Qualifizierte Seelsorge für alle

Das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) arbeitet an Konzepten, eine muslimische ­Seelsorge in der Bundeswehr zu etablieren. Dies war bereits vor mehreren Jahren aus dem ­Umfeld islamischer Verbände gefordert worden. Auch wenn noch keine Entscheidung getroffen ist, berührt die Frage einer muslimischen Militärseelsorge das Selbstverständnis und die Grundlagen der ­Militärseelsorge in Deutschland. Daher äußert sich Militärbischof ­Sigurd Rink im ­Gespräch mit ­Tilman Asmus Fischer erstmals zu seinen Standpunkt in dieser Debatte.

Bischof Rink, mehrfach ist im Umfeld der „Deutschen Islam Konferenz“ die Idee einer muslimischen Militärseelsorge vorgetragen worden. Wie stehen Sie zu einem ­solchen Vorhaben?

Als christliche Seelsorge in der Bundeswehr stehen wir für positive Religionsfreiheit ein, die das Grundgesetz bietet. Daher stehen wir diesem Vorstoß prinzipiell positiv gegenüber. Denn die Zeiten der 1950er Jahre, aus denen der Militärseelsorgevertrag stammt, in denen weit über 90 Prozent der Soldaten zu einer der beiden großen Kirchen gehörten, ist vorbei – heute sind es zwischen 50 und 60 Prozent. Daher gibt es an dieser Stelle kein Monopol der Kirchen. Aufgrund dessen ist es eine Frage des Pluralismus, dass man aus diesen alten Strukturen herauskommt und Menschen anderer Religionszugehörigkeit in der Seelsorge berücksichtigt, wie es das Grund­gesetz vorsieht (Grundgesetz Artikel 140 in Verbindung mit Artikel 141 Weimarer Reichsverfassung).

Über welchen tatsächlichen ­Bedarf unter den Soldaten ­sprechen wir hierbei eigentlich?

Die Datenlage ist aufgrund des Datenschutzes unklar. Die Zahl der Soldaten muslimischer Herkunft dürfte bei 3000 bis 5000 liegen. Aber wirklich bekannt haben sich zu ihrem muslimischen Glauben in freiwilligen Erhebungen nur ungefähr 1500. Das sind bei knapp 180000 Soldaten in der Bundeswehr ein Prozent. Diese Gruppe verteilt sich jedoch auf etwa 200 Standorte. Seitens der evangelischen Militärseelsorge rechnen wir etwa mit einem Pfarrer für 1500 Soldaten. Man kann sich vorstellen, was dies im Falle einer muslimischen Seelsorge für die Praxis bedeuten würde.

Welche Voraussetzungen müssen Militärpfarrer in ebendieser Praxis als Seelsorger mitbringen?

Bei Militärpfarrerinnen und -pfarrern können Sie davon ausgehen, dass sie grundständig Theologie studiert haben. Damit verbunden ist natürlich die Qualifizierung in der Seelsorge noch mal ganz besonders ausgeprägt. Und das ist in unserem Bereich bitter nötig, denn wir befinden uns in den Streitkräften ja oft in absoluten moralischen und ethischen Grenzsituationen, wo es nicht reicht, nur mit offenem Ohr zuzuhören.

Wären entsprechende Standards dann auch bei islamischen Seelsorgern zu erwarten?

Im Bereich der islamischen Seelsorge kann bisher nicht zwingend ein grundständiges Studium vorausgesetzt werden. Hinzu kommt, dass Seelsorge nicht zur Kernkompetenz eines Imams gehört und daher nicht im Fokus seiner Ausbildung steht. Man darf an den Qualitätsansprüchen keine Abstriche machen, sondern muss fragen: Was brauchen Streitkräfte, damit dort eine qualifizierte Seelsorge stattfinden kann? Und dann wäre Sorge dafür zu tragen, dass die Menschen, die an dieser Stelle aus anderen Konfessionen oder Religionen kommen, ein ­entsprechendes Qualifikationsprofil mitbringen.

Wer käme überhaupt als Träger einer solchen Seelsorge in Frage? Immerhin besteht der Islam in Deutschland nicht als repräsentative Körperschaft des öffentlichen Rechts. Müsste daher eine muslimische Seelsorge – zumindest übergangsweise – in den Strukturen der Bundeswehr selbst ­angesiedelt werden?

Genau das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Es war eine unheimlich große Errungenschaft der 1950er Jahre, dass man gesagt hat: Wir wollen keine Kontinuität zur Wehrmacht, in der die Seelsorge Teil der Truppe war. Daher hielte ich es für ausgesprochen schwierig, muslimische Seelsorger hiervon ­abweichend in die Streitkräfte einzugliedern. Damit stünden die ­Seelsorger unmittelbar in der militärischen Befehlsordnung – und ganz wichtige Kriterien, die die Seelsorge auszeichnen, wären überhaupt nicht mehr wahrzunehmen: Ich nenne nur das Seelsorge- und Beicht­geheimnis.

Wie könnte für Sie eine alternative Perspektive aussehen?

Ich denke, dass an dieser Stelle ein Modell ratsam wäre, in dem ein Beirat – bestehend aus Vertretern des Ministeriums sowie den islamischen Gemeinden und Verbänden – eine muslimische Seelsorge in der Bundeswehr koordiniert. Dazu bedarf es freilich zunächst eines Verständigungsprozesses zwischen und mit den islamischen Verbänden in Deutschland.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 2/2019.

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