Potentiale fruchtbar machen

Das Bundesvertriebenengesetz verpflichtet im § 96 die Bundesrepublik Deutschland, die Erforschung, Bewahrung, Präsentation und Vermittlung der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa zu fördern. Dieser Verpflichtung kommt die Bundesregierung in Person der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien nach. Ein aktueller Regierungsbeschluss zur Kulturförderung nach dem Bundesvertriebenengesetz eröffnet nun neue Perspektiven für die Vertriebenenverbände, indem er mehrfach dezidiert ihre Einbeziehung in die Kulturarbeit betont.

Von Tilman Asmus Fischer

Das Bundeskabinett hat am 24. Februar 2016 die von Kulturstaatsministerin Monika Grütters unter dem Titel »Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa: Erinnerung bewahren – Brücken bauen – Zukunft gestalten« vorgelegte Konzeption zur Erforschung, Bewahrung, Präsentation und Vermittlung der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa nach § 96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG) beschlossen. Was diese kulturpolitische Weichenstellung konkret bedeutet, werden – nicht zuletzt abhängig von haushaltspolitischen Entscheidungen – die kommenden Jahre zeigen. Schon jetzt gibt das Papier jedoch wichtige Hinweise auf die Rolle, die die aktuelle Regierungspolitik den zivilgesellschaftlichen Akteuren aus den Reihen der Vertriebenen beimisst.

Bereits im Vorwort beziehen die Verfasser die von Flucht und Vertreibung Betroffenen – und zwar sowohl Heimatvertriebene als auch -verbliebene – in die Reihe der Träger von Präsentation, Vermittlung und Erforschung des historischen und kulturellen Erbes der Deutschen im östlichen Europa mit ein: BdV, Landsmannschaften, Vertriebenen- und Volksgruppenorganisationen leisten, »neben den nach § 96 BVFG geförderten Museen, Vermittlungs- und Forschungseinrichtungen […] einen wertvollen Beitrag.«

Eine nähere Verhältnisbestimmung zwischen diesen Akteuren nimmt die Konzeption an späterer Stelle vor, wenn es heißt: »Rückgrat des Bereichs sind die institutionell durch den Bund geförderten Museen, Kulturreferentinnen und -referenten, die Einrichtungen der kulturellen Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Forschungsinstitute, die ihre aus § 96 BVFG folgenden Aufgaben auch in bewährter Kooperation mit den Landsmannschaften und den landsmannschaftlichen Verbänden erfüllen.«

Die Bundesregierung nährt die Hoffnung, dass es sich hierbei um eine Partnerschaft auf Augenhöhe handeln soll und das heute bereits bestehende faktische Primat der staatlichen Kultureinrichtungen nicht zulasten des zivilgesellschaftlichen Engagements der Vertriebenen ausgebaut werden soll. So kann man zumindest die anerkennenden Worte für »die über Jahrzehnte und bis heute erfolgreiche Arbeit der Landsmannschaften und Vertriebenenverbände« interpretieren. Wenn zudem betont wird, dass es sich bei dieser Arbeit um Aufgaben handele, »die zunehmend von der nachwachsenden Generation übernommen werden und damit in die Zukunft gerichtet sind«, müsste die Bundesregierung sich dazu verpflichtet sehen, die engmaschige Einbindung der Vertriebenenverbände in die kulturpolitische und praktische Umsetzung des Konzeptes zu garantieren.

Was würde dies für die Praxis bedeuten? Im Rahmen der bestehenden Strukturen sollen, so zumindest das Konzept, »zukunftsweisende Maßnahmen und Kooperationsoptionen entwickelt werden, die im Rahmen der Möglichkeiten auch die Landsmannschaften sowie die Organisationen der Heimatvertriebenen einbeziehen«. Ferner fokussiert das Papier eine »dynamische Weiterentwicklung« »vor dem Hintergrund des Übergangs vom ›kommunikativen‹ zum ›kulturellen Gedächtnis‹, der durch das Erlöschen der Erlebnisgeneration von Flucht und Vertreibung gekennzeichnet ist«. Im Lichte der vorangegangenen Positionierungen wäre hier auch eine konstruktive Begleitung der aktuellen Transformationsprozesse in den Vertriebenenverbänden wünschenswert.

Vielversprechend für die landsmannschaftliche Arbeit sind in diesem Sinne die exemplarisch aufgezeigten Perspektiven der Projektförderung. Diese ermöglichen es unter anderem, »aktuelle Themen wie Zeitzeugendokumentationen oder die Erfassung der Heimatsammlungen der Vertriebenen gezielt zu fördern« und zudem »bestimmte Adressaten und Kooperationspartner wie Landsmannschaften und ihre Kultureinrichtungen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Universitäten oder freie Träger direkt anzusprechen«.

Somit birgt das vorgelegte Konzeptpapier ein nicht zu unterschätzendes Potential. Es liegt nun an den zivilgesellschaftlichen Akteuren aus den Reihen der Vertriebenen, die Politik nachhaltig zu ermutigen, es Hand in Hand mit ihnen fruchtbar zu machen.

In ähnlicher Form erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 4/2016.

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