Deutsch-tschechische Beziehungen in Zeiten des Brexit

Der Sudetendeutsche Rat tagte vom 24. bis 26. Juni 2016 in Marienbad

Angesichts anhaltender Spannungen in der Bewältigung der Flüchtlingsfrage und des nur zwei Tage zuvor beschlossenen „Brexit“ führte der Sudetendeutsche Rat (SR) seine Marienbader Gespräche durch, die sich seit Jahren als erfolgreiches Format des deutsch-tschechischen Dialoges bewährt haben. Das diesjährige Thema „Flucht und Vertreibung damals und heute – politische Herausforderungen für Europa“ bot dabei den idealen Rahmen, sich über den aktuellen Stand der deutsch-tschechischen Beziehungen im Kontext der europapolitischen Gemengelage zu verständigen.

Dass die politischen Entwicklungen des zurückliegenden Jahres hinsichtlich dieses Dialoges zuversichtlich stimmen können, machte SR-Generalsekretärin Christa Naaß MdL in ihrer Eröffnungsrede deutlich: Sowohl die Satzungsänderung und Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft als auch die konstruktiven Signale der tschechischen Seite wie die Brünner Erklärung und die Rede des tschechischen Kulturministers Daniel Herman auf dem Sudetendeutschen Tag wertet Naaß positiv.

Auf die aktuelle Dimension der gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung verwies der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt: Diejenigen, die sich in Tschechien mit dem Gedenken an die Vertreibung der Deutschen schwer täten, würden sich auch mit syrischen Flüchtlingen schwer tun. Unter Verweis auf Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi forderte Posselt, das historische Erbe Ostmitteleuropas als europäischen Auftrag zu verstehen und politische fruchtbar zu machen. Dass Verantwortungsträger aus Politik und Gesellschaft in Deutschland und Tschechien diese Verantwortung wahrnehmen, zeigt die Resonanz, die die Marienbader Gespräche auch dieses Jahr wieder fanden. Neben den Vertretern aus unterschiedlichen landsmannschaftlichen Gliederungen, waren sowohl Akteure aus der europäischen Politik – so der ehemalige Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Libor Roucek (ČSSD), der deutsche Botschafter in Prag, Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, Botschafter a.D. František Černý und der ungarische Botschaftsrat Miklós Márvány – als auch aus der Bundespolitik – mit den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Ernstberger und Rita Hagl-Kehl – und Kommunalpolitik – so mit einem Grußwort der Marienbader Bürgermeister Petr Trešnak (Tschechische Piratenpartei) – vertreten.

Die Vielschichtigkeit, die der deutsch-tschechische Dialog inzwischen erreicht hat, machten die Berichte der unterschiedlichen Institutionen und Projekte deutlich, die am Gedankenaustausch teilnahmen: Erstmals beteiligte sich die Friedrich-Ebert-Stiftung, für die Anne Seyfferth die Arbeit des von ihr geleiteten Prager Büros vorstellte. Gleichfalls erstmalig vertreten war Pater Martin Leitgöb, der über die von ihm betreuten deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag berichtete.

Als Vorsitzende des Verwaltungsrates des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der deutsch-tschechischen Parlamentariergruppe überbrachte Petra Ernstberger MdB Grüße von zwei traditionellen Partnern des Sudetendeutschen Rates. Gleiches gilt für den ‚Chef-Diplomaten’ der Sudetendeutschen in Prag, Peter Barton, der über aktuelle Vorgänge im Sudetendeutschen Büro berichtete. Über die Notwendigkeit und Perspektiven einer intensiven Debatte über Menschenrechte und europäische Integration sprach für das Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum dessen Ko-Vorsitzender Libor Roucek. Einblick in die Thematik der laufenden bayerisch-tschechischen Landesausstellung gab Dr. Marco Bogade von der Akademie Mitteleuropa, Bad Kissingen, der über „Kunst und Macht – Macht durch Kunst. Kaiser Karl IV. zwischen Nürnberg und Prag“ sprach

Von besonderem Interesse war der Vortrag von Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, der über den „Strategischen Dialog“ zwischen dem deutschen Auswärtigen Amt und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Tschechischen Republik sprach und der Frage nach Einbringungsmöglichkeiten für den Sudetendeutschen Rat nachging. Dabei wies er in besonderer Weise auf die 2015 im Dialogforum geschaffene Arbeitsgruppe zum „Strategischen Dialog“ hin, sowie auf die Möglichkeit zur Beteiligung am für 2017 geplantem deutsch-tschechischen Kulturfrühling.

Letztlich boten die Marienbader Gespräche jedoch nicht nur Raum zur Debatte über Gegenwarts- und Zukunftsthemen, sondern zeigten auch in drei Vorträgen die historischen Wurzeln des gegenwärtigen Dialogs auf: Während der Historiker Dr. Matej Spurny die tschechische Aufarbeitung der „langen Schatten der Vertreibung“ einer kritischen Analyse unterzog, gab Ingrid Sauer vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv anhand des „60jährigen Bestehens des Sudetendeutschen Rates“ Einblick in das Sudetendeutsche Archiv und der Berliner Journalist Ulrich Miksch bot eine profunde Studie über den vor 50 Jahren verstorbenen Wenzel Jaksch: „Ein demokratischer Politiker als Parlamentarier in der 1. Tschechoslowakischen Republik und im Deutschen Bundestag“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 03/2016.

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