Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s