Auf ein Wort: Identität um der Menschenrechte Willen

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

„Identität schützen – Menschenrechte achten“ lautet das diesjährige Leitwort für den Tag der Heimat. Diese Formel ist nicht nur aktuell – denkt man an unzählige Menschen, die heute aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Identität auf der Flucht sind. Sie hat auch anhaltende Bedeutung für diejenigen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren oder jenseits von Oder und Neiße als Minderheit in ihrer Heimat verblieben. Dabei lässt sich zwischen den beiden Forderungen „Identität schützen“ und „Menschenrechte achten“ eine spannende Wechselbeziehung beobachten.

Auf der einen Seite kann die Verwirklichung von (kulturellen) Menschenrechten als Voraussetzung für den Schutz von Identität betrachtet werden: Der im Frühjahr gefasste Regierungsbeschluss zur Kulturförderung nach dem Bundesvertriebenengesetz gibt Grund zur Hoffnung, dass Geschichte, Tradition und Identität der Heimatvertriebenen und ihrer Nachkommen weiterhin in Deutschland Schutz erfahren und zunehmend als Teil des kollektiven deutschen Gedächtnisses verstanden werden. Was den Schutz und die Weiterentwicklung der – gerade auch sprachlichen – Identität der deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Osteuropa betrifft, so besteht in einzelnen Staaten weiterhin nicht unerheblicher Handlungs- und Verhandlungsbedarf.

Auf der anderen Seite ist jedoch festzuhalten, dass Identität wiederum Voraussetzungen schafft, unter denen die Achtung von Menschenrechten möglich wird. Der Ethiker Eilert Herms hat auf die Bedeutung von Tradition für die Ermöglichung gesellschaftlichen Fortschritts hingewiesen: Dieser ist nur realisierbar auf der Grundlage bisheriger gesellschaftlicher Errungenschaften und Erfahrungen aus historischen Lernprozessen – die jeweils der Überlieferung, der Tradition bedürfen. Nun lassen sich Tradition und Identität nicht einfach gleichsetzen – jedoch möchte ich an dieser Stelle von Identität als bewusster sinnstiftender Aneignung von Tradition(en) durch Einzelne oder Gruppen ausgehen.

Dieses Verständnis von Tradition schärft das Bewusstsein dafür, dass wir es mit Erfahrungsbereichen zu tun haben, die über Sprache und Brauchtum hinausgehen. Gegenstand von Identität sind damit auch historische Erfahrungen, die mehr oder weniger explizit von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zu diesen Erfahrungen gehören – insbesondere mit Blick auf das 20. Jahrhundert – auch diejenigen begangenen und erlittenen Unrechts; späterhin Erfahrungen gelungener und misslungener Verständigungs- und Versöhnungsprozesse. Diese Erfahrungen werden tradiert und prägen die Identität einzelner Gruppen: Kaschuben und Polen gedenken etwa in Piasnitz der Massaker im Zweiten Weltkrieg, deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene in Gdingen des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“.

Es sind gerade diese tradierten Erfahrungen, die ihre Träger dazu veranlassen, sich heute vehement für die Achtung von Menschenrechten und gegen Menschenrechtsverletzungen einzusetzen. Diese Erfahrungen sind nicht herauslösbar aus der kulturellen Identität ihrer Träger und nicht unabhängig von ihr tradierbar. Und gerade deshalb gilt auch: Identität schützen – um der Menschenrechte Willen!

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 9/2016.

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