Weltkirche zu Gast in Dresden

Im Bistum Sankt Clemens in Saratow leben 20 000 Diaspora-Katholiken. Die Konferenz ihrer Seelsorger tagte im Bistum Dresden-Meißen.

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich war Clemens Pickel 1990 – damals Priester des Bistums Dresden-Meißen – lediglich auf drei Jahre mit der Seelsorge an den verbliebenen Deutschen in Tadschikistan und ab 1991 in Marx an der Wolga beauftragt worden. Nachdem seine dortige Amtszeit auf acht Jahre verlängert worden war, hätte er 1998 wieder nach Sachsen zurückkehren müssen. Dem kam jedoch Papst Johannes Paul II. zuvor, indem er ihn zum Weihbischof für die Apostolische Administratur für das Europäische Russland – und ein Jahr später zum Apostolischen Administrator für das Europäische Südrussland – ernannte. 2002 traf die Kurie eine weitere wegweisende Entscheidung: die Umwandlung der päpstlichen Administraturen auf russischem Staatsgebiet in eigenständige Bistümer. Und so entstand das Bistum Sankt Clemens in Saratow, dessen erster Bischof Pickel wurde. Dort leben in einer extremen Diasporalage unter 45 Millionen Einwohner ca. 20 000 Katholiken.

Kürzlich besuchte Bischof Pickel nun wieder einmal seine sächsische Heimat – und brachte fast seine ganze Diözese mit, oder vielmehr fast alle ihre Seelsorger: 40 Priester und 60 Ordensleute. Anlass bot die jährliche mehrtägige Pastoralkonferenz des Bistums Sankt Clemens, die 2018 in Naundorf (Sächsische Schweiz) stattfand. Weil es je mehrere hundert Kilometer von einem Seelsorgezentrum zum anderen seien, erläuterte Pickel, seien diese längeren jährlichen Treffen notwendig: „Weiterbildung, Austausch, gemeinsames Gebet und auch ein wenig Erholung gehören traditionell zu der Begegnung, bei der möglichst niemand fehlen sollte, bei der aber auch – die Erfahrung zeigt es – kaum jemand fehlen möchte. Gewöhnlich organisieren wir die Konferenz bei uns im Bistum, ausnahmsweise aber auch an anderen Orten, was dann auch mit Gründen wie Dank und Motivationsschub zu tun hat, denn einfach ist es in der südrussischen Diaspora nicht.“ In diesem Jahr befasste sich die Konferenz mit dem Thema „Pastorale Fragen im Zusammenhang mit heutiger Bioethik“.

Einen Höhepunkt der Tagung stellte die Feier der heiligen Messein der Katholischen Hofkirche zu Dresden dar – neben Bischof Pickel mit Bischof Heinrich Timmerevers und Bischof emeritus Joachim Reinelt. Anschließend hatte das Bistum Dresden-Meißen zu einem gemeinsamen Imbiss mit Vertretern von Gemeinden eingeladen, die Partnerschaften mit Gemeinden der Diözese Sankt Clemens pflegen. Unter Leitung des Weltkirchen- und Umweltbeauftragten des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen, bot eine Podiumsdiskussion Rückblick und Ausblick auf die gelebte Partnerschaft. Eine Partnerschaft, durch die – so Bischof Pickel – „Glauben wächst“: Wenn Katholiken in Russland auch eine verschwindend kleine Minderheit darstellten, gehörten sie doch zur katholischen Weltkirche. Durch die gelebten Beziehungen zwischen Ost und West werde so Katholizität erlebbar.

Gemeinsam mit Bischof Pickel sprach hierüber unter anderem Pfarrer Bosco Marschner. Gewissermaßen ist er dem Vorbild Bischof Pickels gefolgt: Zuvor Pfarrer in Zittau, entschloss er sich, ab August 2015 die katholische Gemeinde in Marx an der Wolga zu übernehmen. Sowohl der Bischof als auch sein Pfarrer sind nicht nur mit den alltäglichen Herausforderungen der Diaspora befasst, sondern zudem bestrebt, für deren Fragen und Belange die deutsche Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Beide berichten auf eigenen Blogs über ihr Leben und Wirken. Bischof Pickel hat zudem bereits einschlägige Buchveröffentlichungen vorgelegt.

Bischof Timmerevers bezeichnete seine eigenen Begegnungen mit den Seelsorgern der Saratower Diözese als „bewegend und mitreißend“. Besonders fasziniert äußerte er sich darüber, wie in Saratow „Weltkirche gelebt“ werde. Da die kleine katholische Gemeinschaft in Russland selbst kaum eigene Seelsorger hervorbringen, ist die Kirche auf den Dienst von ausländischen Geschwistern angewiesen. „Für ganz Russland besteht ein einziges Priesterseminar, in dem momentan gerade einmal elf Seminaristen ausgebildet werden“, erläuterte Bischof Pickel. Ob am Ende auch tatsächlich alle zu Priestern geweiht würden, sei noch nicht abzusehen. Und so arbeitet er in seinem Bistum mit Ordensangehörigen und Priestern aus über 30 Ländern zusammen. Unter den Ordensleuten finden sich – anders als es sich gemeinhin in Deutschland darstellt – viele junge Frauen. Dies markierte Gabriele Haseneder aus Zittau – der Partnergemeinde von Astrachan – als Beispiel dafür, dass die Partnerschaft Einblicke eröffne, von denen gerade auch die deutschen Katholiken profitieren könnten.

Pfarrer Marschner vermittelte einen exemplarischen Eindruck von der Bedeutung, die die Partnerschaft für seine Gemeinde in Marx hat. Da die deutschen Geschwister weit weg seien, wachse die Verbundenheit erst allmählich. Jedoch sei vor allem das grenzüberschreitende Gebet füreinander den Menschen zunehmend wichtig. Dabei verdeutlichte er zugleich: „Natürlich ist das Materielle auch wichtig.“ So ermögliche es die Partnergemeinde durch ihre Unterstützung jungen Katholiken aus Marx, nach Taizé zu reisen.

Bischof Timmerevers zeigte sich während der Diskussion begeistert von den bestehenden sächsisch-russischen Beziehungen und äußerte seinen persönlichen Wunsch, die bestehenden Partnerschaften zu verstetigen. Die Anwesenden forderte er zur Unterstützung der Glaubensgeschwister im Bistum Sankt Clemens auf: „Ich lade Sie ein, alles zu tun, was Sie tun können – und den Rest tut der liebe Gott.“

Erschienen am 10. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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