Ein „zionistischer Lenin“

Tom Segev bietet eine kritische Würdigung des israelischen Staatsgründers David Ben Gurion

Von Tilman Asmus Fischer

Wie erinnert man zum Staatsgründungsjubiläum an einen Mann, mit dem dieses Ereignis untrennbar verbunden ist? Wie, wenn es sich um die Gründung eines Staates sui generis handelt – der einzigen Demokratie im Nahen Osten, deren Gründung zugleich mit ethnisch-religiösen Konflikte verbunden war, die sie bis heute prägen? Kurz: Wie erinnert man an David Ben Gurion? Eine umfangreiche und auf breitem Quellenbestand gründende Annäherung an die israelische Gründergestalt hat nun der Jerusalemer Historiker und Journalist Tom Segev vorgelegt. Ruth Achlama hat das 800 Seiten starke Werk ins Deutsche übersetzt.

„David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis“ ist weder Heldenepos noch Abrechnung eines Historikers, der bereits aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem Zionismus in Israel für Kontroversen gesorgt hatte. Vielmehr zeichnet Segev das Bild einer komplexen Persönlichkeit, die sich unter nicht minder komplexen Bedingung einer politisch-historischen Extremlage bewähren musste: in den Spannungen des britischen Mandatsgebietes Palästina und vor dem Hintergrund der Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges.

Und so gewinnt der Untertitel „Ein Staat um jeden Preis“ während der Lektüre besondere Tiefe, da er in zwei unterschiedlichen, sich ergänzenden Dimensionen erschlossen wird.

„Ein Staat um jeden Preis“: Das bedeutet zum einen die individuelle Opferbereitschaft einer historischen Persönlichkeit, die sich bereits zur Zeit ihrer Jugend in Russisch-Polen der Idee des Zionismus verschrieb und nach Palästina aufbrach, um ihre politische Vision zu verwirklichen. Dies hieß, einen Staat zu bauen: administrative Strukturen eines Gemeinwesens zu schaffen sowie ihm zugleich eine historisch-politische Identität zu geben

Das bedeutet zum anderen, dass dieses Ziel mit einer teils erschreckenden Rigorosität verfolgt wurde. Beide Seiten dieser Staatsbildung beschreibt Tom Segev mit großer Klarheit. Er vermag dies dank eines umfänglichen Quellenbestandes, auf den er erzählerisch immer wieder geschickt zurückgreift.

Es sind vor allem Selbstzeugnisse Ben Gurions, die wichtige Einblick in sein facettenreiches Wesen eröffnen. Dies gilt etwa für seinen Nachruf auf Lenin, den Segev ausführlich zitiert. Hieraus spricht sowohl Ben Gurions zeitlebens ambivalente Haltung zum Sozialismus, als auch vor allem sein persönliches Idealbild.

Sein Ziel sei es gewesen, schreibt Segev, ein „zionistischer Lenin“ zu werden: „Ein Mann“ – zitiert er Ben Gurion – „der eins mit seiner Seele ist, der jeder Barriere spottet; der keine Verzichte und Nachsicht kennt, extrem bis zum Letzten; der auf dem Bauch durch tiefen Morast kriechen kann, um das Ziel zu erreichen; ein Mann von eisernem Willen, der für die Revolution weder Menschenleben noch das Blut kleiner Kinder schont.“

Doch kommen neben Ben Gurion auch Weggefährten und weitere Akteure der Zeitgeschichte hinlänglich zu Wort. Schließlich bedarf es neben derlei Selbstzeugnissen Ben Gurions der Multiperspektivität. Sie wird garantiert durch die vielfältigen zusätzlichen Quellen, die Segev einbezieht; neben diversen Briefwechseln etwa auch Protokolle zionistischer Organisationen.

Denn – und dies reflektiert Segev bereits einleitend – Ben Gurion war nicht nur Aktivist und Staatsmann. Er betätigte sich zugleich bewusst als geschichtspolitischer Akteur, als ein homo scribens: „Ben Gurions Tagebücher, Aufsätze, Bücher, Briefe und Reden enthalten Millionen von Wörtern; fast täglich schrieb er mehrere Stunden lang.“ Zudem arbeitete er gezielt mit Biografen zusammen, versuchte Publikationen Dritter zu beeinflussen und analysierte antike Biografien. Sein Ziel war es, „künftige Generationen für sich zu gewinnen“. Diesen Chronisten seiner selbst zu Wort kommen zu lassen und zugleich kritisch in seinen Kontext einzuordnen, ist Segevs Verdienst.

