„Erinnerungseinsamkeit“

Christopher Spatz: Ostpreußische Wolfskinder. Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Osnabrück: fibre Verlag, 2017, 239 S., Karte, € 29,80

Eine Dissertation als Buchempfehlung zum Weihnachtsfest? Und dann auch noch zu einem Kriegs- und Vertreibungsthema? – Im Falle von Christopher Spatz’ neuem Standardwerk über Ostpreußische Wolfskinder kann ich diese Empfehlung besten Gewissens geben! Nicht nur, weil das Buch – nach dem methodisch-theoretischen Vorspann – die historische Analyse mit einer dichten Erzählung von Einzelschicksalen verbindet, sondern auch, weil der Autor einen wichtigen – wissenschaftlich fundierten – Debattenbeitrag zum Vertreibungsdiskurs leistet, der von Betroffenen und historisch Interessierten zur Kenntnis genommen werden sollte.

Zum einen leistet der Autor – der Dutzende Interviews mit Wolfskindern geführt und Archivmaterialien ausgewertet hat – Grundlagenarbeit zur Geschichte einer Opfergruppe, die für die historische Forschung ein immer noch wenig erschlossenes Problemfeld darstellt. Zum anderen führt Spatz einen Begriff ein, der womöglich zukünftig in der Aufarbeitung der individuellen und kollektiven Rezeption von „Flucht und Vertreibung“ wirkmächtig werden kann: Die Erinnerungseinsamkeit – ein für die Gruppe der Wolfskinder markantes Phänomen, das jedoch mithin viele Vertriebene für sich beanspruchen können, ohne dass es bisher analytisch expliziert worden wäre.

„Im öffentlichen Kommunikationsraum klangen“, so Spatz, „schon versuchs- und scheibchenweise geäußerte Erinnerungen von Wolfskindern dissonant und inkorrekt, da sie sich vom Adressaten nicht zufriedenstellend in ein offiziell anerkanntes Opfernarrativ einordnen ließen und somit die soziale Erwartungshaltung verfehlen mussten.“ Als Konsequenzen für die Betroffenen macht Spatz ebenso „Verdrängungsstrategien“ wie Versuche einer Anpassung des eigenen Narrativs an die vermuteten sozialen Erwartungen deutlich.

Gewiss keine leichte Kost – auch aufgrund der Schilderungen aus dem Königsberger Gebiet der Nachkriegszeit. Aber dennoch: die Lektüre lohnt sich in jedem Falle.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

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Ein Gedanke zu “„Erinnerungseinsamkeit“

  1. Zur Zeit läuft eine Suche nach ehemaligen Wolfskindern durch die Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Frankfurt am Main, für ein Buchprojekt des Leistungskurses, Näheres auf meinem Blog. Da ich das Projekt gut finde – ohne selbst involviert zu sein! -, bitte weitersagen, damit möglichst Viele von dem Aufruf erfahren!

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