Versöhnung mit Gott – Ursprung und Kern christlicher Identität

Andacht zu 2 Kor 5,14-21

Was ist ‚das Christliche’? Und was bedeutet es, christlich zu sein? – In den vergangenen Monaten wird wieder mit Vehemenz diskutiert: über „christliche Identität“, „christliche Kultur“ und nicht zuletzt über „christliche Werte“. Über diese Debatte droht der Begriff ‚des Christlichen‘ zu Bruch zu gehen. Denn hier reklamieren zwei konkurrierende Positionen für sich, im Namen des Christlichen zu sprechen, – sie erheben am Ende jeweils einen Alleinvertretungsanspruch auf ‚das Christentum‘.

Auf der einen Seite stehen jene, die das Christentum auf ein kulturelles Artefakt reduzieren, das prägend für eine mehr oder weniger eng gefasste Gruppenidentität ist: Dann ist von Deutschland als einem christlichen Land, vom christlichen Europa, vom christlichen Abendland oder dem christlichen Westen die Rede. Auf der anderen Seite stehen jene, die das Christentum auf eine Ethik reduzieren und hieraus moralische Forderungen ableiten: Dann besteht die Gefahr, sich zum Richter aufzuschwingen und von der Realisierung „christlicher Werte“ abhängig zu machen, wem das Prädikat „christlich“ zusteht.

Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld aus „Die Bibel in Bildern“, 1860.

Beide Positionen nehmen letztlich für sich in Anspruch, zu definieren, was christliche Identität ist. Dabei soll hier weder in Frage gestellt werden, dass das Evangelium selbstredend prägend auf die Kultur wirkt, in die hinein es verkündigt wird. Noch soll in Abrede gestellt werden, dass aus dem Glauben an Jesus Christus eine spezifische ethische Haltung gegenüber der Mitschöpfung erwächst. Am wenigsten jedoch soll bestritten werden, dass es an sich eine christliche Identität gibt. Vielmehr ist gerade der christliche Glaube identitätsstiftend. Denn dem Christen wird durch das erlösende Handeln Gottes in Jesus Christus eine neue Identität geschenkt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Ebendiese Neubestimmung der Identität, die jedem Christen geschenkt wird, liegt immer schon einer christlichen Kultur oder einer christlichen Ethik voraus. Wo dies umgekehrt wird, ist der Begriff des Christlichen entleert. Er läuft Gefahr, instrumentalisiert und missbraucht zu werden. Umso mehr tut es Not, dass wir uns auf das besinnen, was christliche Identität, was das Zentrum unseres Glauben ausmacht. Hierzu hören wir darauf, was im Zentrum der Verkündigung der ersten Christen steht: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“.

Versöhnung mit Gott – dies ist der Ursprung und Kern christlicher Identität. Geschehen ist sie durch das heilsgeschichtliche Handeln Gottes in Kreuz und Auferstehung. Wir eignen sie uns jedoch nicht durch ein reines Lippenbekenntnis zu diesem geschichtlichen Ereignis vor 2000 Jahren an. Vielmehr sind die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott ein sich immer wieder aufs Neue ereignendes Geschehen, das uns in existenzieller Weise betrifft. Denn die Situation des unerlösten, sündhaften Menschen prägt als Urerfahrung jeden Menschen zu allen Zeiten. Martin Luther hat diesen Zustand trefflich als den des in sich verkrümmten Menschen beschrieben: „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt, daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“ (Nach: WA 56, S. 304)

Das Aufbegehren gegen den Willen Gottes – der krampfhafte Drang zur Selbstbehauptung des Menschen gegenüber Gott – ist uns heute ebenso vertraut wie vor 2000 Jahren oder zu Lebzeiten Luthers. Wir begegnen ihm, wo am Anfang und Ende des menschlichen Lebens Mediziner versucht sind, Herr über Leben und Tod zu spielen, wo unmoralisches Gewinnstreben den Blick verstellt auf die natürlichen Bedürfnisse von Mitmensch und Umwelt, wo wir im egozentrischen Streben nach Selbstverwirklichung einem grenzenlosen Konsumismus oder gesellschaftspolitischen Ideologien huldigen. Aus dieser Verkrümmung auf uns selbst hin befreit uns Gott, indem er uns die Hand zur Versöhnung reicht. Er eröffnet uns den Weg durch die Buße zur Vergebung der Sünden und ermöglicht uns eine neue Lebensführung, die sich auf Jesus Christus und nicht mehr auf unser Ich hin ausrichtet: Denn „er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde“.

