Verschwundenen Orten auf der Spur

Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ präsentiert in Berlin seine fünfte Ausstellung

„Namen, die keiner mehr nennt“ – mit dem Titel ihres vielfach aufgelegten Buches hatte Marion Gräfin Dönhoff bereits vor Jahrzehnten auf einen Aspekt des deutschen Gebietsverlustes im Osten aufmerksam gemacht, der über die Fragen von Staatsgebiet und Privateigentum weit hinaus geht : Das Verschwinden der Geschichte von Vertreibungsgebieten aus dem kollektiven Gedächtnis, das mit der Vernichtung historischer Orte einherging. Diese Form des Verlustes beschäftigt nicht nur die von dort Geflüchteten und Vertriebenen, sondern gleichfalls die heute in diesen Landschaften lebenden Menschen.

Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein. (Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)
Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein.
(Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)

Erstmals befasst sich nun eine Ausstellung auf grundsätzlicher Ebene mit den Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen des Verlustes ganzer Orte und ihrer Geschichte im heutigen Königsberger Gebiet, in Polen und Tschechien. „Verschwunden – Orte, die es nicht mehr gibt“ ist zugleich die fünfte Ausstellung der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV). Anders als die vier vorangegangenen Ausstellungen ist sie von Anbeginn an als Wanderausstellung konzipiert und wird im Berliner Kronprinzenpalais gegenwärtig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Eröffnet wurde sie am 8. November durch die ZgV-Vorstandsvorsitzende Erika Steinbach MdB und den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans-Gert Pöttering.

Vermittelt von Texttafeln, Bild- und Kartenmaterial sowie mehreren Multimediastationen, zeichnet die Ausstellung Schicksale unterschiedlicher Orte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nach. Dabei fasst sie den Begriff verschwundener „Orte“ zugunsten der Erschließung grundsätzlicher Phänomene kollektiven Verlustes von Kulturerbe und Erinnerungen recht weit: „Dörfer, Städte, Kirchen, Bauernhöfe, Schlösser, Fabriken oder Industrieanlagen sowie Friedhöfe, Denkmäler, Standbilder oder Inschriften überdauern nur, wenn es Menschen dafür gibt. Was aber wird aus ihnen, wenn die Menschen plötzlich verschwinden?“ – So fragte Erika Steinbach im Rahmen ihrer Erläuterungen anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Mit Entvölkerung, Kriegszerstörungen und Grenzziehungen, die ihrerseits weitreichende Konsequenzen zeitigten, erfasst die Ausstellung die primären Ursachen für die Vernichtung und fehlende Wiederherstellung ganzer Orte und Stadtteile oder einzelner Denkmäler. Mit der Entfernung von Symbolen, mit Kirchenfeindlichkeit bzw. Atheismus und schließlich mit „Preußenhass“ und dem propagierten „Klassenkampf “ fokussiert sie die Motivationen und konkreten Programme einer gezielten kultur- und geschichtspolitischen Umgestaltung der historischen deutschen Reichs- und Siedlungsgebiete. Dabei geraten sozioökonomische Faktoren wie Enteignung, Planwirtschaft und städtebauliche Neuordnungen allerdings nicht aus dem Blick. Schließlich wird die Perspektive auch auf konstruktive Entwicklungen – in Form von selektivem Wiederaufbau und Rekonstruktionsversuchen – erweitert.

„Hauptanliegen der Ausstellung ist es, in einer ‚historischen Spurensuche‘ diesem Untergang exemplarisch nachzuspüren“, erklärte Erika Steinbach: „Gleichzeitig legt die Ausstellung ein Augenmerk auf aktuell zu beobachtende bürgerschaftliche, kommunale und staatliche Initiativen, noch vorhandene Bauwerke, Kulturdenkmäler, Friedhöfe und andere Spuren der deutschen Vergangenheit zu retten oder in Einzelfällen sogar neu zu errichten.“

Unter den untersuchten Beispielen finden sich auch westpreußische Orte : Danzig, Elbing und –subsumiert unter „Ostpreußen“ – Schloss Finckenstein sowie Gut Neudeck ; gleichfalls für die westpreußische Geschichte relevant sind das Ehrenmal in Tannenberg sowie das „Westpreußenkreuz“ und weitere „Abstimmungsdenkmäler“. Finckenstein und Neudeck gehören zu denjenigen Orten, deren Erhalt aufgrund ihrer prominenten Bedeutung für – das auf Militarismus und Feudalismus reduzierte – Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern abgelehnt wurde.

Anhand der in der Zwischenkriegszeit in West- und Ostpreußen errichteten Denkmäler thematisiert die Ausstellung zudem eine Reihe symbolisch aufgeladener Orte, die gerade die Funktion erfüllten, die rechtmäßige Zugehörigkeit ihrer Landschaft zum deutschen Staat zu dokumentieren – und deshalb nach dem Kriege gänzlich obsolet geworden waren. Mit Danzig und Elbing werden am Ende jedoch auch zwei jeweils unterschiedliche Konzepte des Wiederaufbaus großflächig zerstörter Städte präsentiert.

Neben vielen Besuchern sollte der Ausstellung zu wünschen sein, dass sie einen nachhaltigen Nachahmungseffekt hervorruft : Indem sie einzelne der Namen, die keiner mehr nennt, wieder in Erinnerung bringt, weist sie zugleich auf die große Zahl der verschwundenen Orte hin, die bisher nicht bis kaum erschlossen oder gar erforscht sind.

Tilman Asmus Fischer

Bis zum 8. Januar 2017 wird die Ausstellung von Montag bis Mittwoch zwischen 10 und 18 Uhr und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr im Kronprinzenpalais (Unter den Linden 3, 10117 Berlin) für Besucher geöffnet sein. Die Eintrittspreise betragen 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Nach vorheriger Absprache können Führungen organisiert werden. Weitere Informationen: http://www.ausstellung-verschwundeneorte.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

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