Glaube an eine Veränderung der politischen Situation

In den 1980er Jahren Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend und ab 1987 BdV-Generalsekretär, wurde Hartmut Koschyk 1990 für die CSU in den Deutschen Bundestag gewählt. Dort – ebenso wie im Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland – setzt sich der Mitbegründer der AGMO e.V. – Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen – für die Belange der deutschen Volksgruppen, gerade auch in der Republik Polen, ein. Seit 2014 bekleidet Hartmut Koschyk das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Im Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der AGMO e.V., Tilman Fischer, zieht er Bilanz, blickt auf politische Erfolge der letzten Jahrzehnte zurück und spricht über die Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft.

Wie kam es, dass Sie schon sehr früh in Ihrer politischen Laufbahn begannen, sich für die Volksgruppenrechte der Deutschen in Polen einzusetzen?

Ich stamme aus einer oberschlesischen Familie und bin sehr früh durch meine Eltern an die Thematik der Heimatvertriebenen, aber auch durch noch in Schlesien verbliebene Angehörige an die Lage der nach 1945 in Schlesien und anderen Gebieten östlich von Oder und Neiße verbliebenen Deutschen herangeführt worden. Deshalb ist das immer ein Teil meiner Identität gewesen und deshalb habe ich mich von frühester Jugend an mit dieser Thematik beschäftigt.

Wie haben Sie damals die Lage der Deutschen in der Volksrepublik Polen erlebt?

Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB und der stellv. Vorsitzende der AGMO e.V., Tilman Fischer im Gespräch
Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB und der stellv. Vorsitzende
der AGMO e.V., Tilman Fischer im Gespräch

Ich erlebte etwa, wie ein Cousin von mir aus der damaligen Volksrepublik über Jugoslawien in die Bundesrepublik geflohen ist. Mit der politischen Thematik bin ich dann als Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend und durch die zusammen mit Peter Oprzondek aktiv betriebene Gründung der AGMO als einer Bundesarbeitsgemeinschaft der Schlesischen Jugend immer tiefer vertraut geworden.

Wie wurde es damals im politischen Raum wahrgenommen, dass Sie gerade diese Problematik auf die Agenda setzten?

Wir haben vor allem in dem Bundestagsabgeordneten Dr. Alois Mertes, 1982 bis 1985 Staatsminister im Auswärtigen Amt, einen engagierten Mitstreiter gehabt: Er war der erste ranghohe politische Vertreter, der auf eine Parlamentsanfrage hin deutlich gemacht hat, welche Zahl von Deutschen in der Volksrepublik Polen lebten. Das hat damals zu einer scharfen Reaktion der kommunistischen Propaganda in Polen geführt. Es hab aber auch sehr engagierte Abgeordnete der deutschen Bundestages – Helmut Sauer, Herbert Hupka, Herbert Czaja, Klaus Jäger – die für die Schlesische Jugend und die AGMO ein guter Partner gewesen sind. Wir haben damals als AGMO eine große Unterschriftensammlung gemacht für die Achtung der Rechte der deutschen Volksgruppe im seinerzeitig kommunistischen Polen: Über 20.000 Unterschriften übergaben wir im Mai1984 dem damaligen Staatsminister im Bundeskanzleramt, Friedrich Vogel. Vor allem die konsequent fallbezogene Arbeit, die fundierte Dokumentation von Einzelschicksalen, bei denen Deutsche die Repressionen im polnischen kommunistischen Staat erleiden mussten, hat immer stärker Beachtung gefunden. Das war seitens der AGMO wirklich das Novum im Einsatz für die Rechte der deutschen Volksgruppe in Polen.

Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass wir es heute – 2016 – mit einem demokratischen Polen zu tun haben, in dem es legale Gruppen des Deutschen Freundschaftskreises gibt?

Ich habe immer geglaubt, dass sich zu meinen Lebzeiten die politische Situation in Deutschland und Europa verändern wird. Mir war immer klar, dass deutsche und europäische Einheit zusammengehören und nur bei Überwindung des Status quo in Europa Chancen gegeben sein werden für die staatliche Einheit Deutschlands. Natürlich habe ich immer auch gehofft, dass es noch eine Chance geben wird, in einem solchen Prozess auch über den Status der Gebiete östlich von Oder und Neiße einvernehmlich mit Polen zu sprechen. Das hat sich dann nicht gefügt. Andererseits: Schon damals vernahmen wir – etwa in der Solidarnosc-Bewegung – Stimmen, die sich zum Beispiel mit einem solchen Thema wie Minderheitenrechte in einem demokratischen Polen und Anerkennung der dort lebenden Deutschen als Minderheit in einem europäischen Minderheitenrechtsverständnis zu Wort gemeldet haben. Insofern hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass alles so schnell geht, aber dass die Dinge sich verändern, davon war ich immer überzeugt.

Wenn Sie heute auf die deutsche Volksgruppe blicken – wie stellt sich die aktuelle Lage für Sie dar?

