Priester als Steigbügelhalter

Viele Polen sehen in der gegenwärtigen Politik der regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) eine Bedrohung für die Bürgerrechte. Die außerparlamentarische Opposition sammelt sich in dem 2015 gegründeten „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“ (KOD). Im Interview berichtet der Sprecher des Regionalkomitees Lodz und Vizerektor der Universität Lodz, Jarosław Płuciennik, über die aktuelle politische Lage und die Politisierung von Teilen des polnischen Katholizismus. Tilman Asmus Fischer und Marcus König trafen ihn bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie zu Berlin.

Herr Płuciennik, wie konnte es zu den aktuellen politischen Entwicklungen kommen?

In vielen Ländern zeichnen sich derartige Entwicklungen ab, kommen Populisten an die Macht und sind bestimmte Werte in Gefahr. Meine persönliche Meinung zum Wahlerfolg der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) ist folgende: Bei den Wahlen ging es nicht etwa um universelle Werte. Sie wurden gewonnen, weil in katholischen Kirchen von der Kanzel gepredigt wurde, PiS zu wählen.

Priester als Steigbügelhalter der PiS?

Prof. Dr. Jarosław Płuciennik
(Foto: Anka6319/Wikipedia)

Die Verbindungen zwischen der PiS und dem Radiosender „Radio Maryja“ und seinen Anhängern sind offensichtlich. Dieser Teil der polnischen katholischen Kirche ist meiner Meinung nach – und auch nach Einschätzung des emeritierten Weihbischofs Tadeusz Pieronek – eine Art Sekte, die nicht einmal auf Papst Franziskus hören will.

Was bedeutet das in der Praxis?

Es verwundert mich als Protestanten, dass einerseits selbst Papst Franziskus von der Trennung von Kirche und Staat spricht, andererseits aber katholische Priester das „Nationalradikale Lager“ (ONR) unterstützen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass das ONR in Bialystok und in meiner Heimatstadt Lodz von katholischen Geistlichen in der Kirche vor Kindern und Jugendlichen gesegnet wird und auf der Straße gegen Multikulturalität wettert. Das ONR ist letztlich Teil einer Strategie unserer Regierung, mit der sie verhindern will, dass es rechts von ihr politische Konkurrenz gibt. Das öffnet dämonischen Kräften letztlich Tür und Tor!

Gibt es denn auch liberale katholische Theologen, die der Regierungspolitik kritisch gegenüberstehen?

Die katholischen Theologen kenne ich nicht zur Genüge, aber es gibt eine ganze Menge bewusst katholischer Intellektueller, die eine kritische Meinung vertreten – unter anderem in Umfeld der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“.

Sie selbst sind Lutheraner. Welche Position vertritt Ihre Kirche gegenüber der Regierungspolitik?

Eine offizielle Positionierung der Kirche gibt es nicht. Während die Mehrheit der Kirchenmitglieder der Regierung kritisch gegenübersteht, gibt es aber auch lutherische Geistliche, die den Regierungskurs unterstützen. Dagegen kann ich für einen Teil der Protestanten sprechen, die allgemeine Werte bekennen und sich von diesen ausgehend ein Urteil über die Regierung bilden. Viele Protestanten haben Sorgen: Erstens weil gesagt wird, dass ein großes katholisches Polen gebaut werden soll. Und zweitens davor, dass das „Nationalradikale Lager“ etwa in Lodz durch die Straßen patrouilliert um nach „Fremden“ zu suchen und vielleicht auch Protestanten darunterfallen.

Wie reagiert das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) auf diese Entwicklungen?

Wichtig ist, dass das KOD sich weder als katholisch noch protestantisch noch atheistisch versteht, sondern religiös ungebunden ist. Es geht uns darum, für Grundwerte und europäische Menschenrechte einzutreten: Unsere Verfassung definiert die Nation als gemeinsame Sache unter Einschluss aller Bürger, ganz unabhängig von der Herkunft.

„Universale Werte“ – was genau ist es, wofür das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) eintritt? Aus welchen politischen Lagern sammeln sich die Aktivisten?

Es handelt sich um eine Bürgerbewegung, die gerade erst auf dem Weg ist, sich zu profilieren. Aber ihr Ziel ist die Verteidigung der Grundrechte. Die aktuelle Situation in Polen lässt sich mit in Flammen stehenden Fundamenten vergleichen. Und wenn man die Fundamente löschen will, ist es ganz egal, aus welcher Richtung Hilfe kommt. Die gemeinsame Identität ist die Verteidigung der Rechtstaatlichkeit und Verfassung – ihrer Grundlagen: Freiheit, Gleichheit und Demokratie.

Welche Art der konkreten Unterstützung erwarten Sie von Gleichgesinnten aus Deutschland und Europa – von Kirchen, Politik und Zivilgesellschaft?

Als gläubiger Protestant sage ich natürlich, dass die Kirchen beten können. Aber dann geht es vor allem darum, dass man sich im Ausland Polen nicht verschließt. Wir repräsentieren als KOD ein europafreundliches Polen und wollen mit dem Ausland zusammenarbeiten: Der grenzübergreifende Dialog erfordert die Vernetzung mit unterschiedlichen Nichtregierungsorganisationen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 27/2016.

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