„Mehr vom ,C‘ leiten lassen“

Der langjährige Richter und engagierte Blutreiter Axel Müller gehört seit 2017 dem Bundestag an. Gegenüber der „Tagespost“ sprach er über sein politisches Profil als katholischer Parlamentarier.

Von Tilman A. Fischer

Am Montagmorgen einer jeden Sitzungswoche des Bundestags durchquert Axel Müller kurz nach vier Uhr seine schwäbische Heimatstadt Weingarten – der Weg führt ihn zur nächsten Bushaltestelle. Der Bus bringt ihn nach Ravensburg, wo der Jurist bis 2017 als Vorsitzender Richter am Landgericht wirkte. Weiter geht es mit dem Zug – Umstiege in Ulm und Augsburg – bis Berlin. Dort vertritt der CDU-Politiker seit Ende letzten Jahres den Wahlkreis Ravensburg im Bundestag. Von seinem Schreibtisch im Paul-Löbe-Haus aus blickt Müller auf den Reichstag. Rechts neben dem Fenster hängt ein kleines schlichtes Holzkreuz. Es ist für ihn von doppelter Bedeutung: „Zum einen ist es ein Stück Heimat, das ich mir in dieses Büro mitgenommen habe, da es aus meiner Heimatkirche, der Basilika St. Martin und Oswald in Weingarten, stammt. Zum anderen: Es begleitet mich natürlich auch als Symbol, als Zeichen meines Glaubens; und wenn es mal schwierige Momente gibt, kann man dorthin hochblicken und dann weiß man wieder, wo man sich einnorden sollte, um den richtigen Weg, den inneren Kompass zu finden.“

Sollten im Sinne des bayerischen Kreuz-Erlasses im öffentlichen Raum mehr Kreuze sichtbar sein? – In öffentlichen Gebäuden symbolhaft Kreuze aufzuhängen, hält Müller nicht für notwendig: „Ein Kreuz sollte man aus einer wirklichen Überzeugung heraus aufhängen. Wenn ich es aber rein dekorativ, als kulturelles Symbol aufhänge, entspreche ich zwar der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, werde aber dem Kreuz als christliches Zeichen nicht gerecht.“ Das Kreuz im Büro wurde aus dem früheren Dachgebälk der Weingartener Basilika gefertigt. Als dieses vor einigen Jahren ausgetauscht werden musste, verarbeiteten findige Gemeindeglieder das alte Holz zu Kreuzen und verkauften sie zugunsten der Gemeinde. Deren Kirchengemeinderat – ebenso wie dem Dekanatsrat – gehört Müller seit 2010 an. Ebenso ist er aktiver Blutreiter: Mit über 2 000 anderen Männern nimmt er Jahr für Jahr an einer der größten Reiterprozessionen in Deutschland Teil, dem Blutritt in Weingarten. Dabei wird die in der Basilika ausgestellte Heilig-Blut-Reliquie am Freitag nach Christi Himmelfahrt durch Stadt und Flur getragen und der voranreitende Priester, der „Heilig-Blut-Reiter“, segnet mit ihr Land und Leute.

Müller spricht über seine ersten Monate als Abgeordneter, aktuelle Themen, die ihm am Herzen liegen, Erfahrungen aus den Gremien, denen er angehört – den Ausschüssen für Recht und Verbraucherschutz sowie für Inneres und Heimat –, und über die Koordinaten seiner Arbeit: Heimatverbundenheit, den eigenen Glauben und die katholische Soziallehre. Was bedeutet es – gerade als Mitglied einer der „C“-Parteien –, aus dieser Prägung heraus christliche Politik zu machen? Natürlich gebe es bestimmte Themen, die sich speziell aus diesem „C“ erschließen. Jedoch gibt Müller zu bedenken: „Ich wünschte mir manchmal, dass wir uns in unseren alltagspolitischen Entscheidungen etwas mehr von diesem ,C‘ leiten lassen würden, dass wir auf bestimmte Grundwerte mehr Wert legen, als wir es zum Teil zeigen.“ Dies gilt dem begeisterten Rennradfahrer, der über die Natur schwärmen kann, die er bei langen Touren – teils bis Mantua – genießt, etwa für den Schöpfungsgedanken. Der hat Folgen für die Ökologie: „Wir müssen wissen, dass wir nur Gast auf dieser Erde sind. Und als Gast hast Du Dich so zu benehmen, dass Dein Gastgeber, wenn Du gegangen bist, gerne wieder Gäste in sein Haus kommen lässt.“

Das bedeutet für Müller mehr als nur darauf zu achten, nicht alle Ressourcen auszubeuten. Vielmehr verbinden sich für ihn hiermit auch soziale Komponenten, die Unterstützung sozial Schwacher. Er erinnert an eine zentrale Idee aus den Programmen der Unionsparteien in der Nachkriegszeit: „Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes und einzigartig. Und diese Einzigartigkeit muss angenommen werden. Es wäre wünschenswert, wenn wir dies immer wieder erkennen.“ Dementsprechend klar ist seine Positionierung zum Lebensschutz – konkret zur Frage nach Abtreibungen: „Meine grundsätzliche Haltung ist: Man sollte es nicht tun; es muss eine Lösung gefunden werden, dass werdendes Leben in dieser Welt zur Welt kommen kann und ihm nicht im Vorfeld die Chance verweigert wird, geboren zu werden. Wenn ein Mensch sich anders entscheidet, ist das seine höchst persönliche Gewissensentscheidung. Ich kann sie nicht gutheißen, aber es ist wiederum Ausdruck christlicher Toleranz, den Menschen trotzdem anzunehmen und nicht zu verstoßen.“ Das Werbeverbot für Abtreibungen will Müller beibehalten. Alles andere würde den bisherigen gesellschaftlichen Kompromiss in Frage stellen: „Die Grundentscheidung ist für das Leben und dann muss auch in dieser Grundrichtung unabhängig beraten werden. Dann kann es nicht sein, dass derjenige, der berät, gleichzeitig derjenige ist, der den medizinischen Eingriff vornimmt.

Erschienen am 9. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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