Angesichts eines demokratischen, rechtstaatlichen Polens, das Mitglied der Europäischen Union ist und sehr wichtige Vereinbarungen des Minderheitenschutzes auf der Ebene des Europäischen Rats unterzeichnet hat, kann die deutsche Minderheit sich auf einem sicheren Rechtsgrund in Polen entfalten. Auch hat sie feste Strukturen entwickelt und zudem inzwischen auch einen Generationswechsel vollzogen. Heute ist sie ein nicht wegzudenkender politischer und gesellschaftlicher Faktor in Polen und dem deutsch-polnischen Beziehungsgeflecht. Das ist eigentlich ein ganz großartiger Erfolg, der vor allem natürlich der deutschen Minderheit selbst zu verdanken ist, der aber auch der Unterstützungsleistung von Organisationen in Deutschland, wie der AGMO e.V., wie den Landsmannschaften, dem BdV – aber auch der wachsenden Unterstützung durch die deutsche Bundesregierung, jedoch auch polnischen Regierungen zu verdanken ist.

Wo sehen Sie für die Fortsetzung dieses Erfolges zukünftige Herausforderungen?

Natürlich gibt es noch viele unerledigte Dinge, wenn ich zum Beispiel an den muttersprachlichen Unterricht, an echte Bilingualität im Bildungs- und Schulwesen – vom Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen und Universitäten – denke. Es liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns, dass wir versuchen auch mit der gegenwärtigen polnischen Regierung weiter nach vorne zu bringen.

Was bedeutet der in Polen vollzogene Regierungswechsel konkret für Ihre Arbeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten?

Die Bundesregierung ist auch gegenüber den neuen politischen Verantwortlichen in Polen zu einem offenen konstruktiven Dialog über eine gute Zukunft der deutschen Minderheit in Polen bereit. Durch den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag, aber auch durch das von meinem Vorgänger eingeführte Format des „Runden Tisches“ sprechen wir mit der polnischen Seite über zwei Personengruppen: Die deutsche Minderheit in Polen und die Gruppe der deutschen Bürger polnischer Abstammung und der Polen in Deutschland, wobei klar ist, dass es sich bei den Deutschen um eine anerkannte Minderheit handelt. Gleichwohl wollen wir als Bundesrepublik Deutschland auch die kulturellen, sprachlichen, sozialen und bildungspolitischen Anliegen der polnischen Diaspora wahrnehmen und beachten. Ich hoffe sehr, dass es auch mit der neuen polnischen Regierung gelingt, in diesen wichtigen Fragen unseres bilateralen Verhältnisses zu Einvernehmen und zu Fortschritten zu kommen. Dem diente auch ein kürzlicher Besuch meinerseits in Warschau.

Wo sehen Sie denn, wenn wir in die Zukunft schauen, die deutsche Volksgruppe in zwanzig Jahren? Was sind Ihre Visionen?

Wir haben in Europa sehr gelungene Beispiele von gesicherten Minderheitenrechten. Ich möchte hier das deutsch-dänische Modell nennen, dessen Entstehung auch nicht so leicht war nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch zwischen Deutschland und Dänemark hatte es blutige Kämpfe um die Grenze, auch um die Frage jeweiliger Minderheiten gegeben. Dennoch ist im deutsch-dänischen Grenzland etwas vorbildliches und einzigartiges in Europa entstanden. Auch die Situation des Zusammenlebens von Südtirolern, Italienern und Ladinern in Südtirol ist ein weltweit anerkanntes Modell gesicherter Minderheitenrechte. Und auch das Zusammenleben von Flamen, Wallonen und deutschsprachiger Gemeinschaft in Belgien ist europäischer Standard par excellence. Ich wünsche mir, dass wir in zwanzig Jahren neben dem deutsch-dänischen Modell auch auf das deutsch-polnische Modell als wegweisend für Minderheitenfragen in Europa und darüber hinaus verweisen können.

Sie selbst werden im kommenden Jahr nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Wie werden Sie die anstehenden Entwicklungen in der Folgezeit begleiten?

Ich mit Mitglied der Landsmannschaft Schlesien, Mitglied im VDA, dessen Bundesvorsitzender ich über 20 Jahre war. Die AGMO e.V., die ich mit gegründet habe, wird sich jetzt mit dem VDA zu einer Organisation verschmelzen. Ich bin nach wie vor Mitglied im Verwaltungsrat des VDA und habe die Stiftung „Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland“ ins Leben rufen können, deren Stiftungsrat ich vorsitze. Das heißt, ich werde weiter ehrenamtlich in einer Reihe von Organisationen tätig bleiben, die sich das Engagement für unsere im Ausland lebenden deutschen Landsleute aufs Panier geschrieben haben. Und gerade Schlesien ist als Heimat meiner Eltern und Lebensraum meiner Verwandten natürlich ein ganz besonderer Bezugspunkt für mich. Wenn ich sehe, wie sich das Leben des dort lebenden Teils meiner Familie verändert hat, wie die Kinder dort an den Bildungschancen partizipieren und nicht mehr auf die Idee kommen, außerhalb Schlesiens eine Zukunft für sich zu sehen, dann zeigt mir das, dass die Dinge sich gut entwickelt haben und sich hoffentlich auch weiter gut entwickeln werden. Weil Schlesien Teil meiner Identität ist, werde ich gerade dieser zutiefst europäischen Region und unseren dort lebenden Landsleuten weiter eng und engagiert verbunden bleiben.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 6/2016
Weitere Informationen: http://www.agmo.de

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