Religion und Integration

Eine Diskussion zwischen Margot Käßmann, Ahmad Milad Karimi und Micha Brumlik zur Frage, welche Rolle Religion bei der Integration von Flüchtlingen spielt

Von Tilman Asmus Fischer

Welche Reibungen könnten entstehen, wenn angesichts der laufenden politischen Debatten eine lutherische Altbischöfin, ein islamischer Religionswissenschaftler und ein jüdischer Religionsphilosoph über die „Rolle von Religionen bei der Integration von Geflüchteten in Deutschland und Europa“ sprechen? Kaum Reibungen gab es bei der Podiumsdiskussion zwischen Margot Käßmann, Ahmad Milad Karimi und Micha Brumlik am 27. Januar in der Villa Elisabeth, Berlin-Mitte. Geladen hatten die „Dialogperspektiven“, ein Programm für interreligiösen Dialog des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks.

Bereits die der Diskussion vorangestellten Hinführungen der drei Referenten waren vom Streben nach Konsens geprägt: Alle drei stellten Fluchterzählungen als Zentralthemen der jeweiligen heiligen Schriften heraus – von der Vertreibung aus dem Paradies bis hin zum heimatlosen Propheten Mohammed. Dass jede der drei Religionen zur Empathie mit Flüchtlingen befähigt – und zu Verantwortung ihnen gegenüber auffordert, war damit schnell geklärt.

Das sich anschließende – von Johanna Korneli und Jo Frank moderierte – Gespräch stieß immer wieder an Grenzen, wo es um eine Rolle von Religion im Integrationsprozess ging, die über diese allgemeinen Feststellungen zu Empathie und Verantwortung hinausgeht: Die Rolle von Religion und Bekenntnis des einzelnen Menschen. Gleich zu Anfang sprach sich das Podium gegen eine Überbewertung des Kriteriums ‚Religion’ in der Wahrnehmung der Flüchtlinge aus. Karimi begründete dies mit der „religiösen Verletzung“, die die Betroffenen in ihrer Heimat erlebt hätten, Käßmann mit einer um sich greifenden Negativbewertung alles Religiösen als fundamentalistisch.

Im weiteren Verlauf kreiste die Diskussion um die europäische Mitverantwortung für Fluchtursachen, die Leistungsfähigkeit von Religionsgemeinschaften in aktuellen Problemlösungen, das öffentliche „Sprechen über Flüchtlinge“. Der Aspekt persönlicher Religiosität kam erst wieder angesichts der Angst jüdischer Gemeinden vor wachsendem Antisemitismus durch arabische Zuwanderung und der Ereignisse der Kölner Silvesternacht zur Sprache.

Karimi lehnte unter Verweis darauf, dass sich ein gläubiger Muslim nicht wie in Köln geschehen verhalten könne, die Frage, ob ‚Köln’ etwas mit dem Islam zu tun habe, in dieser Schlichtheit kategorisch ab. Demgegenüber gestand Brumlik kritisch zu, auch sich als Jude kritische Fragen gefallen lassen zu müssen: Etwa nach der Aufforderung zu Steinig Besessener im Buch Levitikus. Insgesamt trug Brumlik wesentlich zur Belebung der Debatte bei. So kritisierte er etwa die Konzentration auf Fluchtursachen in der laufenden Debatte als „Ausflucht“ vor den aktuellen Fragen der Integration, die jetzt geklärt werden müssten.

Letztlich war es der Welt-Journalist Matthias Kamann, dem es aus dem Publikum heraus gelang, durch einen Vergleich zu den jüngsten sexuellen Übergriffen die Debatte zuzuspitzen: Niemand würde bestreiten, dass die Homophobie in katholischen Milieus der alten Bundesrepublik auch etwas mit der damaligen Religiosität zu tun gehabt habe. Dies veranlasste Brumlik zu der Feststellung, dass es neben der wahrhaftigen Auslegung einer Glaubenslehre, in der breiten Masse immer auch tradierte Muster gebe, wo die Religion nicht richtig verstanden werde. Am Ende musste seine hieraus folgende elementare Frage unbeantwortet stehenbleiben: „Wie können wir trennscharf zwischen Religion und Kultur unterscheiden?“ Mit ihrer noch ausstehenden Beantwortung erwuchs aus der Diskussion eine wichtige ‚Dialogperspektive’.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 6/2016.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s