Zeugen brandenburgischer Geschichte

Stadtjubiläen und ihre Bedeutung für die Kirche

Von Tilman Asmus Fischer

Fehrbellin, Friesack, Glienecke, Kremmen, Luckenwalde, Nuthetal-Saarmund, Oranienburg, Rathenow, Rhinow, Saarmund, Zehdenick in Brandenburg und Jessen in Sachsen-Anhalt – vor 800 Jahren wurden diese Orte erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Jubiläum ist – auch in einem säkularen Staat – sowohl für die politischen, als auch die kirchlichen Gemeinden ein Anlass des Gedenkens und Feierns.

Dass weltliches und kirchliches Gedenken zusammenfallen, liegt bereits im Charakter des Dokuments begründet, in dem die Orte ihre erstmalige Erwähnung finden – erläutert Winfried Schich, 1992 bis 2003 Professor für Landesgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin: „Bischof Siegfried II. von Brandenburg stellte am 28. Dezember 1216 eine Urkunde für die Domherren von Brandenburg aus, die mit dem Dompropst an der Spitze das Domkapitel bildeten. Er ließ eine zweite Urkunde weitgehend gleichen Inhalts folgen, die auf denselben Tag datiert, aber wohl wenig später ausgefertigt wurde. Der Bischof bestätigte unter anderem dem Dompropst den mit der Domkirche verbundenen Archidiakonat.“

Was hatte es mit dem Propst und dem Archidiakonat auf sich? „Der Propst nahm als Archidiakon in seinem Sprengel umfassende bischöfliche Rechte wahr“, erklärt Schich. 1161 war die Diözese Brandenburg von Bischof Wilmar in die Archidiakonate Brandenburg und Leitzkau aufgeteilt worden. Die Grenze zwischen beiden wurde anhand von Burgwarden festgelegt, erläutert Schich: „Burgwarde waren Bezirke mit einem zentralen Burgort, über die das Land erfasst und der Landesausbau organisiert wurde.“

Dabei ging die Entwicklung weltlicher und kirchlicher Strukturen Hand in Hand: „Aus den zentralen Burgorten gingen Marktorte mit eigener Pfarrkirche und schließlich Städte und Städtchen hervor“, so Schich: „Die Kirchenorganisation orientierte sich an den Hauptorten der weltlichen Bezirke und wurde mit fortschreitender Aufsiedlung und Christianisierung nach Osten ausgeweitet.“ Dieses Vordringen gegenüber 1161 wird 1216/1217 fassbar und macht die Bedeutung der 800 Jahre alten Urkunde aus: „Bischof Siegfried beschrieb 1216 die Nord-Süd-Ausdehnung, unter anderem mit Jessen und Rhinow“, so Schich, „und fügte im Osten mehrere Burgorte – darunter Luckenwalde und Saarmund – sowie alle Länder und Dörfer hinzu, die innerhalb der genannten Grenzen noch angelegt werden sollten.“ In der zweiten Ausfertigung der Urkunde – vielleicht Anfang 1217 – ergänzte der Bischof im Norden weitere Burgbezirke und Landesmittelpunkte: Rathenow, Friesack, Fehrbellin, Kremmen, Bötzow (seit 1652 Oranienburg), und Zehdenick werden hier erstmals erwähnt.

Heute nehmen die evangelischen Kirchengemeinden regen Anteil an den stadtgeschichtlichen Jubiläen. So zum Beispiel in Luckenwalde: „Das Verhältnis zwischen Stadt und Kirchengemeinde wird von kirchlicher Seite als eng verflochten gesehen“, sagt Pfarrerin Stephanie Hennings von der evangelischen Kirchengemeinde Luckenwalde. Ein Symbol hierfür ist der Glockenturm der Johanniskirche, erläutert sie: „Denn unter Luckenwaldern ist er bekannt als der Marktturm, der sogar das Wahrzeichen der Stadt ist. Dieser Turm wird also in den Augen vieler zuerst mit der Stadt assoziiert und nicht mit der Kirche.“

800 Jahre gemeinsame Geschichte von Stadt und Kirche sind durchaus auch ambivalent: Heute sind Stadt und Kirche Partner im Einsatz „gegen rechtsradikale Gesinnung“, berichtet Hennings. Doch erinnerten sich auch noch viele Gemeindeglieder an das belastete Verhältnis vor 1989, „als Kirchgänger Repressalien aufgrund ihrer Kirchentreue erfahren mussten“.

2016 konnten Stadt und Kirche gemeinsam feiern. Dies taten sie bereits zu Himmelfahrt mit einer ökumenischen Feier und anschließender Umrundung der Stadt auf Fahrrädern und Inlineskatern unter dem Motto „Heaven Skate“. Beim „Turmfestgottesdienst“ auf dem Luckenwalder Marktplatz am 5. Juni wurde gleichfalls der zurückliegenden Jahrhunderte gedacht. Am 13. November schließlich führte der Chor der Kirchengemeinde in der Stadthalle Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Immerhin stammt dessen Text aus der Zeit der Ersterwähnung Luckenwaldes vor 800 Jahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Dir Kirche – Evangelische Wochenzeitung 50/2016.

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