„Regelaufgabe der Kirchen“

Fünf Fragen an Dr. Thies Gundlach

Bereits kurz nach den Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der „Ostdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Jahre 2015 war Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn aus dem Amt des Beauftragten des Rates der EKD für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen ausgeschieden. Gegenüber dieser Zeitung erklärte die EKD nun, dass es im Rahmen einer allgemeinen Verkleinerung des Kreises der Beauftragten nicht zu einer Neubesetzung kommen werde. Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, stellt sich im Interview Rückfragen, die sich aus dieser Entscheidung ergeben.

Herr Dr. Gundlach, über Jahrzehnte war der Beauftragte des Rates der EKD eine feste Institution und ein wichtiger Ansprechpartner für Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler. Welche Überlegungen gaben Anlass dazu, nun auf eine Fortführung dieses Amtes zu verzichten?

Dr. Thies Gundlach (Foto: EKD)

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine längere und intensive Diskussion der Frage hinter sich, welche Beauftragungen er einrichten will und welche nicht. Denn Beauftragungen sind im Kern ja Delegationen von Themen an ausgewählte Personen, die in aller Regel nicht Mitglied des Rates der EKD oder seines Amtes sind. Diese Delegationen dienen einerseits einer Entlastung des Rates, andererseits ermöglichen sie eine gewisse Konzentration auf einen spezifischen Aufgabenbereich. Nicht verbunden mit einer Beauftragung war und ist eine Form der Bewertung oder gar Priorisierung von Aufgabenfeldern. Demzufolge ist die Nicht-Beauftragung eines Themenfeldes auch keinesfalls als Zurückstellung zu verstehen. Vor diesem Hintergrund hat der Rat der EKD die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angewachsenen Beauftragungen kritisch geprüft und insbesondere dort keine neue Beauftragung ausgesprochen, wo Aufgabenfelder im Laufe der Jahre zu Regelaufgaben geworden sind.

Wer wird innerhalb der EKD in Zukunft die bisherigen Aufgaben des Beauftragten wahrnehmen und den Vertriebenen bzw. Spätaussiedlern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen?

Auch wenn zukünftig die Aufgaben des Beauftragten für Spätaussiedler nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden können, wie sie von dem hochengagierten und hochkompetenten letzten Beauftragten, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, ausgeführt wurden, ist die Zuständigkeit für den Themenbereich vom Rat der EKD klar geregelt. Im Grundsatz ist die Zuständigkeit an den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD übertragen worden und wird von mir – gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen – nach besten Wissen und Gewissen übernommen.

Zwar wird die Zahl derjenigen, die Flucht und Vertreibung während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs persönlich erlebten, von Jahr zu Jahr geringer. Demgegenüber stellen jedoch die Aussiedler und Spätaussiedler gegenwärtig eine der beiden größten Migrantengruppen in der bundesdeutschen Gesellschaft dar, bei deren Integration bis heute zudem große Herausforderungen bestehen. Was bedeutet die vom Rat der EKD getroffene Entscheidung für die Bedeutung, die diesem Problemzusammenhang innerhalb der gesellschaftlichen Diakonie zukommt?

Auch als Betroffener oder Engagierter in diesem Arbeitsbereich wird man anerkennen, dass die großen Erstherausforderungen der Spätaussiedler seit einigen Jahren nicht mehr in gleicher Weise auf der ganzen Gesellschaft und damit auch auf der Kirche lasten wie zuvor. Es ist festzuhalten: Aussiedler und Spätaussiedler sind weithin angekommen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und sind ein stabilisierender Faktor der lebensweltlichen Pluralität. Darauf haben sich Kommunen, Kirchenkreise und Landeskirchen eingestellt. Natürlich gibt es nach wie vor viel zu tun im Bereich der Integration, der Begleitung und der Beratung, aber diese Herausforderungen sind nicht mehr vergleichbar mit den Aufgaben, die in den 1980er und 1990er Jahren vorlagen. Insofern signalisiert der Verzicht des Rates der EKD auf eine Berufung eines Beauftragten lediglich, dass die Arbeit mit (Spät-)Aussiedlern zu einer Regelaufgabe der Kirchen geworden ist.

Vergangenes Jahr hat die Deutsche Bischofskonferenz die Beendigung der bisherigen Visitaturen beschlossen, die für die Betreuung der einzelnen landsmannschaftlichen Gruppen katholischer Vertriebener zuständig waren; demgegenüber liegt die Vertriebenenpastoral nun in den Händen der Selbstorganisationen der katholischen Vertriebenen. Innerhalb der EKD organisieren sich die Deutschen aus dem Osten im Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen bzw. den hierin zusammengeschlossenen Gemeinschaften und Hilfskomitees. Welche Zukunftsperspektive hat die EKD für ihren wichtigen Dienst an den von Flucht und Vertreibung Betroffenen bzw. den Nachgeborenen – und wie wird sie deren Organisationen unterstützen?

Grundsätzlich werden solche Initiativen und wichtigen Dienste auf der regionalen Ebene gefördert und geistlich-diakonisch begleitet, soweit die Kräfte reichen. Zugleich können Anfragen im Blick auf Unterstützung und Begleitung gesamtdeutscher Initiativen selbstverständlich an das Kirchenamt der EKD gerichtet werden, sie werden dort bearbeitet und ggf. an die zuständigen Stellen weitervermittelt.

Am 2. September wird der Bund der Vertriebenen mit einem zentralen Festakt den Tag der Heimat begehen, der 2017 unter dem Motto steht: „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. In der bisherigen Tradition des Beauftragten beabsichtigen Sie in diesem Jahr für die EKD das Geistliche Wort zu halten. Ohne Ihrer Ansprache zu weit vorgreifen zu wollen: Welche Botschaft hat die EKD im Jahre 2017 für die deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Spätaussiedler?

Leider werde ich aufgrund einer anderen Verpflichtung – entgegen ursprünglicher Planungen – persönlich nicht anwesend sein können. Herr Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD in Berlin, wird diese Aufgabe übernehmen. Er wird – ohne ihm nun meinerseits vorgreifen zu wollen – ganz auf der hier entfalteten Linie ebenfalls darlegen, warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

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