Enge Grenzen für die Forschung

Wie die Rechtslage zur Forschung mit Embryonen in Europa aussieht und was deutsche Forscher dürfen

Von Tilman Asmus Fischer

Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit belasten Betroffene und ihre Angehörigen – dementsprechend groß ist der Wunsch, medizinische Auswege und Lösungen zu finden. Wie weit darf die Wissenschaft auf der Suche nach diesen jedoch gehen? Eine faktische Entscheidung in dieser Frage hat Anfang Februar die britische Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie getroffen: Sie gestattet dem in London ansässigen Francis-Chrick-Institut bei der Erforschung von Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten Experimente mit gesunden menschlichen Embryonen.

Diese Entscheidung führte in Deutschland nicht nur zu deutlicher Ablehnung seitens der Evangelischen Kirche (EKD) unter ethischen Gesichtspunkten. Sie wäre zudem angesichts der Gesetzgebung hierzulande auch juristisch nicht zulässig. Die aktuelle Rechtslage wird bestimmt durch das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahre 1991. Dieses gestattet die Erzeugung eines Embryos einzig und alleine für die „Herbeiführung einer Schwangerschaft“ – und verbietet den Einsatz eines Embryos „zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck“. Dabei wird jede Zelle, die in der Lage ist, sich zu einem funktionierenden Organismus zu entwickeln, als Embryo aufgefasst. Die Einfuhr von Stammzellen, die hierzu nicht in der Lage sind, ist zwar nicht verboten, sie und ihre Verwendung unterliegt gemäß dem Stammzellengesetz von 2002 jedoch strikten Auflagen.

Damit zieht die Bundesrepublik in der Stammzellenforschung deutlich engere Grenzen als etwa die Europäische Union. Diese finanziert sogar Forschungsprojekte, die wegen der Rechtslage in Deutschland unzulässig sind: „Aufgrund der restriktiven Gesetzgebung ist es deutschen Forschern nur in wenigen Fällen möglich, EU-Stammzellforschungsförderung in Anspruch zu nehmen“, konstatiert das Deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE). Auch der Blick in Deutschlands Nachbarländer Belgien und Niederlande mag erklären, warum die EKD angesichts der aktuellen Entwicklung in England auf ein Festhalten an den geltenden Regelungen dringt: Hier gelten schon seit Jahren liberalere Gesetze.

In Belgien darf binnen 14 Tagen nach der Befruchtung an Embryonen zu medizinischen oder therapeutischen Zwecken geforscht werden, in den Niederlanden in derselben Frist bei einer künstlichen Befruchtung entstehende überzählige Embryonen zur Forschung entnommen werden. Zwar verbieten beide Länder die reine Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken, laut DRZE wird diese jedoch in Belgien zugelassen, „wenn die vorhandenen überzähligen Embryonen nicht den Bedarf des Forschungsvorhabens decken“.

Insbesondere diese Regelung macht deutlich: Die Gesetzgebung orientiert sich nicht nur an ethischen Bedenken, wie sie etwa Kirchenvertreter vortragen, sondern zugleich an den Bedürfnissen der Forschung. So war es auch in Deutschland nicht nur die Positionierung des Deutschen Ethikrates, sondern ebenso ein Papier der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das 2008 zu einer Verschiebung des Stichtages (Tag der Gewinnung aus Embryonen) einführbarer Stammzellen vom 1. Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 führte. Diese Verschiebung war damals auch von der EKD mitgetragen worden – jedoch nur „wenn die derzeitige Grundlagenforschung aufgrund der Verunreinigung der Stammzelllinien nicht fortgesetzt werden kann und wenn es sich um eine einmalige Stichtagsverschiebung auf einen bereits zurückliegenden Stichtag handelt“. Die sich nun wie in England eröffnenden Möglichkeiten gehen – so die EKD gegenüber dem epd – „noch weit über die im Jahr 2008 diskutierte Problemlage hinaus“.

Wie wichtig einheitliche und klare Regelungen sind, zeigt ein Blick in die USA: Hier steht eine weitestgehend liberalisierte private Forschung, die mit für Forschungszwecke erzeugten Embryonen arbeitet, einer staatliche Forschung gegenüber, deren Förderung und Reglementierung oder Aussetzung dem Willen der jeweiligen Regierung unterliegt.

Ausführliche Infos auf der Internetseite des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften: http://www.drze.de/imblickpunkt/stammzellen

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 7/2016.

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