„Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache“

Die Pfarrerhebung der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Tschechiens Hauptstadt stellt ein wichtiges kirchen- und verständigungspolitisches Signal dar

Prags Erzbischof Dominik Kardinal Duka sowie die Gesandte der Bundesrepublik Deutschland und der Botschafter der Republik Österreich waren am 4. Dezember zu Gast in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt. Grund war der Festgottesdienst anlässlich der Erhebung der dort ansässigen Deutschsprachige Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag, die bereits am 1. Oktober in Kraft getreten war.

Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag. (Foto: LandesEcho)
Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag.
(Foto: LandesEcho)

Nach der slowakischen und der polnischen Gemeinde bilden somit die deutschsprachigen Katholiken nun die dritte fremdsprachige Personalpfarrei in der Erzdiözese Prag. Dies darf als deutliches kirchenpolitisches Signal verstanden werden: Katholiken deutscher Nationalität oder Sprache bilden nicht mehr eine parallele Organisationsstruktur, sondern sind ein anerkannter und fest integrierter Teil der katholischen Kirche vor Ort. So begründete Erzbischof Duka die Pfarrerhebung auch nicht nur mit der Stabilität und dem anhaltenden Wachstum der seit 1990 bestehenden Gemeinde, sondern auch mit der „jahrhundertealten Tradition deutschsprachiger Kultur in der tschechischen Metropole“, wie die Gemeinde mitteilt. „Die Erhebung zur Pfarrei ist ein weiteres positives Signal, das sich gut einreiht in die lange Kette der postiven Signale auf kirchlichem, kulturellen, politischem und wirtschaftlichem Gebiet“, erklärt Pater Martin Leitgöb gegenüber dem DOD. Der aus Österreich stammende Redemptorist war bisher Gemeindeseelsorger und ist nun Pfarradministrator der deutschen Gemeinde. Das Signal, das die katholische Kirche gesetzt hat, wird in Tschechien wahrgenommen: „Die Pfarrerhebung hat auch in Tschechien ein beträchtliches Echo ausgelöst. So haben mehrere kirchliche und weltliche Medien berichtet – und zwar immer positiv“, berichtet Leitgöb: „Im Grunde genommen ist daran zu sehen, dass sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Tschechen durchaus normalisiert haben bzw. dass man auf beiden Seiten bereit ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu arbeiten und sich gemeinsam für eine versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas einzusetzen.“

So alt die deutsche Tradition ist, an die die Gemeinde anknüpfen kann, ist sie jedoch keine klassische Minderheitengemeinde der seit Jahrhunderten ansässigen Deutschen – wie sie etwa die protestantischen Siebenbürger Sachsen in Rumänien bilden – bzw. stellen die autochthonen tschechischen Staatsbürger mit deutscher Muttersprache nur einen Teil der Gemeindeglieder dar. Neben ihnen setzt sich die – von einem relativ niedrigen Altersdurchschnitt geprägte – Gemeinde aus Angehörigen binationaler Familien und berufsbedingt in Prag lebenden Deutschen, Österreichern und Schweizern zusammen.

Dennoch ist die Pfarrerhebung gerade für die heimatverbliebenen Deutschen von zentraler Bedeutung. „Kardinal Duka sagte beim Festgottesdienst zur Pfarrerhebung am 4. Dezember den schönen Satz: ‚Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache‘“, hebt Leitgöb hervor. Dementsprechend fühle sich die „Pfarrgemeinde eingebettet in die jahrhundertelange deutschsprachige Kulturtradition der tschechischen Hauptstadt“ und wolle ihren Beitrag „zum Weiterbestand dieser Tradition leisten“.

Zu diesem Zweck arbeitet die Gemeinde mit den Organisationen sowohl der heimatverbliebenen als auch der heimatvertriebenen Deutschen zusammen: Leitgöb betont das gute Einvernehmen mit dem „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ und dem „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität in der Republik Tschechien“. Ferner bestünden enge Kontakte, mit der Ackermann-Gemeinde und der Sudetendeutschen Landsmannschaft. „Ich selber bin neben meiner Funktion als Pfarrer auch Geistlicher Beirat der tschechischen Ackermann-Gemeinde“, erklärt Leitgöb.

Dabei vermag es die Gemeinde nicht nur, deutschsprachigen Katholiken in Tschechien ein Stück Heimat zu geben und so auch zu ihrer Identitätsbindung beizutragen. Daneben leistet sie einen zentralen Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen, und damit zur Stärkung eines europäischen Bewusstseins, das gegenwärtig vielfachen Angriffen ausgesetzt ist. In diesem Zusammenhang ist für Leitgöb der Begriff „Dialog“ wichtig: „Wie wichtig dieser Dialog weiterhin ist, wurde mir in den letzten Monaten an den unterschiedlichen Standpunkten zwischen Deutschen und Tschechen in der Flüchtlingspolitik bewusst. Ich selber versuchte immer wieder, so gut ich konnte, tschechischen Freunden die deutschen Positionen zu erklären und deutschen Freunden die tschechischen Positionen. Das kann manchmal mühsam sein, aber es geht nicht anders. Ich versuche, diesen Dialog auch in unserer Pfarrei zu pflegen, immerhin sind wir ja eine Gemeinschaft aus Tschechen und Deutschen.“

In diesem Sinne wollen die Gemeinde und Leitgöb auch in Zukunft weiter wirken: „Es gibt wohl nicht viele Vereinigungen, in denen die konkrete Verständigung mit einer so hohen Regelmäßigkeit – Sonntag für Sonntag und vielfach auch dazwischen – geschieht.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2016 und Sudetendeutsche Zeitung 51/52/2016.

Advertisements

Ein Gedanke zu “„Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s