„Man muss Konflikte austragen“

Kerstin Griese, Mitglied im Rat der EKD und Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die religionspolitischen Herausforderungen angesichts von Flucht und Migration und über den Islam, der keine Kirche ist.

Am 13. Juni hat ein junger Mann in Lingen auf ein Flüchtlingsheim geschossen und zwei Menschen verletzt. Was können Kirchen und Religionsgemeinschaften tun, um solchen Vorkommnissen entgegenzuwirken?

Kerstin Griese (Foto: KG)
Kerstin Griese
(Foto: KG)

Leider wird ein viel zu großer Teil der auf Flüchtlingsunterkünfte verübten Anschläge nicht aufgeklärt. Es ist die Aufgabe der Polizei, der Justiz und Verfassungsschutzes, hier mit allem Nachdruck zu ermitteln sowie im Vorfeld für einen Schutz der zu uns kommenden Menschen zu sorgen. Die Zivilgesellschaft, zu der auch die Kirchen gehören, muss wachsam sein und mithelfen, dass kriminelle und menschenverachtende Anschläge niemals auf ein Klima stoßen, in dem die Täter auf Beifall hoffen können.

Was können Kirchen und Religionsgemeinschaften denn konkret leisten, um neben einer solchen Konflikt-Prävention Begegnung und – auch theologischen – Dialog zu fördern?

Gerade auf Ebene der Städte und Gemeinden findet sehr viel Begegnung statt. Im Konfirmandenunterricht werden Moschee und Synagoge besucht, Moscheegemeinden laden zum Iftar-Essen ein und besuchen Kirchen. Das läuft vor Ort und im Kleinen sehr gut, und dahinter steckt das Potenzial der großen monotheistischen Religionen, Gemeinsamkeiten zu finden. Das gelingt an sehr vielen Stellen. Man muss jedoch auch Konflikte, wo es sie gibt, offen ansprechen und austragen.

Was kann die Politik für einen solchen Dialog tun?

Der interreligiöse Dialog muss sehr stark von den Kirchen und Religionsgemeinschaften selbst betrieben werden. Hier sollte sich die Politik – ganz im Sinne der Trennung von Staat und Kirche – nicht zu sehr einmischen. Aber sie kann ihn befördern: Es ist gut, dass wir die Islamkonferenz als einen Ort haben, wo mit den muslimischen Verbänden Gespräche über die Themen, die uns alle bewegen, stattfinden. Und es ist gut, dass wir nun endlich Lehrstühle für islamische Theologie haben. So können Lehrer für den islamischen Religionsunterricht und künftig auch Imame in Deutschland ausgebildet werden. Das fördert die Integration.

Welche Fortschritte macht dieser Integrationsprozess?

Wir haben gerade das Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration erhalten und diskutiert. Dieses sagt klar: Dass sich der Islam in unser Religionsverfassungsrecht und unseren Staat integriert, ist die eigentlich wichtigste Herausforderung. Die spannendste religionspolitische Frage in diesem Jahrzehnt ist, wie wir es schaffen, dass die Muslime, die heute schon in Deutschland leben und hierher kommen, ihr Recht auf Glaubensfreiheit im Rahmen unserer Grundwerte wahrnehmen können. Über 95 – wahrscheinlich 99 – Prozent der Muslime in Deutschland akzeptieren unsere Werte und das Grundgesetz. Es ist wichtig, dass alle Menschen ihre Religions- und Glaubensfreiheit leben können. Hierfür zu sorgen, ist die Aufgabe der Politik.

Wie gelingt das konkret?

Vieles findet in den Bundesländern statt – etwa die Einführung des islamischen Religionsunterrichts. Nordrhein-Westfalen, wo ich lebe, hat das Modell eines Beirates entwickelt, wo unterschiedliche muslimische Organisationen zusammen mit dem Staat am Kurrikulum für den Religionsunterricht arbeiten. Auch für die Anerkennung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KöR) sind die Länder zuständig.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich der Islam in den Strukturen einer solchen KöR etabliert?

Tatsache ist, dass der Islam eine Religion, aber keine Kirche ist. Wir können uns auf den Kopf stellen, aber er wird sich nicht nach den Regeln des deutschen Protestantismus organisieren. Wir müssen uns aufeinander zubewegen und ich glaube, dass sich auch Muslime demokratisch und transparent organisieren können. Wir werden dazu kommen müssen, dass repräsentative Organisationen der Muslime, die Islamwissenschaft und islamische Theologie ihren Platz in der Gesellschaft finden. Das wird nicht schnell gehen, aber der Islam wird Wege finden, wie er sich so organisiert, dass er Ansprechpartner für staatliche Organisationen und Repräsentanten ist. Diese Debatte muss auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft geführt werden und wird dort geführt.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 28/2016.

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