Vom „Fatalismus der Feindschaft“ zur „Interessengemeinschaft“

Ein Arbeitspapier der Kopernikus-Gruppe nimmt „Deutschland und Polen – 100 Jahre nach 1918“ in den Blick

Am 20. und 21. April 2018 hat in Warschau der deutsch-polnische Gesprächskreis „Kopernikus-Gruppe“ getagt. Die von den deutschen und polnischen Intellektuellen angestellten Überlegungen über „Deutschland und Polen – 100 Jahre nach 1918“ fasst das Mitte August von Prof. Dr. Dieter Bingen, Darmstadt, und Dr. Kazimierz Wóycicki, Warschau, veröffentlichte 30. Arbeitspapier der Gruppe zusammen.

Denkmal von Józef Gosławski für Józef Piłsudski in Turek
(Foto: Piotr Rudzki)

Einleitend heben die Autoren die Gegenwartsbedeutung des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg hervor: Er „war ein sinnloses Massaker auf den Schlachtfeldern im Westen Europas, im östlichen Mitteleuropa brachte er indes nicht nur enormes Leid, sondern auch die Entstehung unabhängiger Staaten, von denen heute die meisten Mitglieder der Europäischen Union sind. Deshalb ist die kollektive Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, in dem Polen in den Armeen der drei Teilungsmächte – das hieß auch: gegeneinander – kämpfen mussten, im Westen und Osten des Kontinents so unterschiedlich. Nur freie Gesellschaften können ein Projekt europäischer Integration verwirklichen, weshalb die Wurzeln der Europäischen Union auch in jener Epoche nach dem Ersten Weltkrieg zu suchen sind, obwohl seinerzeit nur Utopisten und Visionäre solche Pläne hegten.“

Gerade für Deutschland und Polen habe der „Erinnerungsort ‚1918‘“ abweichende Bedeutungen: „Für Polen ist es die Wiedererlangung der Unabhängigkeit nach dem langen 19. Jahrhundert, in dem die polnische Gesellschaft sie entbehren musste. Diese Situation hat die polnische Kultur, das Verständnis von Freiheit, Demokratie, Tradition und Moderne stark geprägt. Dieselben Begriffe waren in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts unter gänzlich anderen Bedingungen mit Inhalt gefüllt worden. Wenn wir uns tiefer verstehen wollen, müssen wir ein Verständnis dieser Ungleichzeitigkeit der Entwicklung von Staat und Gesellschaft auf beiden Seiten entwickeln.“

Wenn das Deutsche Reich auch in der Endphase des Ersten Weltkrieges gegenüber polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen kompromissbereit aufgetreten sei: „erst die Niederlage Deutschlands (und damit die Niederlage aller drei Teilungsmächte Polens) ermöglichte es Polen, seine volle Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Gleichzeitig jedoch weigerte sich die deutsche Nachkriegsdemokratie, den neu gegründeten polnischen Staat auf Dauer zu respektieren.“ Mit den „Grenzkämpfen 1918–1921“, der Klassifizierung Polens als „Saisonstaat“ in der Zwischenkriegszeit, dem „deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen 1939“, der „völkermörderischen deutschen Besetzung Polens“ sowie der „Flucht und Massenaussiedlung der Deutschen aus Polen 1945“ markieren die Autoren Stationen der an 1918 anschließenden Konfliktgeschichte, die vom „Prinzip des ‚Fatalismus der Feindschaft‘“ (Stanisław Stomma) gekennzeichnet gewesen sei. Die hieraus resultierende Angst Polens vor Deutschland sei in den folgenden Jahrzehnten durch die Machthaber des Warschauer Paktes für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert worden.

Die Kopernikus-Gruppe würdigt die vor diesem Hintergrund auf beiden Seiten unternommenen Anstrengungen auf dem Weg zu einem deutsch-polnischen Dialog. Höhepunkt dieser Entwicklung sei „die Welle der ‚Solidarität mit Polen‘ aus der bundesdeutschen Gesellschaft in den 1980er Jahren“ gewesen. Schließlich habe die durch die Solidarność ausgelöste „Freiheitsrevolution von 1989 in Ostmitteleuropa“ Deutschland und Polen „durch eine in der jüngsten Geschichte beispiellose deutsch-polnische Interessengemeinschaft“ (Krzysztof Skubiszewski) zusammengebracht. Daher steht für die Verfasser fest: „Die letzten 100 Jahre der deutsch-polnischen Beziehungen und der europäischen Geschichte zeigen deutlich, dass die Voraussetzung für jedes umfassendere und ehrgeizige europäische Konzept die tiefe deutsch-polnische Verständigung ist.“

Angesichts der gegenwärtigen politischen Krisenlage in Europa ist diese Erkenntnis – so auch für die Kopernikus-Gruppe – von zentraler Bedeutung: „Ein Blick in die ferne und nicht so ferne Geschichte, auch wenn sie noch so belastet und schwierig ist, oder vielleicht auch, weil sie so schwierig ist, erlaubt es uns, das Gleichgewicht, die Distanz und einen nüchternen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft wiederzugewinnen.“ Zu einer solchen „Reflexion bezüglich der deutsch-polnischen Beziehungen“ fordere das diesjährige Jubiläum heraus.

Auf eine explizite Kritik an der gegenwärtigen Warschauer Regierungspolitik, die gerade auch das Gedenken an 1918 für ihren rechtspopulistischen Kurs instrumentalisiert, verzichtet die Kopernikus-Gruppe, fordert jedoch zum einen, dass es „den deutschen Beobachtern nicht gleichgültig sein“ solle, wenn bei den polnischen Jubiläumsveranstaltungen „unterschiedliche Denkweisen der Polen über sich selbst, über die eigene Geschichte und über Europa zum Vorschein kommen“. Zum anderen mahnen die Verfasser an: „In Polen sollte und kann dieser Jahrestag eine Gelegenheit sein, nicht nur über die eigene Geschichte, sondern auch über das Verhältnis zu den Nachbarn nachzudenken.“ – Heute seien Deutschland und Polen nicht nur für Europa, sondern auch füreinander unverzichtbar.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

Informationen über den deutsch-polnischen Gesprächskreis „Kopernikus-Gruppe“ und über seine Mitglieder: www.deutsches-polen-institut.de/politik/kopernikus-gruppe

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