Nicht nur, dass die Erfahrung der Versöhnungsbedürftigkeit eine Grunderfahrung des Menschen zu jeder Zeit ist. Vielmehr ist sie auch jedem zum Glauben gekommenen, getauften Menschen nicht fremd. Er ist, wie Luther es später formulierte, immer zugleich Gerechtfertigter und Sünder. Dies weiß auch der Apostel Paulus, wenn er an die Römer schreibt (Röm 7,22-25): „Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“

Das heißt, dass die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ gerade auch an denjenigen gerichtet ist, der sich bereits ‚in Christus‘ weiß. Und an ebensolche schreibt Paulus ja auch, wenn er sich an die Gemeinde in Korinth wendet. „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ – Das ist eine mahnende Erinnerung daran, dass sich auch der Gläubige anhaltend in einer Situation der Anfechtung befindet und der von Gott geschenkten Versöhnung bedürftig ist. Wenn wir aber Versöhnung in diesem Sinne als Kern christlicher Identität verstehen, dann kann diese in keiner Weise statisch verstanden werden. Sie ist nicht Ausdruck eines Besitzes, sondern beschreibt vielmehr ein Auf-dem-Weg-Sein, der bleibenden Bitte folgend: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Damit aber liegt eine christliche Identität nicht nur einfach ‚christlicher Kultur‘ oder ‚christlicher Ethik‘ voraus. Vielmehr erhebt eine solche im Prozess begriffene Identität Einspruch dagegen, sich selbstgenügsam auf derlei Errungenschaften zu verlassen: Sie kann und will sich nicht mit dem Erreichten zufrieden geben. Denn sowohl kulturelle als auch moralische „Werte“ bergen die Gefahr in sich, zum Besitzstand zu werden; diesen würde es nur noch zu hegen und zu pflegen gelten.

Wenn wir uns mit einem solchen Besitzstand begnügen, verleiht er uns zwar womöglich ein gehobenes Gefühl. Zugleich verstellt er uns jedoch den Blick auf die Brüchigkeit unserer Existenz, unsere Unvollständigkeit, unsere bleibende Versöhnungsbedürftigkeit. An die Stelle des Auf-dem-Weg-Seins tritt dann das Verharren und Beharren. Und irgendwann drohen wir, wieder uns selbst zu leben, und nicht mehr dem, der für uns gestorben ist und auferweckt wurde. Christliche Identität hingegen hegt und pflegt keinen Besitzstand. Sie fordert vielmehr, das Erreichte immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Erst wenn wir uns des eigenen fehlerbehafteten Lebens in dieser unerlösten Welt bewusst werden, können wir uns neuerlich sowohl unserer Versöhnungsbedürftigkeit als auch der von Gott geschenkten Versöhnung vergewissern.

Hierzu müssen wir nicht aufhören, von „christlicher Kultur“ und „christlicher Ethik“ zu sprechen. Wer jedoch für erstes eintritt muss sich immer wieder fragen lassen, ob er nicht in der Pflege des kulturellen Erbes verharrt, ob er noch auf dem Weg ist im Zeichen des Wortes von der Versöhnung. Und wer zweites einfordert muss sich fragen lassen, ob er bei aller ethischen Belehrung noch das uns gegebene Amt erfüllt, nämlich dasjenige „das die Versöhnung predigt“. Denn wir sind „nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Morgenandacht am 23. Juni 2018 in Paderborn, im Rahmen der 44. Paneuropa-Tage der Paneuropa-Union Deutschland.

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