Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.

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