Digital warn wir schon längst

Der Soziologe Armin Nassehi sucht nach geregelter Gesellschaft

Digitalis – auf Deutsch: Fingerhut – erhält der alte Stechlin in Fontanes Alterswerk gegen sein Herzleiden verschrieben. „Diese Tropfen“, anerkennt er ihre Wirkung gegenüber seinem Arzt, „es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muss mir immer einen Ruck geben. Und dass sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten.“ Einen ähnlichen Stand wie das Digitalis bei seinem literarischen Patienten genießt die der Pflanze im Wortstamm verwandte Digitalisierung in der heutigen Gesellschaft: Man kann nicht ohne sie und begegnet ihr doch mit einem gewissen Schaudern. Warum wir tatsächlich nicht ohne sie können und wovor genau uns schaudert, zeigt der Soziologe Armin Nassehi in seinem neuen Buch, mit dem er eine „Theorie der digitalen Gesellschaft“ vorlegen will.

Leitend ist dabei die Perspektive, die Digitalisierung – anders als im aktuellen Diskurs üblich – nicht als Problem zu betrachten, sondern als Lösung für ein soziologisch zu identifizierendes Bezugsproblem, das er in der „Komplexität und vor allem der Regelmäßigkeit“ der modernen Gesellschaft selbst erkennt. Mehr noch gelingt es Nassehi, eine „ästhetische und operative Verwandtschaft, ja Gleichartigkeit der digitalen Formierung von Technik und der gesellschaftlichen Formierung von Funktionslogiken“ herauszuarbeiten.

Die scheinbare Überlegenheit künstlicher Intelligenz, der Verlust informationeller Selbstbestimmung et cetera – all das, was heute ein Schaudern gegenüber der Digitalisierung auslöst, erscheint nicht als etwas Fremdes, das eine fluide und individualisierte Gesellschaft bedroht. Vielmehr offenbaren „digitale Praktiken und Routinen“ für Nassehi in erster Linie die „merkwürdige Stabilität“ der Gesellschaft selbst, da die Praktiken und Routinen in Strategien der Rationalisierung und Selbstoptimierung ankern, die sich seit der Aufklärung entwickelt haben.

Auch wenn Nassehi bekundet, dass es ihm mit seinem Buch „nicht um einen weiteren Debattenbeitrag über die Störungen der Digitalisierung und die Praktiken, die die digitale Infrastruktur befördert“, gehe, sollte außer Frage stehen, dass seine Analysen und Thesen für diese Debatte einen Beitrag darstellen. Grundsätzlich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob Nassehis Ansatz eine Verharmlosung ethischer Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung befördert oder sogar voraussetzt.

Letztes könnte nur dann beanstandet werden, wollte man es Nassehi zum Vorwurf machen, dass er sich methodisch auf eine soziologische Untersuchung des Phänomens Digitalisierung beschränkt und Fragestellungen einer expliziten Medienethik keine eigenständigen Erörterungen widmet. Doch sind ihm diese Fragen, die künstliche Intelligenz, sogenannte „autonome“ Technik, Big Data und den Schutz der Privatheit betreffen, bewusst und er verweist wiederholt auf sie. Die entsprechenden Stellen können zumindest als Einladung an die Sozialethik verstanden werden, Nassehis Untersuchungen für die eigene Disziplin fruchtbar zu machen.

Wenn dies geschieht, dürfte in nur begrenztem Maße zu befürchten sein, dass Nassehis Vorgehen, die Digitalisierung aus der modernen Gesellschaft selbst heraus zu erklären, dazu verführen könnte, Digitaltechnik als „naturgegeben“ und alternativlos der Kritik zu entheben; ganz im Sinne von Christian Lindners Wahlkampfslogan „Digital first. Bedenken second“. Vielmehr ist, wer Nassehi ernst nimmt, mit ihm auf die eigentliche Radikalität des Digitalen verwiesen – „die Radikalität, die darin besteht, dass die Digitalität der Gesellschaft in ihrer eigenen Struktur und in ihrer Komplexität begründet liegt“.

Spätestens damit erweisen sich die mit der Digitaltechnik zusammenhängenden Herausforderungen als im Grunde unabweisbare Anfragen an die Sozialethik.

Tilman Asmus Fischer

Armin Nassehi, „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“, C. H. Beck, München 2019. 352 Seiten, 26 €

Erschienen in: Cicero – Magazin für politische Kultur 1/2020.

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