für die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht starkgemacht. Also: Vorwärts in die Vergangenheit der Wehrpflicht?

Ich bin natürlich kein Verfechter einer Wiederaufnahme der alten Wehrpflicht. Aber ich unterstütze die Vorstöße der Verteidigungsministerin: Man braucht gerade angesichts der Fliehkräfte in unserer Gesellschaft integrierende Momente, wo junge Menschen im prägenden Alter um den Schulabschluss über Grenzen von Milieuzugehörigkeit und formalen Bildungsabschlüssen hinaus gemeinsame Erfahrungen machen. Das würde unserer Gesellschaft guttun. Und das erhält vor dem Hintergrund von Calw ja gerade noch einmal eine besondere Bedeutung. Daher denkt die Ministerin jetzt zunächst einmal an einen neuen Freiwilligendienst in der Bundeswehr.

Das klingt nach einer Rückbesinnung, auf die Gedanken der „Inneren Führung“, die Sie in den vergangenen Jahren immer wieder als das „Geschwisterkind der Militärseelsorge“, die das Gewissen der Soldaten schärft, bezeichnet haben…

Militärbischof Dr. Sigurd Rink
(Foto: Dr. Roger Töpelmann)

Die Grundidee der Bundeswehr in den 1950er Jahren war ja gerade, genau das Gegenteil zum „Staat im Staate“ in der Weimarer Reichswehr bzw. zur Wehrmacht des Dritten Reichs – nämlich der selbstverantwortliche, mündige, seinem Gewissen verpflichtete Staatsbürger in Uniform. Als die Wehrgerechtigkeit noch funktionierte, fanden sich unter den Rekruten ein gerütteltes Maß des jeweiligen Jahrganges – aus unterschiedlichen sozialen Milieus – wieder. Hieraus konnten dann auch für die Bundeswehr die besten Kräfte rekrutiert werden, indem sich die militärischen Vorgesetzten über eine längere Zeit ein Bild von den Wehrdienstleistenden machten.

Wie nehmen Sie die Rekrutierung der Truppe heute wahr?

Die alte Form der Rekrutierung funktionierte ohne „Karrierecenter“, wie sie heute von der Bundeswehr betrieben werden. Das ist ja bereits ein fragwürdiger Begriff – als wäre das eigentliche Ziel des Soldatenberufs das Karrieremachen. Das verdrängt tendenziell die idealistische Selbstverpflichtung, die früher für den Staatsbürger in Uniform entscheidend war.

Neben den strukturellen Problemen der Bundeswehr haben Sie sich als oberster evangelischer Militärseelsorger immer wieder auch zu den psychischen Belastungen der Bundeswehrangehörigen geäußert. Was waren hier Ihre zentralen Einsichten?

Das Problemfeld moralischer Integrität und moralischer Verletzungen ist mit vielen Führungsaufgaben verbunden – ob in Politik oder Wirtschaft. Aber es zeigt sich im Kontext von Bundeswehr und Streitkräften in einer ganz anderen Drastik. Hier sind Menschen nicht selten an der Schwelle dazu, an den – man muss es so nennen – beruflichen Herausforderungen in ihrer menschlichen und moralischen Integrität zu zerbrechen und dann an schwersten Folgen wie einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden.

Welche ethischen und politischen Konsequenzen sind hieraus zu ziehen?

Es war für mich ein enormer theologischer und geistiger Wachstumsprozess, zu erkennen: Es kann sein, dass wir als demokratischer Rechtsstaat Menschen in Situationen hineinschicken – von uns als Wählerinnen und Wähler mandatiert –, die zur Folge haben, dass diese Menschen enorme seelische Verwundungen auf sich nehmen und im schlimmsten Fall sogar daran zerbrechen. Medizinisch sind die Einsatzfolgen massivst – bis hin zur Kommunikationsunfähigkeit und dergleichen mehr. Davon macht sich unsereins kein Bild. Und ich frage mich manchmal: Wollen Bürgerinnen und Bürger es vielleicht gar nicht so genau wissen?

… Und ist hier nicht insbesondere auch die kirchliche Friedensethik gefragt?

Eben genau hier nicht die Augen zu verschließen, sondern hinzugucken, ist Teil einer christlichen – und zugespitzt gesagt, einer protestantischen – Ethik. Und es nervt mich – nein, das ist zu schwach gesagt: es macht mich wütend, dass wir bei scheinbaren politischen Gewinnerthemen, wie Medizinethik, total arriviert sind; da haben wir so und so viele Lehrstühle, Forschungsprojekte, Ethikkomitees – und das ist ja auch alles super. Aber bei dem, was wir in der theologischen Ethik „rechtserhaltende Gewalt“ nennen – Polizeikräfte, Militärkräfte –, werden oft die Augen zugemacht. Da haben wir 180.000 Soldaten, die von der Schießausbildung am Anfang bis zu den Spezialkräften unterschiedlichste Aufgaben wahrnehmen – und damit eine ethische Herausforderung an der nächsten. Hier braucht es eine eigenständige profilierte Militärethik. Jedoch fehlen Ethikkomitees.

Warum?

Es handelt sich hierbei nicht um Gewinnerthemen. Wer sich damit auseinandersetzt, gilt in der Theologie nichts. Welcher Bischof würde sich denn sagen: Die Fragen der Militärethik sind – zum Beispiel angesichts der Vorgänge im Kommando Spezialkräfte – ein ganz wichtiges Thema, das wir jetzt intensiv beackern müssen. Mit einer solchen Aussage, würde man sofort in eine Ecke gestellt: „Was hat der denn mit den Streitkräften zu tun?“

Das ist eine durchaus kritische Bilanz nach sechs Jahren Amtszeit für einen Militärbischof, der sich immer auch in friedensethische Debatten eingebracht hat. Was bedeutet dies für die Herausforderungen, denen sich Ihr Nachfolger wird stellen müssen?

Ich will hier keine Ratschläge hinterlassen. Meine Bilanz meiner Amtszeit ist aber keineswegs nur kritisch. Alle Beteiligten in den Gremien der EKD und im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr haben viel erreicht: Eine vorbildliche Unterstützung von Soldaten mit Einsatzfolgen und ihren Familien, die Aufarbeitung von Friedensfragen. Meine zahlreichen Besuche an Standorten und in Auslandseinsätzen zählen dazu. Wir sind nahe dran an den Soldatinnen und Soldaten. Die Wertschätzung der Militärseelsorge in den Streitkräften ist erfreulich hoch.

Erschienen in: „die Kirche” – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 30/2020.

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