Ausschließlich gute Erfahrungen mit Partnern in Polen

Seit 2016 setzt sich die Mamlock Foundation für die Bewahrung des jüdischen Kulturerbes am Unterlauf der Weichsel ein

Im Interview spricht Michael Mamlock, Berliner Unternehmensberater und Nachfahre einer jüdischen Familie aus dem Kreis Marienwerder/Wpr., über die Arbeit der von ihm gegründeten Stiftung im Spannungsfeld der Tagespolitik in Deutschland und Polen – sowie über die Bedeutung des jüdischen Erbes für die eigene Familiengeschichte und die historische Kulturlandschaft Westpreußen.

Zusammen mit Johanna M. Neumann haben Sie vor einigen Jahren die Mamlock Foundation in Berlin gegründet. Was hat Sie damals zu dieser Entscheidung bewegt, und welche Ziele verfolgt die Stiftung heute?

Ich habe mich zeitlebens aufgrund meiner Familiengeschichte mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Holocaust befasst. Dazu gehörte die Recherche nach Angehörigen mit Hilfe der professionellen Genealogie. Weiter erforderte dieses Engagement eine stete Aufmerksamkeit und Teilnahme an der aktuellen Tagespolitik, an Vorträgen und Veranstaltungen zu diesem Thema. Bei einer dieser Veranstaltungen lernte ich Frau Neumann vor ca. 20 Jahren kennen. Zu dieser Zeit arbeitete sie in einer Stiftung und war für den Bereich Fundraising und Pressearbeit sowie im Nachlass- und Erbschaftsbereich tätig. 2015 ereignete sich dann etwas Außergewöhnliches. In Garnsee, polnisch Gardeja, wurde der Grabstein meiner 1920 verstorbenen Urgroßmutter Rosa Mamlock gefunden. Da ich mit Frau Neumann über die Zeit immer einen guten Kontakt pflegte, beschlossen wir daraufhin, die Gründung der Gesellschaft im Sinne einer lebendigen Erinnerungsarbeit zu vollziehen. So entstand 2016 die Mamlock Foundation. Ziel ihrer Arbeit sind die Forschung nach den Ursachen dieser apokalyptischen Katastrophe Holocaust und daraus folgend das Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.
Die Mamlock Foundation befasst sich mit der Wiederherrichtung der ehemaligen jüdischen Kulturgüter in Polen. Diese Arbeit sehe ich heute aufgrund der schwierigen Geschichte speziell aus deutscher Sicht als unabdinglich an, zumal mit der Vernichtung des europäischen Judentums ein großer Teil europäischer Kultur und gemeinsamer Güter verlorengegangen ist. Primär geht es um die Rekonstruktion der ehemaligen jüdischen Friedhöfe in Verbindung mit der jeweiligen Recherche und Dokumentation der ehemaligen Mitglieder der Gemeinden. Des Weiteren werden noch bestehende Synagogengebäude durch bauhistorisch versierte Fachleute instandgesetzt und wissenschaftlich durch das Historikerteam der Mamlock Foundation begleitet. Die Synagogengebäude dienen als Raum für eine Dauerausstellung ehemaliger jüdischer Bewohner und für kulturelle Veranstaltungen der Stadt. Dabei ist es unser Ziel, für die Werte der Demokratie zu kämpfen und diese durch unser Handeln zu vermitteln.

Welche Bedeutung hat die Arbeit Ihrer Stiftung angesichts des immer wieder aufflackernden – und in den vergangenen Jahren wieder teils erstarkenden – Antisemitismus sowohl in Deutschland als auch Polen?

Unsere Arbeit hat diesbezüglich eine große Bedeutung und steht immer im öffentlichen Fokus. Man kann dieses Engagement gar nicht ohne die aktuelle Tagespolitik durchführen. Für dieses Engagement braucht man gute Geschichtskenntnisse, fundiertes Wissen über den Holocaust, gute Kenntnisse über das Land, in dem man arbeitet, um sich empathisch und respektvoll zu verhalten. Grundlage unserer Arbeit ist die Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust vom 28. Januar 2000, die viele Staaten unterzeichnet haben, und in dem Deutschland seit Anfang März 2020 den Vorsitz hat. Es ist für uns wichtig, die Projekte in diesem Sinne durchzuführen.

Ihre Familie ist, wie Sie bereits erwähnten, in besonderer Weise mit dem Ort Garnsee im früheren Kreis Marienwerder verbunden. Was ist heute noch – oder wieder – über das Leben Ihrer Familie sowie das jüdische Kulturerbe in diesem östlichen Landkreis des historischen Westpreußen bekannt?