Indem er auf diesem Wege zugleich zu einer Entzauberung wie einer Würdigung Ben Gurions gelangt, erhält der mit dessen Wirken verbundene Prozess der Staatsbildung enorme Plastizität. Denn was bedeutet es konkret, aus einer Mischgesellschaft von autochthonen Juden und eingewanderten Zionisten einen Staat zu bauen? Wie konnten in einem britischen Mandatsgebiet unter arabischer Dominanz die Grundlagen für ein jüdisches Staatswesen geschaffen werden? Wie dessen Gelingen schließlich gegen regionale Widerstände und angesichts teils nur bedingter Unterstützung durch die westlichen Staaten behauptet werden?

Der Leser erlebt Ben Gurion in den unterschiedlichsten Funktionen, die diese Aufgabe erfordert: als Diplomaten in Missionen zwischen New York, London und Paris; als Machtstrategen, der die unterschiedlichen (teils terroristischen) Strömungen der zionistischen Bewegung zusammenhält und bändigt; als ersten Ministerpräsidenten Israels. Nicht zuletzt aber erscheint Ben Gurion – die „Denkmaschine“, wie er sich selbst einmal bezeichnete – als akribischer Arbeiter, der sich bis hin zu technischen Detailfragen mit den vorliegenden Herausforderungen des zu bauenden Staates auseinandersetzte.

Ben Gurions Fähigkeit zu rational ausgeklügelter Problemlösung tritt bei Segev gerade auch in der Gestaltung der Beziehungen zur jungen Bundesrepublik zu Tage. Damit diese 1952 überhaupt erst aufgenommen werden konnten, musste Ben Gurion vor allem im eigenen Land und politischen Lager – sieben Jahre nach dem Holocaust – taktieren und Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich entstand in den kommenden Jahren sogar eine tragfähige Partnerschaft – einschließlich auf beiden Seiten umstrittener militärischer Unterstützung. Dies war, wie Segev zeigt, gerade auch dem vertrauensvollen Verhältnis zu verdanken, das Ben Gurion zu Konrad Adenauer pflegte.

Das Gesamtbild eines umfassenden Staatsbildungsprozesses muss auch ethische Ambivalenzen aushalten. Dementsprechend liegt es Segev fern, diese auszuklammern. So verhandelt Segev offen auch die Ambivalenzen des zionistischen Aktivisten und Staatsmanns. Diese zeigen sich etwa einerseits in der Haltung gegenüber den vom Holocaust gezeichneten Displaced Persons in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Wertete er diese Menschen zwar als mächtigen „Faktor in unserem politischen Kampf“, konnte er für deren persönliches Leid jedoch – so Segev – „kein väterliches Mitgefühl“ aufbringen, da er den Holocaust lediglich „als nationale Katastrophe“ betrachtete.

Andererseits tritt seine Bereitschaft, moralische Bedenken der israelischen Staatsräson unterzuordnen, im Umgang mit der autochthonen arabischen Bevölkerung hervor. Nicht nur, dass Ben Gurion deren Flucht billigend in Kauf nahm. Vielmehr konstatiert Segev angesichts erhaltener Einsatzbefehle, dass Ben Gurion „die Vertreibung der arabischen Bevölkerung ausdrücklich“ mittrug.

Nachdenklich endet Segevs Ben-Gurion-Biografie. Nachdem der Staatsgründer – bei zunehmenden „Denkschwächen“ und politischer „Verschrobenheit“ – zum „Störfaktor“ geworden sei und nach seinem Rückzug aus der Regierung auch seine eigene Partei gespalten hatte, starb er 1973 kurz nach Ende des Jom-Kippur-Krieges: „Der Jom-Kippur-Krieg endete mit dem Überleben, nicht mit einem Sieg, hinterließ Schwermut und das undefinierbare Gefühl, dass nichts mehr so sein würde, wie es war. Ben Gurions Tod in jenem Augenblick erhielt daher symbolische Bedeutung, war nicht nur Abschied von einem Mann, sondern von einer ganzen nationalen Epoche.“

Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Siedler Verlag, München 2018. 800 S. m. 27 Abb., 35 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 16. Mai 2018.

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