Geteilte Gesellschaft

Richard C. Schneider und Natan Sznaider analysieren Alltag und soziale Milieus in Israel

Wo steht die israelische Gesellschaft 70 Jahre nach Gründung des jüdischen Staates im Nahen Osten? Auf diese Frage geben die Bücher zweier Freunde Auskunft, die dem Land und seinen Bewohnern sowohl persönlich-biografisch als auch publizistisch seit langem verbunden sind: Richard C. Schneider und Natan Sznaider. Sznaider wurde 1954 als Sohn jüdischer Dicplaced Persons aus Polen in Mannheim geboren, Schneider drei Jahre später in München als Sohn ungarischer Holocaust-Überlebender. Sznaider wanderte mit 20 Jahren nach Israel aus und lehrt heute in Tel Aviv Soziologe; Schneiders Kontakte nach Israel wurden bereits in seiner Jugend durch Besuche bei emigrierten Verwandten gestiftet; 2006 bis 2015 leitete er als Chefkorrespondent das ARD-Studio in Tel Aviv.

Aufgrund ihrer je eigenen Blickwinkel haben die beiden Autoren nun zwei Bücher vorgelegt, die von gemeinsamen Erfahrungen und Beobachtungen erzählen, dies jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven und in eigenständigen Narrativen. Beide zeichnen sie das Bild einer Gesellschaft, die in heterogene Gruppen aufgespalten ist, die jedoch vielfältig miteinander verbunden sind und immer wieder hybride Milieus entstehen lassen.

Konsequenterweise spricht Sznaider daher auch bereits im Titel seines Buches im Plural von „Gesellschaften in Israel“, denen er zehn scharfsinnige Porträts widmet. Demgegenüber legt Schneider den Schwerpunkt auf den Vollzug des gesellschaftlichen und politischen Lebens im Levante-Staat – eine gleichermaßen scharfsinnige Analyse, die er als „Alltag im Ausnahmezustand“ betitelt.

Zehn Bilder, zentrale Ereignisse und charakteristische Konstellationen der israelischen Zeitgeschichte, nimmt Sznaider zum Ausgang für Tiefenbohrungen, die jeweils nach wesentlichen Aspekten politischer und kultureller Identitätsbildung in einem Staat fragen, der sich als „ethnische Demokratie“ versteht und gerade immer wieder durch ethnisch-religiös aufgeladene Differenzerfahrungen auf die Probe gestellt wird. Dabei kommen nicht nur Phänomene der jüngsten Zeit in den Blick, wie die Jugend- und Protestkultur, die ihren deutlichsten Ausdruck 2011 in einer Großdemonstration gegen Mieterhöhungen auf Tel Avivs Rothschildboulevard erhielt. Vielmehr finden auch Fragen nationaler Erinnerungskultur Berücksichtigung: Im Falle des Holocaust-Gedenkens dient Sznaider etwa die Ghettokämpferin Zivia Lubetkin als markante Persönlichkeit, in deren Schatten sich erst allmählich alternative Narrative entwickeln konnten, die bewusst Juden als Opfern Empathie entgegenbrachten.

Allesamt kreisen Sznaiders Analysen um die grundsätzliche Frage nach dem nationalen Selbstverständnis der israelischen Bürger. So kann das Kapitel über „Vorstellungen der israelischen (National-)Kultur(en)“ mit Vorsicht als inhaltliche Mitte des Buches gelten. Sznaider arbeitet drei tragende Säulen nationaler Identität heraus: die Durchsetzung des modernen Hebräisch als Umgangssprache, den verpflichtenden Wehrdienst für (fast) alle Bürger und die Abgrenzung vom – als wehrlos empfundenen – Diasporajudentum.

Es ist gerade die Brüchigkeit der so grundgelegten Gruppenidentität – etwa im Falle der orientalischen oder russischen Juden –, die es immer wieder erforderlich macht, israelische Identität(en) neu zu erfinden. Diesen Prozessen nachgefühlt zu haben, ist das große Verdienst Sznaiders

Dabei erliegt er nicht der Gefahr, durch eine Konzentration auf rein soziokulturelle Studien die eminenten politischen Fragen zu entschärfen – etwa derjenigen nach dem Friedensprozess. Den über ihn geführten politischen Diskurs nimmt er, ausgehend von der Ermordung Jitzchak Rabins, in den Blick. Man muss es ihm wie auch Schneider hoch anrechnen, dass beide ihren Lesern ein gutes Stück Desillusionierung zumuten, wo es um das Verhältnis Israels zu den Palästinensern geht. Zwar würdigen sie einzelne Beispiele gelungenen Miteinanders, teils gar der Integration in die israelische Gesellschaft. Jedoch kaschieren sie nicht, dass sich in Israel und den palästinensischen Gebieten zwei fast hermetisch geschiedene Gesellschaften herausgebildet haben und es kaum eine Lösung für die bestehenden Spannungen gibt.

Auch wenn sich die zentralen Motive der Sozialstudie, die Sznaider bietet, bei Schneider wiederfinden: Die Stärken seines Buches liegen weniger in der dichten Beschreibung soziokultureller Phänomene. Vielmehr vermittelt „Alltag im Ausnahmezustand“ einen Eindruck vom Leben in einem Land der Extreme: zwischen Ultraorthodoxen und Säkularen, zwischen liberaler westlicher Kultur und ständiger Angst vor militärischer Vernichtung. Wenn Schneider mit Blick auf kulturelle Milieus auch nicht den Tiefgang von Sznaider erreicht, bietet er dafür pointiertere Analysen der politischen Diskurse und Mentalitäten. Dabei gelingt es ihm bei aller Kritik am nationalreligiösen Lager, Verständnis für die Ängste und Sicherheitsbedürfnisse Israels zu wecken, ja sogar einzelne Positionen eines Benjamin Netanjahu zu plausibilisieren.

Schlussendlich ermutigt Schneiders Buch auch dazu, sich neu der Verantwortung Europas für Israel bewusst zu werden. Denn anhaltend gehen hier – in unterschiedlichen Spielarten – Antisemitismus und Antiisraelismus ineinander über. So konstatiert Schneider: „Wie auch immer man die Entwicklungen in Europa einschätzen will, für die meisten Israelis sind sie ein Beweis, dass Israels raison d’être heute mindestens so gültig ist wie zur Zeit der Staatsgründung: Es ist ein schützender Hafen vor Verfolgung.“

Tilman Asmus Fischer

Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 318 S., 28 €.
Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. DVA, München 2018. 304 S., 20 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 16. Mai 2018.

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