Auf ein Wort: Die PiS, die AfD, Ungarn – und wir

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e.V.

Die Entwicklungen in unserem Nachbarland geben Anlass zu kritischen Anfragen an die Politik der gegenwärtigen Regierung der Republik Polen. Für uns Heimatvertriebene und Nachgeborene stehen dabei das lebendige Interesse an der alten Heimat und die Empathie mit ihren heutigen Bewohnern im Hintergrund. Doch sollten die letzten Monate für uns nicht auch Anlass zur Selbstreflexion sein?

Nicht wenige Vertriebene haben mit der Gründung der Alternative für Deutschland (AfD) – neben allen Bedenken – die Hoffnung auf eine Belebung des öffentlichen Diskurses verbunden. Im Sommer 2014 schrieb ich selbst in einem Beitrag für diese Zeitung, die AfD habe, »zumindest als zeitweiliges Alleinstellungsmerkmal, das Potential, bestimmte, im politischen Diskurs marginalisierte Themen zur Sprache zu bringen. Eben hier liegen die Chancen eines Dialogs mit Repräsentanten der Vertriebenen, den führende Vertreter der Partei explizit befürworten«.

Die Töne, die wir heute – zumal aus Mitteldeutschland und Brandenburg – hören, haben mich immer wieder nachdenklich gestimmt: Gewiss war es damals nicht falsch, den Dialog mit der AfD zu befürworten – denn die heutige AfD ist nicht die der Anfangszeit. Aber wäre nicht schon früher deutlichere Skepsis notwendig gewesen? Spätestens als die AfD nach der Wahl 2014 gemeinsam mit der polnischen »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) in dieselbe Fraktion des Europaparlaments einzog.

Der offensichtliche Konsens zwischen AfD und PiS muss uns nachträglich fragen lassen: Waren einige von uns damals zu euphorisch? Vielleicht hätten wir klarer erkennen und anmahnen können, dass uns nützliche Diskussionsbeiträge letztlich einer Gesinnung folgten, die unseren eigenen historischen Erfahrungen diametral gegenübersteht: Der Erfahrung, dass die Wahrung der Interessen von Staaten und Volksgruppen in Europa ins Unheil führt, wenn dabei eine einzige Nation absolut gesetzt wird.

In Polen könnte unter einer Geisteshaltung, die dies verkennt, gerade auch die deutsche Volksgruppe zu leiden haben. In Deutschland müssen wir heute – zumal angesichts der Antworten der AfD auf die Flüchtlingskrise – froh sein, dass es keine weitreichenden Verflechtungen zwischen AfD und organisierten Vertriebenen gibt.

Was jedoch könnten unsere Bedenken gegenüber der polnischen Regierungspolitik etwa für unser Verhältnis zu Ungarn bedeuten? Auf der einen Seite wahrt die ungarische Regierung das Erbe der Ungarndeutschen und erinnert offensiv an deren Vertreibung. Dementsprechend positiv aufgeschlossen sind die deutschen Vertriebenenverbände dem offiziellen Ungarn gegenüber. Für Ungarn gehört diese Erinnerungskultur zur Staatsräson.

Auf der anderen Seite steht jedoch auch die gegenwärtige Flüchtlingspolitik und der enge Schulterschluss mit der PiS-Regierung. Hier wären wir – wenn wir als Vertriebene aufrichtig agieren wollen – in der Pflicht, mit Ungarn konstruktiv und kritisch zu diskutieren. Letztlich ist die Frage: Geht es uns nur um die Wahrung einer uns wohlgesonnenen Erinnerungskultur oder um das Eintreten für eine europäische Werteordnung, der wir historisch verpflichtet sind?

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 3/2016.

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