„Mit Christus auf Golgatha“

Christenverfolgung im Nahen Osten war Thema einer Tagung des Gustav-Adolf-Werks in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Am Sonntag Reminiszere gedenken Christen weltweit ihrer bedrängten und verfolgten Geschwister. Dabei stehen aufgrund der gegenwärtigen politischen Entwicklungen vor allem die Gemeinden im Nahen Osten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zu ihrer Unterstützung rief Bischof Markus Dröge gemeinsam mit Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt auf. Diese Unterstützung ist auch anderen kirchlichen Werken – wie etwa dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) – ein Anliegen. Der GAW-Bundesverband veröffentlichte unlängst ein Themenheft „Hilf mir vor meinen Verfolgern!“ über bedrohte evangelische Christen in Syrien und will in diesem Jahr dortige Gemeinden mit 25.000 Euro unterstützen.

Hierzu möchte auch das GAW der Landeskirche beitragen, das sich bedrängter und verfolgter Christen im Nahen Osten mit seinem Studientag 2018 am 19. Februar annahm. Hierzu begrüßte Wolfgang Barthen, Vorsitzender des GAW und früherer Superintendent sachkundige Referenten. Neben Hans-Georg Furian, Superintendent des Kirchenkreises Lichtenberg-Oberspree, der über die Lage in der EKBO berichtete, waren das Friederike Weltzien, 1999 bis 2008 Pfarrerin der Deutschen Evangelischen Gemeinde im Libanon, die in Beirut lebende Journalistin Luisa Meyer sowie Amil Gorgis von der Syrisch-Orthodoxen Gemeinde zu Berlin. Aus ihrer je eigenen Perspektive vermittelten sie ein facettenreiches und differenziertes Bild der Lage vor Ort. Friederike Weltzien und Luisa Meyer verdeutlichten die Omnipräsenz und Vielfalt von Religion in der libanesischen Politik und Gesellschaft: Der Libanon sei, so Weltzien, eine „Völkergemeinschaft mit den unterschiedlichsten Ausprägungen von Religiösität“ – ein Leben ohne Religion sei eigentlich nicht vorstellbar. Luisa Meyer arbeitete heraus, wie die politische Verfasstheit des Libanon diesen Sachverhalt abbildet: So stellt die Verfassung den einzelnen Religionsgemeinschaften per Quotenregelungen die Repräsentation im Parlament und administrativen Ämtern sicher. Protestanten steht etwa ein Sitz im Parlament zu – Konfessionslose hingegen sind von der politischen Mitwirkung faktisch ausgeschlossen.

In diesem Rahmen stehen die Konfessionen in Konkurrenz zueinander. Diese zeigt sich etwa im Wettstreit um den Bau möglichst großer Moscheen oder Kirchen, von denen Weltzien und Meyer berichteten – in erstem Fall vor allem finanziert durch reiche islamische Stiftungen, wie Amil Gorgis ergänzte. Es kommt jedoch nicht mehr zu Ausschreitungen und Massakern wie während des Libanesischen Bürgerkrieges 1975 bis 1990. Die Traumata dieser Zeit sitzen jedoch tief – und erklären die in der libanesischen Gesellschaft verwurzelte Angst vor einem Übergreifen des Syrienkrieges auf den Libanon.

Vor dem Krieg in Syrien habe unter der Assad-Herrschaft mit ihren Folter-Gefängnissen und Spitzeln eine „Atmosphäre des Misstrauens“ bestanden, auch gegenüber Christen, so Weltzien. Jedoch seien sie als Religionsgemeinschaft in ihrem Bestand nicht bedroht gewesen. Heute sei die Lage syrischer Christen dagegen mit der Metapher „mit Christus auf Golgatha“ zu beschreiben, machte Amil Gorgis deutlich. Christen haben Tote zu beklagen in Gemeinden und Familien. Sie müssen den Verlust ihrer Kirchen und Klöster verkraften, doch das Schlimmste sei, dass man „alles auslöschen wolle, was an sie erinnert“. Die verbliebenen Gemeinden, einst im Mittelstand beheimatet, seien verarmt und kaum in der Lage, sich und ihren Geschwistern zu helfen.

Jedoch: Verfolgung und Vertreibung müssen nicht das letzte Wort haben. So berichtete Amil Gorgis von einem Hilfsprojekt in der irakischen Ninive-Ebene, wo Christen ihre zerstörten Dörfer wieder aufbauen und sich neu ansiedeln. Aber er weiß, wie schwer es ist, nach erlittenem Unrecht einen Neubeginn in der Diaspora zu wagen: „Ein Haus kann man wieder aufbauen, aber wenn Vertrauen kaputt geht, ist das eine andere Geschichte.“

Das Themenheft über Syrien „Hilf mir vor meinen Verfolgern“ kann für 5 Euro beim Gustav-Adolf-Werk der EKBO e.V. (www.gawberlin.de) angefordert werden. Kontakt: Tel (030) 31001-1100; E-Mail office@gaw-berlin.de.

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2018.

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