„Mensch seiner Zeit“

Kardinal Walter Kaspar verortet Martin Luther als Reformkatholiken

Von Tilman Asmus Fischer

Am 3. November 2014 hatte der päpstliche „Ökumenebeauftragte“ Kurt Kardinal Koch die Ringvorlesung „Ökumene einer Streitkultur?“ an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Vortrag über „Wege zur Einheit nach der Kirchenspaltung“ eröffnet. Etwas mehr als ein Jahr später – am 18. Januar 2016 – beschloss Kochs Amtsvorgänger Walter Kardinal Kasper mit einem Vortrag über „Martin Luther. 1517–2017 – eine ökumenische Perspektive“ die thematisch anschließende Ringvorlesung „Postreformatorischer Katholizismus – kulturelle Prosperität und Systemkonkurrenz“. Seine historische Einordnung der Gestalt Martin Luthers kreiste um die Aufforderung, den Reformator „als Mensch seiner Zeit, nicht unserer Zeit“ zu verstehen – als eine historische Persönlichkeit, die im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit stand. Diese Perspektive vermag heutzutage zu entlasten, da auch manche Protestanten mit Luther fremdeln. Trotz Zuspitzung konfessioneller Konflikte im Reformationszeitalter vermochte Walter doch, Luther als Reformkatholiken in der katholischen Kirche seiner Zeit zu verorten, die mit reformerischen Orden und einer lebendigen Laienfrömmigkeit selbst vielfältiger und reformfähiger war, als dies heute bisweilen scheinen will.

Walter Kardinal Kasper
Walter Kardinal Kasper

Hinsichtlich der erfolgten Kirchenspaltung wandte sich Kasper gegen „einseitige Schuldzuweisungen“. Hierzu hätten die Reaktionen Roms auf den Reformer Luther ebenso beigetragen wie dessen Stilisierung des Papstes zum Antichristen, die jeden weiteren Dialog ausgeschlossen habe. Für die Gegenwart stellte Kasper hingegen fest, dass konfessionelle Differenzierungen im Alltag irrelevant geworden seien: „Das kann man als Kirchenmann bedauern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das konfessionelle Zeitalter vorbei ist.“ Hieran änderten weder katholische Restaurations- noch protestantische Reformationsfeiern etwas.

Was will und kann uns Luther heute im postkonfessionalistischen Zeitalter sagen? Neben der Orientierung auf das Evangelium betonte Kasper Luthers Ringen um einen „universalen Humanismus“. Im Hintergrund stand die Beobachtung, dass sich Christen, egal welcher Konfession, in der Moderne einer „säkularen Ökumene“ gegenüber sähen, die Glaube und Kirche aus dem öffentlichen Leben verdränge – im arabischen Raum befänden sie sich gar in einer „Ökumene des Blutes“. Diese Gesamtlage nötige zu einem „Zusammenrücken“.

Kasper warnte, Luther einseitig zum „Bannerträger der Neuzeit“ zu stilisieren. Zum einen seien die Wurzeln der neuzeitlichen Entwicklungen zu vielseitig – sie reichten neben der Aufklärungsphilosophie ebenso in katholische wie auch reformierte Kontexte hinein. Zum anderen warf Kasper die Frage auf, inwiefern Luther mit seiner Buß- und Gnadentheologie nicht gerade einigen, die menschliche Autonomie überbetonenden Entwicklungen der Moderne kritisch gegenüberstehen würde. Hieraus ergeben sich spannende Fragestellungen – von denen man hoffen kann, dass sie Gegenstand einer geplanten Fortsetzung der von der katholischen Guardini-Stiftung getragenen Ringvorlesung werden. Dasselbe gilt für Facetten lutherischer Theologie, die für Kasper ökumenische Anknüpfungspunkte bieten, jedoch in vielen evangelischen Kirchen dem Vergessen anheimgefallen seien: Dies gelte für Luthers Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie für seine Mystik. Seine Hoffnung auf eine etwa hiervon ausgehende Belebung der Ökumene beschrieb Kasper wiederum mit einem Luther-Wort: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2016.

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