Zachäus ansprechen!

Andacht zu Lk 19,1-10

In den Evangelien steht dem Leser eine große Zahl ganz unterschiedlicher Personen gegenüber: Fischer, Soldaten, Obdachlose – Männer, Frauen, Kinder – Fromme, Eiferer und Zweifler. Ihre Geschichten erzählen von Begegnungen mit dem Sohn Gottes. Sie nehmen uns mit hinein in den Glauben an Jesus Christus, mit hinein in die Nachfolge. Und sie geben uns Beispiele, von denen wir heute lernen können. Dabei tut dies nicht jede Gestalt in gleicher Weise. Vielmehr sind uns aus dem jeweiligen Kontext heraus, in dem wir stehen, bestimmte biblische Personen besonders nahe – ist es der eine Mann oder die eine Frau der Heiligen Schrift, die uns Beispiel und Vorbild sind, uns mit ihrem Zeugnis bewegen. In humanitären Notlagen vielleicht der barmherzige Samariter, in großer Bedrängnis aus Glaubensgründen der Erzmärtyrer Stephanus.

Welche Gestalt kann uns als Christen in Mitteleuropa in besonderer Weise ansprechen? Wir befinden uns weder in einer humanitären Notlage, noch werden wir bedrängt, wie etwa unsere Geschwister im Machtbereich des sogenannten „Islamischen Staates“. Was hingegen prägt unsere Lebenszusammenhänge, aus denen heraus wir auf Gottes Wort hören? Sicher relativer Wohlstand; dann aber auch der zunehmende Verlust an Glaubensgewissheiten in unserer Gesellschaft; in einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihren Zusammenhalt verliert. In welcher biblischen Figur können wir in dieser Situation einen Weggefährten und Zeitgenossen finden? – Hier denke ich an Zachäus, den Oberzöllner von Jericho, von dem der Evangelist Lukas im 19. Kapitel erzählt (V. 1-10):

1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. 2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. 3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Der Prager Theologe Tomáš Halík hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Geduld mit Gott“ die „Geschichte von Zachäus heute“ erzählt. Er erinnerte sich an eine Andacht, die er Anfang der 1990er Jahre zum Christfest vor tschechischen Parlamentariern gehalten hatte. Er verglich aus diesem Anlass das Evangelium von Zachäus mit der Lage im eigenen Land:

James Tissot: Zacchaeus in the Sycamore Awaiting the Passage of Jesus
(Brooklyn Museum)

„Als nach langer Zeit die Jünger Christi nach dem Sturz des Kommunismus frei vor die Öffentlichkeit getreten waren, fanden sie überall eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt, allerdings auch einige wenige feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten. Wahrgenommen wurde jedoch nicht der Umstand, dass die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt waren, mit jenen also, die sich nicht unter die alten oder die ganz neuen Gläubigen mischen wollten oder konnten, ohne dabei gleichgültig oder feindselig zu sein. Sie waren auf der Suche und voller Neugier, zugleich wollten sie aber Abstand und ihre Sicht der Dinge bewahren; diese seltsam gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘, ließ sie versteckt im Dickicht der Feigenblätter verharren.“ (Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg i. Br. 72014, S. 21f.)

Ist die Situation im Jahr 2018 so viel anders als im Prag der 1990er Jahre? Sowohl in Tschechien als auch in Deutschland leben wir Christen in einer mehr und mehr säkularen Gesellschaft. Gewiss, immer noch erleben die Großkirchen „eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt“ – ob vergangenes Jahr zum Reformationsjubiläum oder heuer beim Katholikentag in Münster. Und auch „feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten“ sind uns erhalten geblieben; man denke nur an radikale Gegendemonstranten, die aufmarschieren, wenn christliche Lebensschützer zu einer Kundgebung aufrufen. Und sind nicht noch heute „die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt“? – Gewiss! Aber nehmen wir sie zu genüge wahr? Haben wir die Chance, die uns das Ende des Kommunismus in Europa eröffnet hat, die Chance, uns den Säkularen, den Zweiflern, den Suchenden ernsthaft zuzuwenden, wirklich genutzt? – Ich fürchte, nicht. Wir haben nicht oft genug in die Maulbeerbäume aufgeschaut – zu den stillen Menschen am Rande –, sondern sind mit Blicken und Sinnen bei den Massen auf der Straße geblieben – uns und unsere Glaubensgeschwister in unserem Glauben bestärkend, verhaftet in der Auseinandersetzung mit Radikallaizisten und Antiklerikalen.

Jesus begegnet dem Mann auf dem Maulbeerbaum in anderer Weise: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ – Er spricht Zachäus bei seinem Namen an. Und das heißt: Er kennt Zachäus, er weiß um seine „gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘“. Derart Zachäus ansprechen, „kann nur jemand, der ‚seinen Namen kennt‘ – von dessen Geheimnis weiß“ (a.a.O., S. 25). Hierzu müssen wir eine gewisse Selbstgenügsamkeit überwinden, zu der wir Christen neigen und die Halík mit einer Anekdote beschreibt:

„Einmal sah ich an der Wand einer Station der Prager U-Bahn die Inschrift ‚Jesus ist die Antwort!‘, gekritzelt wohl von jemandem, der eben von einer evangelikalen Versammlung mit großem Enthusiasmus unterwegs nach Hause war. Ein anderer hatte zutreffend dazugeschrieben: ‚Aber wie war die Frage?‘“ (A.a.O., S. 25f.)

Wie war die Frage? – Dies müssen wir uns und unser säkulares Gegenüber immer wieder aufs Neue fragen. Gewiss ist es eine Gnade, wenn wir fest in unserem Glauben stehen, wenn wir Jesus Christus treu bekennen können. Aber der Weg zu Gott führt nicht einfach nur durch eine Konfrontation mit Zeugnissen unseres Glaubens – sondern vielmehr durch existenzielle menschliche Erfahrungen, Sorgen, Lebensfragen, aus denen sich erst Jesus als die Antwort erschließt. In der „Ökumenischen Erklärung katholischer und evangelischer Professoren und Hochschullehrer der Theologie zum bayerischen Kreuzerlass“ heißt es: „Wer auf das Kreuz blickt, sieht sich dabei gleichermaßen konfrontiert mit einem wesentlichen Werteanker unserer humanistischen Toleranzkultur wie mit Jesus Christus als dem Sohn Gottes.“ (https://www.kreuzerlass.de/) Das ist systematisch-theologisch sicher richtig. Jedoch: Was ist damit gewonnen für den christlichen Glauben in einer säkularen Gesellschaft?

Seit Wochen ringen Politik und Theologie bereits mit der Frage, wie öffentlich sichtbar das Kreuz sein darf. Gegenstand der Debatte ist also lediglich das Wie des öffentlichen Bekennens unserer Glaubensüberzeugung: „Jesus ist die Antwort!“ Wann aber haben wir mit ähnlicher Intensität mit der Frage gerungen, die uns erst dazu verhilft, mit Zachäus ins Gespräch zu kommen? – Wie war die Frage? Mit welchen Fragen begegnet Zachäus heute in seiner „gemischten Gemütsverfassung“ Jesus Christus?

Die heutigen Zachäusgestalten werden weiter auf dem Maulbeerbaum auf uns warten, darauf warten, dass wir zu ihnen aufblicken, „ihren Namen kennen“ und sie ansprechen – um vielleicht eines Tages gewiss zu werden: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juni 2018, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

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