Mit dem Mut, gegen Mehrheiten zu handeln

Vor 50 Jahren starb Pfarrer Johannes Schwartzkopff

Von Tilman Asmus Fischer

Als der pensionierte Pfarrer Theodor Johannes Schwartzkopff im Sommer 1968 auf dem Friedhof in Berlin-Mariendorf beigesetzt wurde, konnte kaum ein Mitglied seiner alten Gemeinde an der Trauerfeier teilnehmen – lag diese doch hinter der Mauer im abgeriegelten Ost-Berlin. Dies soll am Volkstrauertag dieses Jahres anders sein, wenn die Immanuelgemeinde aus Berlin-Prenzlauer Berg mit einem Gottesdienst und anschließenden Besuch am Grab ihres langjährigen Pfarrers gedenkt. Am Buß- und Bettag wird sodann eine Gedenktafel für den Zeugen des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus vor der Immanuelkirche eingeweiht.

(Foto: Archiv der Ev. Immanuel-Kirchengemeinde
Prenzlauer Berg)

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lagen bereits fast 20 reiche Jahre als Pfarrer hinter dem 1889 in Wolfsburg geborenen Johannes Schwartzkopff: 1914 Hilfspfarrer im westpreußischen Bromberg, anschließend Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg, wurde er 1917 Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Von Anfang an widersetzte sich Schwartzkopff – seit 1925 Domprediger am Güstrower Dom – der NSDAP und ihrem protestantischen Vortrupp, den „Deutschen Christen“ (DC).

Als einflussreiches Mitglied der Bekennenden Kirche und des Pfarrernotbundes war Schwartzkopff dem Staat und seiner „zerstörten“ – also von den DC übernommenen – Landeskirche ein Dorn im Auge. Nach zeitweiser Amtsenthebung, Verurteilung und Strafversetzung bot sich ihm 1937 die Gelegenheit, einem Ruf an die Berliner Immanuelkirche zu folgen. Hier leitete er – als Gegenpart zum deutschchristlichen Pfarrer Ferdinand Lies – die Gemeinde der Bekennenden Kirche und setzte sich unerschrocken für bedrohte und verfolgte Menschen ein.

Damit zählt Schwartzkopff für Mark Pockrandt, heute Pfarrer der Immanuelgemeinde, zu den prägenden Pfarrpersonen in der Geschichte seiner Gemeinde: „Er setzte sich in der Zeit des Nationalsozialismus für verfolgte jüdische Menschen ein und organisierte den Einsatz vieler Helfenden zur Versorgung von Menschen in Not.“ Trotz mehrfacher Verhaftung beteiligte sich Schwartzkopff an der Rettung von Menschen, die aufgrund der Nürnberger Rassegesetze verfolgt wurden – unter anderem taufte er den aus einer sogenannten Mischehe stammenden späteren Schriftsteller Sigmar Schollak. Ebenso solidarisierte er sich mit seinem als Homosexuellen verfolgten Amtsbruder Friedrich Klein.

Pfarrer Pockrandt erinnert daran, dass Schwartzkopff das Engagement für seine Mitmenschen auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte. „Ein großes Problem war: Wo konnten die Trümmerfrauen tagsüber ihre Kinder lassen? So gründete Schwartzkopff 1946 den Kinderhort der Immanuelgemeinde, der auch zu DDR-Zeiten als kirchlicher Hort bestehen blieb.“ Zudem gehörte er dem Evangelischen Oberkirchenrat an und verantwortete die Arbeit der Bahnhofsmission. Über Berlin hinaus machte sich der Theologe verdient um die Pflege des Erbes von Ernst Barlach: Den ihm aus Güstrower Zeiten verbundenen Bildhauer hatte er 1938 bestattet; dessen Werke galten den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“.

Nach seiner Pensionierung 1958 ließ sich Schwartzkopff in West-Berlin nieder. Dort starb er am 22. Juni 1968: „Jeder, der ihn kannte, wird wissen, dass in Verkündigung und Seelsorge die ganze fruchtbare Kraft der Güte und Liebe sein Wirken bestimmte. Immer war ihm der Andere der Nächste!“, hieß es damals in der zensierten Gemeindezeitung.

Für Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO, ist es wichtig, an Johannes Schwartzkopff zu erinnern, „denn er war einer der wenigen Christen, der in der Diktatur des Nationalsozialisten den Mut hatte, außer der Reihe zu stehen und Verfolgten zu helfen“. Im Unterschied zu ihm hätten sich selbst Pfarrer der Bekennenden Kirche schwer damit getan, jüdischen Menschen zu helfen. „Wir erinnern an Pfarrer Schwartzkopff als ein Beispiel für christliche Nächstenliebe in schwerer Zeit und für Zivilcourage, den Mut gegen die Mehrheit zu handeln“, betont Gardei. Noch heute könne man aus dem Leben des Bekenntnispfarrers lernen: „Es ist wichtig, dem eigenen christlichen Gewissen zu folgen und sich nicht einfach der Mehrheitsmeinung anzuschließen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 46/2018.

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