Meine Familie ist in mehrfacher Hinsicht mit dem Ort Gardeja verbunden. Das ist der Tatsache geschuldet, dass die Familie dort von ca. 1874 bis 1938 lebte. 1938 wurden sie durch nationalsozialistisch eingestellte Bürger, deren Namen mir durch jahrelange Forschung bekannt sind, unter Gewaltandrohung dazu gezwungen, den Ort ihrer Geburt und ihres Lebens für immer zu verlassen. In Gesprächen im Rahmen unseres Projekts können sich manche Bürger aus Gardeja an viele historische Einzelheiten erinnern, die über die Generationen hinweg tradiert wurden. So ist die Familie Mamlock bis heute ein Begriff, weil sie jüdisch war und neben dem Rathaus ein Wohn- und Geschäftshaus mit einem gutgehenden Manufakturgeschäft besaß. Außerdem war weit herum bekannt, dass mein Urgroßvater, Hermann Mamlock, von 1919 bis zu seinem Tode 1929 Vorsitzender dieser und der umliegenden Gemeinden war. Weiter hörten wir von den Leuten, wie antisemitisch und ideologisch von Hass erfüllte Menschen den jüdischen Friedhof erst teilweise und 1967/68 vollständig zerstörten. Deshalb muss weiter geforscht werden.

Welche Erfolge konnte Ihre Stiftung im Rahmen ihrer wissenschaftlichen und konservatorischen Arbeit bereits erzielen, und was sind die Perspektiven Ihrer Projekte?

Nach Gründung der Mamlock Foundation wurde ein Finanzierungsplan aufgestellt, um Spenden einzuwerben. 2017 wurde ein Antrag zur Erstellung eines Memorials am authentischen Ort beim Auswärtigen Amt in Berlin gestellt. 2018 und 2019 konnte mit den bewilligten Mitteln ein Drittel der Kosten gedeckt werden.
In dieser Zeit entstanden eine enge Zusammenarbeit und ein vertrautes Verhältnis mit dem Bürgermeister von Gardeja. Das freut mich sehr, denkt man doch an die gemeinsame schwere Vergangenheit. Er hat mir anlässlich einer Gemeinderatssitzung einmal gesagt, ich sei seit 1945 der erste Besucher, der mit ernsten Absichten hier wieder etwas entstehen lasse, das an die deutsche Vergangenheit erinnert. Durch unsere Tätigkeit ist in der Region aber auch das Interesse an der jüdischen Vergangenheit und an den Schicksalen der ehemaligen jüdischen Bewohner wiedererstanden. Auch die Lehrer aus der Woiwodschaft wollen dieses Projekt nach Fertigstellung in den Geschichtsunterricht aufnehmen. Die Perspektive ist, dass wir bei ausreichend vorhandenen Geldmitteln Mitte 2021 mit der Einweihung des Memorials rechnen können.
Die Nachbarstadt Marienwerder (Kwidzyn), wo heute noch das Synagogengebäude für die ehemalige Region steht, ist ebenfalls an einer Aufarbeitung interessiert. Danach wird das jüdische Ensemble von Gardeja und Kwidzyn in die Denkmalsliste des polnischen Staates aufgenommen und für Touristen und Bürger zugänglich sein.

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind bereits seit längerem auf Regierungsebene unterkühlt. Umso wichtiger sind Austausch und Zusammenarbeit innerhalb der Zivilgesellschaft. Wie erleben Sie die Kooperation mit und zwischen ihren Partnern und Unterstützern in Deutschland und Polen?

Zunächst muss ich anmerken, dass es zwischen den beiden Ländern einen eklatanten Unterschied gibt. Ich habe mit den Partnern in Polen in den letzten drei Jahren ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Das drückt sich sowohl in der Zusammenarbeit, dem persönlichen Umgang und der Hilfsbereitschaft aus. Beispielsweise bekamen wir stets den Zugang zu Archiven oder benötigten Genehmigungen, auch kurzfristig. Bei vielen Gelegenheiten wurde ich gebeten, mich in Deutschland an die Presse zu wenden und der Öffentlichkeit zu kommunizieren, was in Polen auf kommunaler Ebene alles möglich sei. Doch über derartige Engagements gibt es bei uns leider kaum eine Berichterstattung. Wenn es sie dennoch gibt, ist sie meistens negativ oder mit unterschwelligen Vorurteilen gegenüber Polen versehen.
Die Erfahrungen in Deutschland waren leider eher negativ. Mit dem Auswärtigen Amt und der Abrechnungsstelle gestaltet sich die Zusammenarbeit sehr schwierig, der Apparat ist stark überverwaltet, hat komplizierte Vorgaben, die auch nicht mehr den heutigen Projektentwicklungsrhythmen entsprechen. Erschreckend ist überdies die Reaktion, wenn man den Mittelstand und die Behörden in Deutschland um Finanzierungshilfen bittet. Die innere Ablehnung gegen unser Nachbarland Polen ist überall spürbar; das ist keine gute Entwicklung für die Zukunft eines europäischen Miteinanders. Was mich am meisten hierbei erschüttert, ist die emotionale Gleichgültigkeit, die einem in Deutschland entgegenschlägt. Beim heutigen Stand gehen wir daher davon aus, dass wir die benötigten Gelder wohl über das Ausland bekommen. Dort hat man mehr Verständnis und schätzt unsere Arbeit anscheinend auch in höherem Maße.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Weitere Informationen zur Arbeitder Mamlock Foundation: http://www.mamlock-foundation.com
Spendenkonto der gemeinnützigen Stiftung bei der Pax Bank: DE84 3706 0193 6002 5750 17

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2020.

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